Die Fremde auf dem Eis

Erstes Kapitel

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Sein Auge registrierte es sofort. Am Rand der Eisstraße.

Erst nur einen winzigen Punkt. Er wurde größer. Dunkelblau. Nicht zu verfehlen in dieser weißen Wüste. Sicher nicht für ihn. Seine Augen sahen alles, was nicht hierher passte.

Im Winter war er ständig auf dem Eis. Tag für Tag. Er mit seinem Truck. Eine Maschine, die sechzig Tonnen auf dem Buckel aushält. Heute hatte er eine Baracke für die neuen Gasarbeiter hinten drauf. Diese Typen aus dem Süden skypen ihren Familien zu Hause, dass sie im Arktischen Ozean nach Gas bohren. Nicht dass sich Leute, die dreitausend Meilen weit entfernt wohnen, etwas darunter vorstellen könnten.

Muss ein blauer Pick-up sein. Hat wahrscheinlich auf dem Eis eine Pirouette gedreht. Natürlich unfreiwillig. Er konnte sich schon denken, was ihn erwartete. Die Kühlerhaube in die Schneewehe gebohrt. Die Reifen ausgekugelt wie ein Schultergelenk. Hatte er alles schon oft gesehen.

Sicher die üblichen Aufschneider. Blutige Anfänger. Städter mit einem Mammutego wie ein aufgeblasener Frosch und einem noch größeren Erfahrungsdefizit. Diese Asphalt-Cowboys aus Calgary. Oder Vancouver.

Vielleicht ein Ingenieur von ORS Gas & Oil. Oder so ’n Globetrotter aus Italien. Noch schlimmer, ein Yankee aus Texas. Letztes Jahr waren es Engländer gewesen, die Moschusochsen filmen wollten. Nicht hier, sondern auf Banks Island. Mussten natürlich erst die Eisstraße runterrasen. Statt der Ochsen fingen sie sich einen Achsenbruch ein.

Solche Idioten haben nicht die geringste Ahnung, was eine Eisstraße erfordert. Nicht den geringsten Schimmer, wie man eine Maschine auf vier Meter dickem Glas fährt. Sie würden ihn auslachen, wenn er ihnen sagte: ›Dieses Glas lebt. Man nennt es Eis.‹

Er weiß schon, wo die Großstadtbabys ihren Wahnsinn getankt haben. Sicher von der Mattscheibe. Von Ice Road Truckers. Einer dieser Realityshows. Er hätte sich so was nie angesehen. Aber Judy, seine Frau, hatte ihn überredet. »Damit du siehst, wie sie das machen«, hatte sie gesagt.

Ihm waren fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Diese Fernsehleute backen wirklich keine kleinen Brötchen. ›Abenteuer am Polarmeer! Nur für die kühnsten und wagemutigsten Fahrer. Sie riskieren ihr Leben auf der Winterstraße über das gefrorene Delta des mächtigen Mackenzie-Stroms. Sie fahren mit dem Teufel im Nacken und sechzig Tonnen auf den Trucks. Jederzeit können sie im Eis einbrechen.‹

Sein Kumpel Poppy Dixon war mit einem Kasten Bier vorbeigekommen, und sie hatten vor Lachen wie die Wölfe geheult. Poppy hatte ihm so wild auf den Rücken geklopft, dass er fast vom Sofa gekippt wäre. »Was für verdammte Helden wir sind, was, Todd? Das wussten wir gar nicht!«

Abenteuer? Na bitte. Poppy war im Winter zuvor mit ’nem Lastwagen durchs Eis gebrochen. Achtzig Tonnen sackten hinten ab. Betonröhren für eine Gasfirma da draußen. Ein paar von Helvin Wests Leuten und ein Kran holten ihn wieder raus. Damals hatte Poppy nichts zu lachen. Schneeweiß war sein Gesicht gewesen.

Jetzt konnte er den blauen Pick-up deutlich sehen. Die Schnauze tief im Schneewall am Rand der Eisstraße. Was für ein Schlamassel. Und was war das da im Schnee? Ein rotbrauner Umriss. Ein toter Elch. Oder was davon übrig geblieben war: der Kopf. Aus dem Maul hing die lange Zunge. Rote Schlieren rundherum. Rot wie Judys Nagellack.

Sein Fuß streichelte das Gaspedal. Mit dieser schweren Last konnte er nicht mehr als Tempo fünfzig riskieren. Ende März und schon Sonne, Sonne, Sonne. Vier Tage nichts als Sonne. Vier verdammte Tage hintereinander. Und es war nicht mal April. Das Eis hielt immer noch. Aber wie lange, wer konnte das schon wissen. Nur Clem Hardeven, der Eismeister. Wenn der sagte, die Eisstraße wird gesperrt, dann wurde sie gesperrt. Da hörte selbst Helvin West auf Clem. Und Helvin war Clems Boss.

Er drosselte den Motor. Langsam, langsam, langsam. Todd, mein Guter, genieß den Anblick dieses Deppen, der sich sein eigenes Grab im Schnee gegraben hat. Der Dummkopf hat sicher auf dem Eis zu heftig auf die Bremsen gedrückt, als er den Elchkopf sah. Darauf hätte er wetten können.

Bremsen auf dem Eis muss gelernt sein. Anfänger. Er konnte nur sagen, Anfänger. Vielleicht hatte der Typ im Crazy Hunter ein paar Bier zu viel gehabt. Großer Fehler. Man spielt nicht mit dem Feuer auf dem Eis.

Plötzlich, noch bevor er zum Stehen kam, ging ein Licht in seinem Gehirn an. Mehr noch, es heulte wie eine Sirene. Blau, der Pick-up war leuchtend blau. Mit einer weißen Aufschrift. Er musste sie gar nicht lesen. Ach, du liebe Scheiße.

Er zog Handschuhe und Fellmütze über und den Reißverschluss seiner Daunenjacke hoch. Dann sprang er aus dem Lastwagen und watschelte über das glänzende Eis wie ein Curlingspieler. Fahren fiel ihm leichter als laufen. Die Eisstraße war spiegelglatt.

Kein Achsenbruch. Das konnte er gleich sehen. Er schob seine Sonnenbrille zurecht. Zu viel Sonne und zu viel Weiß rundherum für seinen Geschmack. Keine Bewegung im Innern des Wagens. Er versuchte, die Tür zu öffnen. Ging nicht. Er versuchte die andere Seite. Er zog und zerrte, und als die Tür aufsprang, fiel er mit ihr fast um. Er spähte hinein. Nichts. Alles leer. Der Vogel ausgeflogen.

Was sollte er tun? Am besten, nichts wie weg nach Inuvik. War ja nicht mehr weit. Die Polente wusste sicher schon, was los war. Er hatte genug Zeit verloren.

Er setzte seine Fahrt fort, ließ den Pick-up im Rückspiegel verschwinden. Schade, dass sich die Kiste nicht in Luft auflöste. Er wollte nichts damit zu tun haben.

Noch eine lange Kurve, und er konnte Inuvik schon fast riechen.

Doch da war noch etwas. Ein dunkles Bündel am Straßenrand. Himmel, Arsch und Zwirn! Er wusste gleich, dass es diesmal kein Elch war. Sein Truck schlitterte, bis er stand. Noch mal raus in die Kälte.

Er bewegte sich mühsam vorwärts. Eine Frau. Sie lag direkt auf dem Eis. Zusammengekrümmt wie ein leidender Embryo. Unbeweglich. Das Gesicht auf einen Arm gelegt, die Augen geschlossen. Die Kappe immer noch auf dem dunklen Haar. Die Kapuze nach hinten gerutscht. Wie eingeschlafen. Er beugte sich zu ihr hinunter und schüttelte sie. Rief Hallo, Hallo. Obwohl er es bereits wusste. So starr und eiskalt. Sie war jung. Und sie war tot.

Er kannte die Frau nicht. Nur den Pick-up kannte er. Aber er brachte die beiden nicht zusammen. Er brachte die beiden einfach nicht zusammen.

Wie ein Pinguin wackelte er auf dem Eis zurück zu seinem Truck und griff nach dem Satellitentelefon.

 

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