“Oh, wie schön ist Kanada!”

Erstes Kapitel des Buches “Oh, wie schön ist Kanada!”

von Bernadette Calonego

Copyright Ullstein Buchverlage 2011

Calonego_Kanada-5

1

»Das ist Kanada, nicht der Kongo!«

Wäre ich nicht so aufgebracht, würde ich den Mann vor mir gründlich abtasten. Er muss ein Trugbild sein. Wenn ich ihn mit meinen Fingern berühre, wird er sich bestimmt auflösen wie eine Fata Morgana. Der tief in die Stirn gezogene breitrandige Hut, die Muskeln an den Unterarmen, die breiten Schultern, die gebogenen Spitzen der Stiefel. Das gebräunte Gesicht mit den männlichen Falten. Und diese Jeans, meine Güte!

Er sieht genau so aus, wie sich Lieschen Müller einen Cowboy vorstellt. Ein wandelndes Klischee, die Hände in die Hüften gestemmt, einen Kaugummi im Mund. Vor Klischees fürchtet sich meine Journalistenseele wie der Teufel vorm Weihwasser. Klischees bedeuten immer Ärger. Meine Finger zucken, aber dann rastet meine Selbstdisziplin wieder ein. Siebzehn Jahre Redaktionsdrill sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Das Über-Ich meldet sich. Meine Teure, du bist nicht als Journalistin hier. Du bist auf Urlaub, hörst du? U-R-L-A-U-B. Entspannung, Erholung, einfach mal wegtreten.

Wegtreten. Genau. Ich trete einige Schritte von dem Cowboy weg, der auf seinen Stiefeln wippt.

»Sie sind also Ankes Freundin aus Deutschland, die noch nie einen Bären gesehen hat?«, fragt er, die Beine gespreizt, als säße er auf einem Pferd. Dieser Typ hat überhaupt nicht die Absicht, sich aufzulösen wie eine Fata Morgana.

»Einen lebenden Bären«, korrigiere ich ihn. »Und Sie, haben Sie schon mal ein lebendes Krokodil gesehen?«

Der Cowboy stutzt einen Moment, dann lacht er. »Sie sind genau wie Anke, Sie wären imstande, einen schweren Laster umzublasen.«

Beim Namen Anke hätte ich nicht nur einen Laster umblasen, sondern Feuer speien können. Meine alte Schulfreundin ist schuld daran, dass ich schon seit zweieinhalb Stunden in der kanadischen Provinz British Columbia festsitze. Auf einem Flughafen, der diesen Namen gar nicht verdient. Außer einer Auswahl von fünfzig Sorten Kartoffelchips und Getränken, die wie billiges Shampoo aussehen, gibt es nichts zu kaufen.

»Die deutschen Mädchen, die hier leben«, sagt der Cowboy, »sind wirklich –«

»Wo ist Anke?«, unterbreche ich ihn. Verdutzt schiebt er seinen Hut einen Zentimeter himmelwärts.

»Sie konnte nicht weg, deswegen bin ich hier. Ich bin Jake. Ist das Ihr Gepäck?«

Sein Blick fällt auf meine zwei Koffer. Er hört auf zu kauen. »Ich hoffe, da ist nichts als deutsches Bier drin. Haben Sie eigentlich noch Kleider in Deutschland gelassen oder gleich alles mitgenommen?«

Vielleicht hätte ich mich in diesem Augenblick umdrehen und mit der nächsten Maschine nach Vancouver zurückfliegen sollen. Dann wäre mir einiges erspart geblieben.

Zum Beispiel die blutige Sauerei auf der Ladefläche des Pick-up-Trucks, der vor dem Flughafengebäude auf uns wartet. Jake sieht die Abscheu auf meinem Gesicht und grinst. »Wir haben einen dritten Passagier. Er tut Ihnen aber nichts.«

Zu spät. Mir dreht sich bereits der Magen um. Ein totes Tier liegt dort, der Kopf mitsamt dem Geweih abgetrennt. Blut rinnt aus dem offenen Maul, die Zunge hängt heraus. Die Augen dunkel und starr. Zerrissenes Fleisch zwischen braunem Fell.

Ich schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, hievt Jake die Koffer auf die hintere Sitzreihe des Pick-ups.

»Steigen Sie schon mal vorne ein«, ruft er.

Ich öffne die Tür und bleibe wie angewurzelt stehen. Auf dem Sitz liegt ein Gewehr, der Lauf auf mich gerichtet.

Wie von der Tarantel gestochen umrunde ich den Pick-up.

»Halt! Halt!«, rufe ich und strecke die Handfläche nach vorne, als müsste ich den Stoßverkehr in Frankfurt stoppen. Ich stamme aus Frankfurt und weiß, dass es kein Mittel gegen den Stoßverkehr gibt. Aber vielleicht kann ich etwas gegen dreiste Cowboys tun.

»Woher weiß ich eigentlich, wer Sie sind?«, sage ich. »Vielleicht hat Anke Sie gar nicht geschickt.«

Jake, der gerade den zweiten Koffer hochstemmen wollte, lässt ihn wieder sinken. Er nimmt seinen Hut vom Kopf, streicht sich übers volle braune Haar und setzt ihn dann mit beiden Händen wieder auf. Wie mir später klar wird, ist es eine Angewohnheit, um Zeit zu gewinnen, ohne die Selbstbeherrschung zu verlieren.

»Wer soll ich denn sein?«, fragt er schließlich.

Ich ringe um die Antwort. Gail hat mich auf alles Mögliche vorbereitet, aber nicht auf wildbretjagende Cowboys. Sie riet mir stattdessen, mich von den Horrorgeschichten wohlmeinender Kanadier nicht beeindrucken zu lassen. »Sie erzählen dir von aggressiven Bären und von Pumas, die Kinder überfallen«, hat sie mich gewarnt, »von Kojoten, die kleine Hündchen von der Leine weg fressen, und dann, wenn du dich nicht mehr in die Wildnis traust, sagen sie: Keine Bange, es kann dir doch nichts passieren.« Gail ist Kanadierin und muss es schließlich wissen. Ich habe sie auf einer Veranstaltung der Deutsch-Kanadischen Gesellschaft in Frankfurt kennengelernt. Gail ist mit einem Deutschen verheiratet und isst mindestens einmal die Woche Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Jake sieht mich immer noch fragend an. Ich klammere mich an meine Tasche mit dem deutschen Pass und stammle: »Ich … ich kenne Sie nicht … und Sie haben ein Gewehr im Truck.«

Jake schüttelt langsam den Kopf. »Das ist mein Jagdgewehr, Fraulein. Alle haben hier ein Jagdgewehr. Selbst Anke hat eins.« Er sagt »Änky«.

Ich bewege mich nicht von der Stelle und schweige.

»Mädchen, Sie haben keine andere Wahl, als mit mir zu kommen. Die Hotels in der Gegend sind voll, wegen des Rodeos. Der Rückflug nach Vancouver ist weg. Und Anke würde mich erschießen, wenn ich ohne Sie käme. Mit dem Jagdgewehr.« Er fasst den zweiten Koffer und zwinkert vielsagend. Dann knallt er die hintere Tür zu.

»Beruhigen Sie sich. Das hier ist nicht der Kongo, das ist Kanada.«

»Und Sie sind nicht Crocodile Dundee, sondern ein –«

Das Surren meines Handys unterbricht mich. Ich fische es aus der Tasche.

»Wo seid ihr? Ist alles okay? Ist Jake bei dir?« Eine weibliche Stimme. Unverkennbar Anke.

Den Rest des Gesprächs möchte ich lieber nicht dokumentiert sehen. Wir sind kurz davor, uns zu streiten. Ihren letzten Satz könnte ich ihr heute noch um die Ohren hauen: »Himmel, Kind«, brüllt sie, »stell dich doch nicht so an! Du bist in Kanada!«

Es ist immer dasselbe. Wenn man vorsichtig ist, stellt man sich an. Aber wenn man Risiken eingeht, heißt es hinterher: Wie konntest du nur so unvorsichtig sein!

Ich gebe auf und nehme Platz auf dem Beifahrersitz. Das Gewehr hat Jake neben den Hirschkopf auf die Ladefläche gelegt. Ich weiß nicht, ob das den Behörden gefallen würde, aber wenigstens ist es außer Sichtweite. Hätte ich meinen Laptop aktivieren können, dann hätte ich jetzt die kanadische Kriminalitätsrate mit der deutschen verglichen, damit ich nicht mehr so dumm dastehe.

Jake hält zehn Minuten später vor einer Tim-Hortons-Filiale und kommt kurz darauf mit Kaffee und Doughnuts zurück. »Sehen Sie, so nett sind wir Kanadier«, sagt er und grinst.

Zum ersten Mal lächle ich zurück. »Ja, ich weiß, in Kanada laufen alle Leute mit einem Heiligenschein herum.« Der Kaffeeduft stimmt mich beinahe versöhnlich.

Gail hat mir erzählt, dass Tim Hortons nicht nur eine Schnellimbisskette ist, sondern eine kanadische Institution. Das Unternehmen gehört zwar inzwischen einem amerikanischen Konzern und hatte deswegen seinen Geschäftssitz vorübergehend in die USA verlegt, aber das war nur von kurzer Dauer, und die Zentrale befindet sich heute wieder in Kanada. Selbst die Soldaten in Kandahar würden mit Kaffee von Tim Hortons versorgt, hatte Gail erwähnt. Burger King und Pizza Hut wurden vom Oberkommandierenden der Nato aus dem afghanischen Hauptquartier verbannt. Aber Tim Hortons durfte bleiben.

Dieser Gedanke hätte vielleicht meine Kampfbereitschaft stärken sollen. Aber als mir Jake einen Doughnut in die Hand drückt, bin ich schon so geschwächt vor Hunger, dass ich bald den Hirsch hinter mir angeknabbert hätte.

»Langen Sie ruhig zu«, sagt er, »wir werden drei Stunden unterwegs sein, und unterwegs gibt’s keinen Laden.«

Drei Stunden! Ohne Laden! Auch das hat mir Anke verschwiegen. Zugegeben, sie hatte am Telefon von »abgeschieden« gesprochen, aber ich hatte nur »Ruhe, Natur, Einkehr« verstanden.

Großer Fehler, du hättest nachfragen sollen.

Jake stellt meinen Kaffeebecher in eine Vertiefung zwischen den Sitzen. »Das ist das wichtigste Accessoire in einem kanadischen Wagen«, sagt er und steuert den Pick-up auf eine Landstraße.

»Man hat es erfunden, weil der Kaffee so heiß ist«, sage ich und reibe mir die Hand.

»Falsch, das hier ist für die Bierdosen gedacht. Kaffee trinke ich nur mit deutschen Mädchen.«

»Frauen«, korrigiere ich ihn.

Er sieht mich von der Seite an. »Seid ihr deutschen Ladys immer so auf Konfrontationskurs?«

»Warum?«

»Ihr seid so … direkt.« Er spuckt das Wort aus wie eine faule Kirsche.

Ich weiß nicht, worauf er hinaus will. »Was heißt direkt?«

»Nun … das ist schwierig zu erklären. Anke ist auch so, die sagt immer, was sie denkt.«

»Soll ich etwa sagen, was ich nicht denke?«

»Nun … vielleicht …« Der Cowboy verstummt.

In diesem Augenblick ahne ich nicht, dass ich die wenig schmeichelhafte Bedeutung des Wortes »direkt« noch früh genug lernen würde.

Ich versuche vergeblich, meinen Kaffee zu trinken, denn wir holpern jetzt über eine Lehmstraße mit der Topographie einer Käsereibe. Der aufgeweichte Untergrund ist voller Schlaglöcher, Wasserrinnen, Steine und flacher Tümpel. Bei jedem Hüpfer fürchte ich, Jake unfreiwillig um den Hals zu fallen. Eine Vorstellung, die mir weniger peinlich ist, als sie eigentlich sein sollte. Jake dreht das Radio auf, laute Countrymusic füllt den Pick-up.

»Ach, das ist noch gar nichts«, brüllt er. »Nach einem Regen kann man hier im Sumpf steckenbleiben. Sie haben hoffentlich Gummistiefel dabei!«

Hab ich natürlich nicht. Aber das will ich ihm nicht gleich unter die Nase reiben. Seine ist übrigens gerade und männlich, stelle ich fest. Irgendwer hat bestimmt Gummistiefel für mich. Und so lasse ich zum ersten Mal ein Wort fallen, das mich wie eine Zauberformel über viele kanadische Kommunikationsfallen hinwegtragen wird. Man umgeht damit Höflichkeitsfloskeln und langatmige Argumente. Es lässt einen freundlich, angepasst und souverän erscheinen.

»Sure«, sage ich, mindestens so nonchalant, wie ich in Deutschland »Na klar« sagen würde.

Und siehe da, Simsalabim, taut Jake auf und erzählt mir, dass er seit drei Jahren auf Ankes und Carls Ranch mit den Pferden arbeitet, allerdings nur im Sommer, im Winter fährt er Lastwagen im Norden Kanadas. Irgendwann wolle er sich auch eine Ranch kaufen, sagt er, aber die Landpreise in Kanada seien kräftig angestiegen. Von Anke weiß er, dass British Columbia zweieinhalbmal so groß ist wie Deutschland. Aber hier leben nur knapp fünf Menschen pro Quadratkilometer. In B. C. gehört das meiste Land, vor allem die Wälder, der Regierung. »Crown Land« nennt es Jake, als ob es immer noch in der Hand der britischen Krone wäre wie zu den Zeiten, als Kanada eine britische Kolonie war. Die Regierung, klagt Jake, überlasse das Land nur Bergbaukonzernen und Holzunternehmen statt armen Schluckern wie ihm.

Wir fahren jetzt an zwei waldgesäumten Seen entlang. Die Straße wird noch holpriger, dichter Busch begrenzt die Sicht auf beiden Seiten.

»Und warum sind Sie nach Kanada gekommen?«, fragt Jake nach einer Weile.

»Das erzähle ich Ihnen nur, wenn Sie die Musik leiser drehen.«

Er tut es umgehend. Aber eigentlich kann ich ihm gar nicht die ganze Wahrheit erzählen. Ich kann ihm nicht verraten, dass ich genug davon habe, über die hundertste Tarifrunde der IG Metall zu schreiben. Dass ich eine Pause brauche. Dass ich mich immer noch von einer Scheidung erhole. Und dass mir langweilig war. Und mitten in dieser Langeweile hörte ich plötzlich von meiner alten Schulfreundin Anke. Sie kontaktierte mich über Facebook und schrieb mir von der Ranch und dass sie mit einem Kanadier ihr Glück gefunden habe. Ich fand das unglaublich romantisch. Seither träumte ich vom Leben in der kanadischen Weite, von starken Männern und vom Leben in der Natur und mit Tieren. Ich sehnte mich nach Freiheit und Abenteuer und verband das alles mit Kanada. Aber das klang so furchtbar abgedroschen, dass ich mich fast dafür schämte.

Deshalb verheimlichte ich diese Sehnsüchte vor meinen Freunden, Bekannten, Geschwistern und den Arbeitskollegen in Deutschland. Erst recht meiner Chefin, die mir einen unbezahlten Urlaub von drei Monaten genehmigt hat. Offiziell hat mich Anke zu einem Besuch eingeladen. Punkt.

Diese Version bekommt nun auch Jake zu hören.

»Und ich will reiten lernen«, füge ich hinzu. Das ist mir gerade eingefallen.

»Was, Sie können nicht reiten?« Jake sieht mich fassungslos an.

»Na und? Sie können ja zum Beispiel auch nicht … Badminton spielen, oder?«

»Wenn Sie hierbleiben wollen, geht es nicht ohne Reiten.«

»Wer sagt denn, dass ich hierbleiben will?«

»Alle deutsche Mä… ähm, Frauen, die hierherkommen, wollen nicht wieder weg. Denken Sie nur, wie es Anke erging! Die ist hier hängengeblieben. Viele Deutsche haben in Kanada ihr Herz verloren. Das kann auch Ihnen passieren.«

»Wohl eher nicht. Ich habe eine Karriere in Deutschland und eine Eigentumswohnung.«

»Sie haben ein Condo? Sie besitzen kein Land?« Jake ist nicht beeindruckt.

»Nö, aber ich hab einen Balkon.«

»Einen Balkon, sieh mal an. Wissen Sie, wie groß die Ranch von Anke und Carl ist? 37 Hektar.«

Ich habe keine Ahnung, wie groß 37 Hektar sind, aber Jake hilft mir. »Wenn Sie die Grenze des Grundstücks ablaufen, dann brauchen Sie etwa eine Stunde.«

Ich bin beeindruckt.

Jake sieht so stolz aus, als gehöre ihm das Land persönlich.

Als er mir eröffnet, dass er vorhat, auf dem Rodeo in Williams Lake einen Stier zu reiten, kommt mir Gails Webseite in den Sinn. Mir wird ganz mulmig. Gail hat mich überredet, Video-Porträts von kanadischen Männern für ihre Webseite zu filmen. Nicht von irgendwelchen Männern, sondern von Junggesellen. Damit will sie ein weibliches Publikum für ihre alternativen Reisen anlocken. »Die sehen dann diese Naturburschen und kaufen die Reisen bei mir«, hatte sie mir erklärt. Ich dachte damals, warum nicht, so kann ich ungezwungen Männer kennenlernen (was beweist, wie leicht man solche Ideen sich selbst gegenüber rechtfertigen kann).

»Das wird ein Riesenspaß«, hatte Gail, deren Lieblingswort »FUN« ist, bekräftigt. »Und du bekommst meine selbstgemachten Seifen und Gesichtscremes kostenlos.« Das nenne ich ein Angebot. Gail stellt ihre Natur-Kosmetik ohne Tierversuche her, was mich als Tierfreundin besonders beeindruckt.

Nur hier, in Kanada, sieht die Sache nicht mehr so nach FUN aus. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?

Im Radio singt jemand »Dance with me«, so schnulzig, als gelte es einen Eisberg zu schmelzen, und Jake singt mit.

Mir kommt die Fahrt wie eine Ewigkeit vor. Gebüsch links und Gebüsch rechts, dahinter Wald und nochmals Wald. Gerade abwechslungsreich ist das nicht.

Jake hält kurz an, damit ich endlich den lauwarmen Kaffee trinken kann, ohne ihn über meine Hose zu schütten, und dann geht’s wieder mit Gerumpel weiter, als ob wir in einer Waschmaschine säßen. Irgendwann entfaltet der Kaffee seine Wirkung, und ich sage Jake, ich müsse mal raus, um mir die Nase zu pudern. Es dauert eine Weile, bis er versteht, was ich meine.

»Gehen Sie nicht zu weit«, ruft er, als ich mich dem Gebüsch nähere, aber das braucht er mir nicht zweimal zu sagen. Wenn nur kein Bär in der Nähe ist! Der riecht doch bestimmt den blutigen Hirschrücken!

Als ich rasch zum Pick-up zurückkehre, ist Jakes Stirn umwölkt.

»Was ist?«, frage ich.

»Oh, nichts«, sagt er und startet den Motor.

Nach einer halben Stunde schaue ich auf die Uhr. Noch etwa vierzig Minuten zur Ranch, schätze ich.

Der Pick-up kommt plötzlich zum Stehen.

Jake versucht den Motor in Gang zu bringen. Aber der springt nicht an.

»Oh well«, sagt Jake, und sein Grinsen ist nicht mehr so frech. »Das war’s wohl.«

»Sind wir schon da?«, frage ich hoffnungsvoll wider besseres Wissen.

Jake öffnet die Tür. »Das Benzin ist alle, und ich habe den Reservekanister vergessen.«

Es dauert eine Weile, bis der Inhalt der Botschaft bei mir ankommt. Aber dann fasse ich mich schnell. »Wir können doch mit dem Handy die Ranch anrufen.«

»Kein Empfang hier, meine Teure, wir sind in der Wildnis. Oder sehen Sie irgendwo einen Sendemast?«

Jake macht sich auf der Ladefläche zu schaffen. Ich steige aus. Unbegreiflich, dass man in dieser menschenleeren Gegend einfach einen Benzinkanister vergessen kann!

»Was machen wir nun?«, rufe ich.

»Wir fahren mit dem Quad.«

»Mit was?«

Jake zeigt auf eine Art Motorrad mit vier Rädern, dem ich bislang noch keine Beachtung geschenkt habe. Es ist blutbeschmiert.

Die folgenden dreißig Minuten würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen. Nur so viel: Jake gelingt es, den Hirsch von der Ladefläche zu schieben, das Quad über eine Rampe abzuladen und den Tierkadaver wieder auf den Pick-up zu werfen. Dann will er, dass ich mich auf das schmutzige Geländefahrzeug setze. Ich lehne entsetzt ab.

»Sie können auch hier warten«, sagt Jake, »aber ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis jemand kommt.«

Diese Aussicht ist noch schlimmer als der blutverschmierte Sitz auf dem Quad. »Ich hole noch rasch meine Kamera raus und meinen Schmuck und –«

»Das lassen wir mal schön hier«, sagt Jake. »Wer soll das denn Ihrer Meinung nach klauen? Wie vielen Autos sind wir bislang begegnet? Wissen Sie, worum Sie sich sorgen sollten? Dass uns ein Bär den Hirsch klaut!«

»Uns? Ich kann mich nicht erinnern, dieses arme Tier totgeschossen zu haben«, belle ich zurück.

»Und die armen Tiere in den europäischen Schlachthöfen? Dieser Hirsch hatte wenigstens ein schönes Leben, bevor er starb.«

Jake holt einen Lappen aus dem Pick-up und wischt energisch über die Sitzfläche des Quad. »So, sauberer wird’s nicht. Springen Sie auf, Mylady.«

Ich nehme Platz, kann mir aber eine Frage nicht verkneifen: »Sind die Autotüren abgeschlossen?«

Jake grinst schon wieder. Diese Kanadier sind wirklich nicht aus der Ruhe zu bringen.

»Fast so gut wie die Tresore der Frankfurter Banken«, sagt er. »Halten Sie sich richtig fest?«

Was heißt schon richtig auf einem Vehikel, das jede Delle, jede Erhebung, jede Wurzel, jeden Steinbrocken als Fahrspur nimmt? Zu spät schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass wir beide keinen Helm tragen. Aber denken ist auf dem Quad ohnehin nicht möglich, es geht nur noch darum, nicht abgeworfen zu werden.

Jake scheint die ganze Sache Spaß zu machen, der fühlt sich bestimmt, als reite er auf einem wildgewordenen Stier. So kommt mir die Fahrt auch vor. Zu allem Übel fängt es auch noch an zu regnen.

Ich will nur noch nach Hause, wo immer das ist.

»Wir nehmen eine Abkürzung«, ruft Jake plötzlich, und schon rumpeln wir querfeldein, schlagen Breschen ins Gebüsch, während mir Zweige ins Gesicht peitschen, und durchqueren morastige Wiesen. Schlamm und Erde spritzen an meinen Jeans hoch.

Jäh öffnet sich eine große Lichtung. Ich sehe ein Blockhaus, daneben einen Stall mit Maschinen davor und ein Geviert voller schwarz-weißer Rinder. Eine Gruppe Pferde steht Heu fressend unter Tannen – und da ist auch das Lama, von dem mir Anke erzählt hat. Enten, Hühner und Kaninchen verscheuchend, rumpelt das Quad über wacklige Holzlatten, die wohl eine improvisierte Brücke über einem sprudelnden Bach darstellen sollen.

Endlich kommt das Quad zum Stehen. Ein Hund bellt. Ich kann kaum meine Finger von den seitlichen Bügeln lösen, an denen ich mich festgehalten habe. Wasser rinnt mir über die Stirn ins Gesicht.

Ich sehe mich um. Das ist Ankes Ranch? Irgendwie habe ich mir alles … idyllischer vorgestellt. Es wirkt so … unordentlich.

Eine Frau tritt aus der Tür und kommt die Treppe herunter. Ich erkenne sie kaum wieder nach all den Jahren.

»Du lieber Himmel, wie siehst du denn aus?«, fragt Anke.

Jake hat recht, sie ist wirklich sehr direkt.

Ich versuche zu lächeln. »Meine Wimperntusche ist wasserlöslich.«

»Ich hoffe, deine Schuhe sind es nicht.« Anke lacht.

Ich sehe an mir herunter. Meine Turnschuhe stecken tief im weichen Erdboden.

»Ich hab bestimmt ein Paar Gummistiefel für dich«, sagt sie und umarmt mich. »Willkommen in Kanada! Du bist ja schon auf einem Quad gefahren. Ist das nicht toll?«

Ich blicke zu Jake, der wieder mal unverschämt grinst, obwohl er kein Wort versteht.

Ich schlucke leer.

»Sure«, sage ich.