Bettina Lori

Bettina Lori, Hotelbesitzerin und Katastrophenhunde-Führerin

Wenn Bettina Lori über ihre Entscheidung spricht, nach Neufundland zu ziehen, klingt es immer noch so, als sei damals eine Naturgewalt über sie und ihren Mann Herbert hereingebrochen: „Es ist uns einfach passiert“, sagt sie im Dialekt des Schweizer Kantons Graubünden, aus dem sie ursprünglich stammt. Sie führt gerade ihre beiden Hunde laufen, nachdem sie im eigenen Hotel das Essen fürs Personal gekocht hat. Auch nachher am Empfang trägt sie Bergsteiger-Sandalen und eine Freizeithose, denn hier in Neufundland gibt man sich locker.
Manchmal schlägt das Schicksal so kräftig zu, dass man sich einfach fügen muss. Das passierte Bettina, einer Ex-Lehrerin und Ex-Journalistin, als sie mit Herbert im Sommer 1994 nach Neufundland reiste. Beide verliebten sich sogleich in die atemberaubend schöne Landschaft, die von überaus freundlichen Menschen bewohnt wird.

Heute ist Bettina Mit-Besitzerin eines preisgekrönten Hotels namens Neddies Harbour Inn in Norris Point, eine Autostunde von Flughafen Deer Lake entfernt. 2007 hatten sie und Herbert, ein ehemaliger Polizist aus Zürich,
das gemütliche Haus für gehobene Ansprüche eröffnet. Ein Unterfangen, das Bettina auch heute noch im Spaß als verrückt bezeichnet. „Wir wollten damals gar nicht weg aus der Schweiz, aber wir wollten einfach hier sein“, erzählt sie im sonnendurchfluteten Aufenthaltsraum ihres Hotels, in dem sie – unkonventionell und praktisch, wie sie ist – in vielen Töpfen Kräuter für die qualitätsbewusste Hotelküche zieht.

Mit schweizerischer Vorsicht testete sie das Vorhaben gründlich: Sie fuhr in Begleitung von Herbert nochmals im Winter hin. Nach den ersten Schneestürmen fragten die Leute in Norris Point: „Na, gefällt es euch immer noch?“ Aber Schnee schreckte die beiden nicht. Bettina hatte Herbert bei der Ausbildung von Katastrophen-Hunden in der Schweiz kennengelernt.
Es gefiel ihnen in Norris Point so gut, dass sie sich ein Grundstück zeigen ließen. Bettina erinnert sich noch gut, wie sie den Landbesitzer trafen und sich auf Schneemobile setzen mussten, um zum Standort zu gelangen. „Wenn ich im tiefen Schnee einsank, stießen meine Stiefel auf die Spitzen von kleinen Tannen“, erzählt sie lachend.
Zuerst führten Bettina und Herbert Wanderreisen an der Westküste Neufundlands durch. Aber ihr Traum war ein Hotel, das vor allem Europäern zusagen würde. Sie hatten Glück: Mitten im Gros Morne Nationalpark, einem UNESCO-Weltnaturerbe, wo es nur wenig privates Land gibt, fanden sie ihr kleines Paradies. Die Besitzer eines Alters- und Pflegeheims verkauften ihr Anwesen mit Aussicht auf den Ozean und die plattgedrückten Tafelberge, die eher an kahle Wüstengebirge als an Neufundland denken lassen.
Drei Jahre lang ließen Bettina und Herbert die Gebäude renovieren, einen Teil abreißen und wieder neu aufbauen. „Wir wollten ein umweltfreundliches Hotel“, sagt Bettina, „aber wir mussten Kompromisse machen. Sonnenenergie wäre zum Beispiel zu teuer gewesen.“ Wenn immer möglich, bezogen sie die Baumaterialien aus der Umgebung. Die Böden der Neddies Harbour Inn sind aus neufundländischem Birkenholz. Möbel, Bettwäsche und Tischtücher wurden in der Nähe gefertigt.
Auch in der Küche will Bettina möglichst örtliche Produkte: „Wir haben immer frischen Fisch, deshalb kann ich am Morgen jeweils noch nicht sagen, was die Fischer an diesem Tag hereinbringen werden.“ Neddies Harbour Inn zieht heute Touristen aus Kanada und aus aller Welt an. Bettina kann sich mit ihnen auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Schwyzerdütsch, Romanisch und Französisch unterhalten.

Auch kanadische Parlamentarier aus Ottawa verbrachten in ihrem Boutique-Hotel schon den Urlaub. Und vor zwei Jahren beherbergte sie eine Woche lang Kanadas schönstes Paar, den Sohn des legendären Ex-Premierministers Pierre Trudeau, den Abgeordneten Justin Trudeau, und seine Frau Sophie Gregoire. Im Winter des vergangenen Jahres erhielt Neddies Harbour Inn die Auszeichnung „Accommodator of the Year“ (Unterkunft des Jahres) von der Tourismusorganisation Hospitality Newfoundland/Labrador.
In Norris Point, wo sie als Einwanderer aus der Schweiz sofort herzliche Aufnahme fanden, wollen sie nicht mehr weg. „Wir waren von Anfang an willkommen und integriert“, sagt Bettina. An Weihnachten und Neujahr sind sie so häufig eingeladen, dass sie selbst kaum noch Zeit finden, ihrerseits Gäste zu bewirten.
Im Winter, wenn das Hotel geschlossen ist, kümmert sich Bettina um die Ausbildung von Lawinen- und Suchhunden. Zusammen mit Herbert hat sie dazu eigens eine Gruppe von Hundeführern aufgebaut. Mit ihrem Golden Retriever aus Kanada und der Labradorhündin aus der Schweiz ist sie bereit, auf die Suche von Vermissten in Bergen und Wäldern zu gehen. „Gerade hier im Gros Morne Nationalpark ist das wichtig, da immer mehr Menschen auch im Winter Touren machen“, sagt sie.
Sie weiss jetzt, wie gewaltig Schneestürme in Neufundland sind. Aber Naturgewalten, das hat Bettina am eigenen Leib erfahren, können auch ihr Gutes haben. Vor allem wenn man durch sie an einen Ort verschlagen wird, an dem man für immer bleiben will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Informationen:

Neddies Harbour Inn, Norris Point, Neufundland (Zimmer und vier Chalets)
www.the inn.ca
Tel. 001 709 458 30 89
E-Mail: stay@theinn.ca

Für junge Leute, die Englisch lernen möchten, ist in Neddies Harbour Inn
im Sommer ein unbezahltes Praktikum möglich. Essen und Unterkunft gratis.