Nutze deine Feinde

Auszug aus dem Buch „Nutze deine Feinde“ von Bernadette Calonego (Copyright Berlin Verlag Bloomsbury Berlin 2005)
www.berlinverlage.de

 

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Prolog

Die Straßenbahn kam so abrupt zum Stehen, dass Josefa
Rehmer zunächst gegen die Stange des Sitzes vor ihr prallte,
dann wieder zurückfiel und auf die Seite kippte. Die Warnglocke
der Straßenbahn schrillte. Während Josefa vergeblich
versuchte, sich irgendwo festzuhalten, traf ihre linke Schläfe
auf etwas Hartes unter rauem Stoff. Sie lag nun seitlich gegen
einen menschlichen Körper gelehnt, der wie ein Turner an
den Ringen hin und herbaumelte. In ihrer linken Schläfe
pochte ein stechender Schmerz. Der Turner, der sich an die
Halteschlaufen geklammert hatte, richtete sich auf und zog
den schwarzen Anzug zurecht, den er unter einem offenen
Lammfellmantel trug. Josefa spürte seinen Blick auf sich ruhen.
Doch als sie ihm ein entschuldigendes Lächeln zuwarf,
schaute er rasch zur Seite. Dem jungen Mann war die ungewollte
Tuchfühlung offensichtlich genauso peinlich wie ihr.
Der Leitwagen der Straßenbahn stand quer auf Zürichs
Bahnhofstraße. Er war gerade von der Haltestelle weggefahren
und hatte an Tempo gewonnen, als ihn ein Hindernis unvermittelt
zu einem scharfen Bremsmanöver zwang. Nun
öffneten sich die automatischen Türen, und die Passagiere
drängten benommen nach draußen. Auch Josefa packte ihre
heruntergefallene Aktentasche und trat auf den Gehsteig.
Die eisige Januarluft schnitt ihr ins Gesicht.
Auf der anderen Straßenseite hatten sich bereits etliche
Schaulustige versammelt. In einer Phalanx kreisten sie ein rotes
Mercedes-Coupé ein, dessen Kotflügel zersplittert war
wie ein eingedrücktes Osterei. Ein modisch gekleideter
Mann stand daneben, die Hände hilflos in die Hüften gestemmt.
Doch Josefa hatte keine Zeit zu verlieren. Ungeduldig
bahnte sie sich einen Weg durch den Menschenauflauf. Jetzt
spürte sie auch in ihrem Brustbein ein Pochen. Das musste
die Stange des Vordersitzes gewesen sein. Ihre Schläfe fühlte
sich feucht an. Sie fuhr prüfend mit dem Finger darüber: Ein
roter Film blieb an ihm haften. Im Laufen holte sie einen
kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche, klappte ihn auf, blieb
kurz stehen und hielt ihn schräg nach oben. Nichts. Sie
musste das Blut gleich mit dem Finger weggetupft haben.
Aber da war etwas im Hintergrund. Vor einem Schaufenster,
nur ein paar Schritte von ihr entfernt, stand der Mann im
Lammfellmantel. Sie spürte wieder den pochenden Schmerz.
Der Typ musste etwas verdammt Hartes in seiner Brusttasche
tragen. Josefa verstaute eilig den Spiegel und lief weiter.
Sie war unter Zeitdruck. Die Straßenbahn war bereits zu spät
eingefahren, völlig unüblich für die legendäre Zürcher
Pünktlichkeit. Wenn sie sich beeilte, konnte es Josefa zum
Paradeplatz in wenigen Minuten schaffen. Doch nach diesem
Zwischenfall würde sie verschwitzt und aufgelöst ankommen
– trotz der Kälte.
Die Bahnhofstraße erschien ihr plötzlich unendlich lang,
mit viel zu vielen Passanten vor den Toren der Bankpaläste
und den vornehmen Geschäften. Auf dem Paradeplatz hatte
sich ein Alphornbläser aufgestellt, ein uriger Typ mit Vollbart
und einem edelweißbekränzten grünen Filzhut. Im Vorbeihasten
konnte Josefa nur zwei Wörter der Botschaft entziffern,
die er auf einen Karton gepinselt hatte: »Stille« und
»besinnen«. Das Alphorn übertönte das Kreischen der Straßenbahnen
und den rauschenden Autoverkehr in den umliegenden
Straßen. Ein Radfahrer, der die Schienen überqueren
wollte, rutschte aus und stürzte. Was für ein verrückter Tag!
Josefa warf eilig einen Blick zurück, um festzustellen, ob der
Radler verletzt war. Da sah sie den Mann im Lammfellmantel
hinter einem Pfeiler beim Eingang einer Privatbank verschwinden.
Endlich angekommen. Bevor sie das Hotel betrat, tupfte sie
sich sicherheitshalber mit einem Taschentuch die Schläfen ab.
Blassrote Streifen verfärbten das Papier. An der Mauer des
Kaufladens gegenüber klebte ein Plakat, das alle Schweizer
Soldaten zur jährlichen obligatorischen Schusswaffenübung
aufrief.
Josefa schob sich durch die Drehtür in die elegante Hotelhalle,
die mit blau-goldenen Teppichen ausgelegt war. Der
Concierge telefonierte gerade und musterte sie beiläufig. Josefa
sah nervös auf ihre Uhr: Sie war bereits fünf Minuten zu
spät. Das war für ein erstes Treffen immer schlecht. Dann,
endlich, kam eine junge Frau hinter den Tresen und wandte
sich ihr zu. Sie besaß den unterkühlten Charme deutscher
Nachrichtensprecherinnen. »Die Firma Desag hat eine
Nachricht für mich hinterlassen«, erklärte Josefa. Die Dame
vom Empfang hob fragend die Augenbrauen. »Welche Firma,
bitte?«
»Desag. D-E-S-A-G«, wiederholte Josefa. Das Treffen
fand zum ersten Mal in diesem Hotel statt, weil das Baur-au-
Lac wegen Bauarbeiten geschlossen war.
»Desag? Und eine Nachricht für wen, bitte?«
Josefa wurde nervös. War das Personal nicht informiert?
Oder waren ihre Gesprächspartner vielleicht im falschen
Hotel?
Nun legte der Concierge den Hörer auf. »Desag«, sagte er.
»Ja, da haben wir eine Nachricht. Sie werden ins Zimmer 398
gebeten.«
Josefa zögerte. »Zimmer 398? Ist das ein Hotelzimmer?«
Die Treffen fanden grundsätzlich nicht in Hotelzimmern
statt. Josefa blickte den Mann peinlich berührt an. Ihr fielen
plötzlich Geschichten von Edelprostituierten ein, die betuchte
Kunden in Grand-Hotels aufsuchten. Für einen kurzen
Moment überlegte sie, wen er wohl vor sich sah: eine
schlanke Frau, Mitte dreißig, in einem hellblauen Mohair-
Mantel, mit farblich passendem Seidenschal von Fabric
Frontline und einer Aktentasche unterm Arm. Ihre grau melierten
Locken (sie hatte schon im zarten Alter von zwanzig
Jahren graue Strähnen, ein Erbe ihrer Mutter) hatte sie hochgesteckt.
Außer einem blassen Lippenstift und einem hauchdünnen
Lidstrich war sie nicht geschminkt. (Zum Glück hatte
sie von ihrer italienischen Mutter auch die dunklen Augen
und die dichten Wimpern geerbt.) Ihre fein getönte Gesichtshaut
brauchte kein Make-up.
Josefa sog die Luft ein. »Nach meinen Informationen wurde
ein kleines Konferenzzimmer reserviert«, sagte sie mit
fester Stimme. Der Concierge nickte entschuldigend. »Leider
sind unsere Konferenzräume alle belegt. Aber das Zimmer
398 ist eine große Suite. Und sie verfügt über die gesamte
notwendige Infrastruktur, um als Büro genutzt zu werden,
das kann ich Ihnen versichern.« Er nahm ein mehrseitiges
Dokument und heftete es mit Schwung ab. In Josefas Ohren
knallte es. Sie zuckte zusammen. Es war eine Waffe, die ihre
Schläfe gerammt hatte! Ein Revolver oder eine Pistole. Das
musste es sein. Ihre Knie wurden weich. Wurde sie erneut
verfolgt?
»Wünschen Sie noch etwas?«, fragte der Concierge.
»Zum Aufzug, bitte«, sagte Josefa.
»Gleich da drüben links.«
Josefa wartete nervös vor dem Anzug. Neben ihr stand
eine Gruppe Touristen, die in den Tüten der teuren Designerläden
zwischen Paradeplatz und Storchenplatz ihre Ausbeute
heimtrugen. Josefa, reiß dich zusammen. Es ist alles in
Ordnung. Wie schreckhaft sie doch war. Die vergangenen
Ereignisse hatten ihre Nerven angegriffen. Wahrscheinlich
lag es an dem Plakat. Mit dem Aufruf zur militärischen
Schießübung. Das musste ihre Phantasie beflügelt haben. Es
gibt noch eine normale Welt, versuchte sie sich zu beruhigen.
Dieses Hotel etwa, oder die Touristen, die nun mit ihr im
Aufzug noch oben glitten.
Der Flur auf der dritten Etage war leer. Neben Zimmer 398
leuchtete ein Schalter mit der Aufforderung »Bitte drücken«.
Doch Josefa klopfte an, mehrfach und kräftig. Sie wartete.
Eine Leuchtschrift erschien: »Bitte eintreten.« Sie drückte
auf die Klinke.
Das Vorzimmer lag im Dunkeln, doch in der angrenzenden
Suite brannte Licht. Die Vorhänge waren zugezogen, das
konnte sie von weitem erkennen. Hätte sie etwas warnen sollen?
Hätte sie vorsichtiger sein sollen nach den vergangenen
Monaten? Unschlüssig schob sie die Aktentasche von einer
Hand in die andere, da erschien im Türrahmen eine Gestalt.
Josefa erstarrte. »Sie?«, stieß sie hervor. Das war nicht die
Person, die sie erwartet hatte. Diesem Mann, der nun die
Hand leicht hob, hätte sie nicht begegnen wollen. Nicht jetzt
und nicht unvorbereitet.
»Ich hatte schon lange den Wunsch, mich mit Ihnen zu unterhalten«,

hörte sie ihn mit schwerer, heiserer Stimme sagen.
In diesem Augenblick ließ ein Geräusch sie herumfahren.
Ein Mann hatte die Außentür aufgestoßen. Er trug einen
Lammfellmantel über einem schwarzen Anzug. Und unter
dem Anzug einen eckigen Gegenstand aus Metall.

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