Eine besitzgreifende Liebe

Fortsetzung

Ja, ich gebe es zu, es war die Liebe, die mir den letzten Stoß gab, alle bürokratischen Hindernisse zu überwinden und in Kanada eine neue Existenz aufzubauen: die Liebe zu einem Mann, aber vor allem die Liebe zu diesem riesengroßen Land. Romantisch, nicht wahr? Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Ich wäre nicht Schweizerin, hätte ich dieses Abenteuer Knall auf Fall eingeleitet.
Meine Annäherung an Kanada geschah stufenweise. Ich hatte in den Jahren zuvor verschiedene Landesteile bereist, zuletzt während drei Monaten im Jahr 1999. Ich war damals noch Auslandskorrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Zürich – mehr ein Heimspiel als Ausland. Ich sehnte mich nach einem exotischen Posten irgendwo auf der Welt.
Kanada erschien mir als „terra incognita“ – eine Nische im Schatten der Vereinigten Staaten, aber für eine Bewohnerin der kleinen Schweiz beeindruckend genug in ihrer Ausdehnung: Deutschland hätte 27mal Platz darin.
In einem Ratgeber hatte ich gelesen, dass Auswanderer in der ersten Phase meist von Euphorie erfüllt sind. Später, wenn sich der Alltag breitmacht, fallen sie oft in ein dunkles Loch. Soweit ist es bei mir glücklicherweise nie gekommen. Aber als sicherheitsbewusste Schweizerin aus einem wohlstandsverwöhnten Land hat mich eine gewisse Existenzangst immer begleitet. Unter Heimweh litt ich zu meinem Erstaunen allerdings nie.
Von den Kanadiern an der Westküste habe ich schnell gelernt, die Dinge locker zu sehen, ein bisschen in den Tag hineinzuleben und „laid back“ zu sein, unbesorgter, entspannter. Der freundliche Umgangston in meiner neuen Heimat wirkt wie Schmieröl im Getriebe des Alltags, er neutralisiert Stress. Ich liebe es, beim Vornamen genannt zu werden und das gutgelaunte Begrüssungsritual herunterzuspulen: „Hi, how are you doing?“ „Fine, and yourself?“ „Good. Nice to see you!“ „Take care!“
Natürlich spürte ich den Drang, all das zu tun, was man in Schweizer Augen eben so in Kanada tut. Ich versuchte mich im Fliegenfischen und kämpfte in hüfthohen Gummistiefeln mit riesigen Lachsen, um nicht in die reißenden Fluten des Skeena-Flusses gezogen zu werden. Mit meinem Kanadier erforschte ich entlegene Seen im Kanu (eine kanadische Ikone!) und suchte nach Matsutake-Pilzen im Busch. Ich sah den Grizzlybären beim Fischen in Bergbächen zu und glitt im Wasserflug über das wuchtige Küstengebirge von British Columbia.
Ich kaufte mir auch einen alten Pickup-Truck mit Ladefläche (noch so eine kanadische Ikone). Zitternd überstand ich ein Erdbeben und etwas stoischer eine Tanne, die während eines Sturms das Dach meines Heims durchschlug und ins Vestibül brach. Aber macht das eine Schweizerin zur Kanadierin?
Seit etwas mehr als einem Jahr besitze ich die kanadische Staatsbürgerschaft. Während der Einbürgerungsfeier erlebte ich einen bangen Moment, kurz bevor ich den Eid auf die britische Königin, die immer noch das offizielle Staatsoberhaupt Kanadas ist, ablegen sollte. Als eingefleischte Republikanerin sträubte sich alles in mir dagegen. Der Richter, ein älterer weiser Mann, spürte die Bedenken der versammelten Kanadier in spe und erklärte uns mit freundlichen Worten:
„Nicht die Königin sagt uns, was wir zu tun haben, sondern wir sagen der Königin, wie wir es haben wollen.“ Somit war die Macht wieder dort platziert, wo sie in einer Demokratie hingehört, und ich stimmte bewegt in die Landeshymne „O Canada“ ein.
Die Liebe zu diesem Land hat überdauert, im Gegensatz zur Beziehung mit dem Kanadier, von dem ich mich nach vier Jahren trennte. Meine neuen Wurzeln spiegeln sich auch in meinen Büchern: Der erste Thriller spielte noch in Zürich, der zweite aber in British Columbia und den Northwest Territories. Macht mich das zu einer Kanadierin?
Es geschah auf einem Eisbrecher der kanadischen Küstenwache, mit dem ich im Sommer 2007 durch die legendäre Nordwestpassage fuhr. Als ich in der Mitternachtssonne auf dem Deck stand, das ewige Eis der Arktis vor mir, überwältigend in seiner Schönheit, Stille und Verletzlichkeit, kam mir plötzlich der Gedanke: Die Arktis gehört zu Kanada. Sie gehört zu uns! Sie gehört auch ein bisschen mir! Wehe, jemand macht sie uns streitig – ich würde sie mit Zähnen und Klauen verteidigen.
Und jäh erkannte ich: So besitzergreifend kann nur eine richtige Kanadierin sein.”

(P.S. Den roten Pickup Truck habe ich immer noch, er ist jetzt bereits 19 Jahre alt und nicht umzubringen!)