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		<title>Aus mit dem kanadischen Traum</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 19:51:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen im Tages-Anzeiger am 1. Juli 2008 Photo: Fabian Fabian Kanada ist nicht mehr ein Paradies für Auswanderer. Brigitta Stähli hätte nicht gedacht, dass sie schon wieder so wenig Geld verdienen würde. Für einen Stundenlohn von umgerechnet 10 Franken braut sie Tee in einem Tea Shop in Toronto. Es ist ein Teilzeitjob ohne Aussicht, und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen im Tages-Anzeiger am 1. Juli 2008</em></p>
<p><em>Photo: Fabian Fabian</em></p>
<p>Kanada ist nicht mehr ein Paradies für Auswanderer.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-74" title="FaBrigKanada" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/FaBrigKanada.jpg" alt="" width="300" height="199" /></p>
<p>Brigitta Stähli hätte nicht gedacht, dass sie schon wieder so wenig Geld verdienen würde. Für einen Stundenlohn von umgerechnet 10 Franken braut sie Tee in einem Tea Shop in Toronto. Es ist ein Teilzeitjob ohne Aussicht, und das nicht nur im bildlichen Sinn: Das fensterlose   &#8220;Teaopia&#8221; befindet sich in einer unterirdischen Fussgängerpassage im Finanzviertel von Kanadas grösster Stadt.</p>
<p>Noch vor vier Jahren besaß die 44-jährige Schweiz-Kanadierin ihr eigenes Tearoom im Dorf Sechelt in der Provinz British Columbia. Die Gegend nennt sich Sunshine Coast (Sonnenscheinküste), ein malerisches Stück Festland am Pazifischen Ozean, das in zwei Stunden von Vancouver aus zu erreichen ist. Dorthin war sie mit ihrem Mann Fabian im September 2001 mit grossen Hoffnungen ausgewandert. Die Inneneinrichtung des Tearooms hatten die beiden selber entworfen: eine bambusverkleidete Theke, edle Steinplatten am Boden, ein Cheminee an der Wand. Die Zukunft stand ihnen offen. Aber bald ging es mit dem kanadischen Traum bergab.</p>
<p>&#8220;Ich sah schnell, dass es finanziell nicht gut lief&#8221;, erzählt Brigitta. &#8220;Unsere berufliche Situation war eigentlich immer kritisch.&#8221; So kritisch, dass die beiden nun nach fast sieben Jahren Kanada verlassen und in die Schweiz zurückkehren. &#8220;Für viele Leute gibt es etwas Tolles in Kanada zu erreichen, aber ich konnte meine Träume nicht verwirklichen&#8221;, sagt Brigittas Ehemann, ein 39-jähriger   Computerspezialist und aspirierender Schauspieler, der sich Fabian Fabian nennt.</p>
<p>Die beiden sind bei weitem nicht die einzigen Auswanderer, die nach mehreren Jahren wieder in ihre alte Heimat zurückkehren. Nur spricht man darüber nicht. Während die Auswanderung meist mit Fanfaren angekündigt wird, verläuft die Rückkehr still und unbeachtet. Von Auswanderern wird erwartet, dass sie in dem neuen Land erfolgreich sind und das in die Tat umsetzen, wovon viele träumen. Die Realität sieht aber oft ganz anders aus (siehe Kasten).</p>
<p>Aber davon wussten Brigitta und Fabian nichts, als sie den Entschluss fassten, in Kanada zu leben. Auswandern wollte Fabian, sportlich und gutaussehend, schon immer. &#8220;Mir war es in der Schweiz zu eng&#8221;, sagt er. Brigitta, stets voller Tatendrang und Begeisterung, war sofort dabei. Sie verkauften ihre Firma für Werbefilm-Produktion in Zürich und schickten einen Container mit Möbeln auf die Reise.</p>
<p>Aber schon die Ankunft in Kanada war anders als erwartet. Die Terroristenangriffe vom 11. September warfen lange Schatten über die Sonnenscheinküste. &#8220;Es herrschte eine depressive Stimmung&#8221;, erinnert sich Brigitta. Und Sonne gab es auch keine, dafür viel Regen, im Winter ein Dauergast an Kanadas Westküste. Aber die beiden Neuankömmlinge erhielten gleich einen Auftrag für einen Werbefilm von ihrem Vermieter.</p>
<p>Beim ersten Mal lief die Sache gut, beim zweiten Mal wollte der Mann nicht bezahlen. Nur dank des Einsatzes eines kanadischen Bekannten erhielten sie doch noch ihr Geld. Das war die erste Lektion: In Kanada laufen die Dinge anders als in der Schweiz. Die zweite Lektion: Die Suche nach einer Arbeitsstelle ist schwierig und der Stundenlohn erbärmlich. &#8220;Hier läuft alles über Beziehungen&#8221;, sagt Brigitta, &#8220;aber wir kannten keinen Menschen.&#8221; Fabian fand schliesslich einen Job für zehn Franken pro Stunde in einem Computerladen. Brigitta eröffnete ihr Tearoom, mit dem Hintergedanken, &#8220;auf diese Weise Leute kennenzulernen.&#8221;</p>
<p><strong>August 2002</strong> Die Sonne scheint über den Stränden von Sechelt. Im Dorf findet gerade das alljährliche Dichter- Festival statt, das berühmte Namen aus ganz Kanada anzieht. Im &#8220;Tea House&#8221; sind alle Tische besetzt, auch die im Garten. Brigitta kommt mit Bedienen fast nicht nach. Wie immer ist sie gut aufgelegt, scherzt mit den Gästen, empfiehlt ihren selbstgebackenen Schweizer Kuchen. Aber sie weiss schon jetzt, dass dieses Wochenende die grosse Ausnahme in ihrem Geschäft ist. An manchen Tagen kommen nur drei Kunden vorbei, bekennt sie.</p>
<p>Fabian steht an der Kasse. Sonst arbeitet er in Vancouver als &#8220;Computer Playback Artist&#8221;, nachdem er sich zum Produktionsassistenten ausbilden liess.   Er verdient rund 7000 Franken im Monat, arbeitet sechzehn Stunden am Tag, aber er sei zufrieden, sagt er den Besuchern.</p>
<p>Diese finanziell lohnende Phase währt allerdings nicht lange.</p>
<p><strong>Juli 2004</strong> Fabian hat seinen Job während einer Umbauphase der Produktionsgesellschaft verloren. Die Filmindustrie in Vancouver erlebt eine Krise. Boom and Bust, Aufschwung und Niedergang, sind bekannte Phänomene in Kanadas Wirtschaft. &#8220;Ich hatte das Gefühl, ich sei nun dabei und &#8211; schwupp &#8211; bin ich niemand mehr&#8221;, klagt Fabian.</p>
<p>Auch mit dem Tearoom verlieren sie Geld. Nach zweieinhalb Jahren verkaufen sie das Geschäft. &#8220;Mein Tea House war zu gediegen&#8221;, sagt Brigitta. &#8220;Die Kanadier wollen einfach grosse und billige Portionen.&#8221; Im Sommer 2004 ziehen sie nach Vancouver. Fabian hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Aber Brigitta gefällt das Leben in der Stadt nicht. Nach einem halben Jahr trifft man die beiden wieder an der Sunshine Coast.</p>
<p><strong>Frühling 2005</strong> Brigitta und Fabian arbeiten im Garten ihres Häuschens, das sie für rund 140000 Franken mit finanzieller Hilfe von Freunden und Familie gekauft haben. Es ist winzig, aber Brigitta wollte sich unbedingt den Traum der eigenen vier Wände erfüllen. Fabian legt mit Freunden das Fundament für eine Doppelgarage, die er in ein Aikido-Trainingszentrum umwandeln will. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Kampfsportarten. Zudem nimmt er Schauspieltraining und hat in Vancouver einen Agenten gefunden. Brigitta bedient in einem Cafe für 10 Franken die Stunde. Vor kurzem hat sie vier Monate in der Schweiz verbracht, um mehr Geld zu verdienen, aber die Erfahrung war ernüchternd. Die beiden kennen nun viele Leute in Sechelt und besitzen den kanadischen Pass. Die Sunshine Coast ist ihr Zuhause. Denken sie.</p>
<p><strong>Dezember 2007</strong> Es regnet unaufhörlich. Noch so ein grauer, nasser, deprimierender Winter. Brigitta und Fabian sitzen an ihrem winzigen Tisch in der Küche. Fabian hat bislang keinen Job als Schauspieler gefunden. Er hat auch die Garage nicht fertiggestellt. Das Geld ist wieder knapp geworden. Brigitta ist jetzt in einem Import-Büro für rund 15 Franken die Stunde beschäftigt. Fabian arbeitet zwei Tage pro Woche als Graphiker für einen Gratisanzeiger. Die beiden langweilen sich. Sie wollen das Häuschen verkaufen und in Toronto einen Neuanfang wagen.</p>
<p><strong>Juni 2008</strong> Die Entscheidung ist gefallen: Brigitta und Fabian kehren in die Schweiz zurück. Zwar war der Anfang in Toronto vielversprechend gewesen. Fabian hatte Statistenrollen erhalten und Filmstars wie Liv Taylor und Jude Law getroffen. Aber die beiden sind auf keinen grünen Zweig gekommen. Keine Engagements für Fabian, kein Fortschritt. Der Gewinn vom Hausverkauf ist praktisch aufgezehrt. Selbst Small Talk ist nicht einfach. &#8220;Meine Bekannten haben andere Schulen besucht, eine andere Kindheit erlebt, andere Fernsehserien geschaut&#8221;, sagt Brigitta. &#8220;Uns fehlen Gemeinsamkeiten im Gespräch.&#8221;</p>
<p>Das wiegt alles Positive nicht auf. Brigitta gefällt der multikulturelle Einfluss in Toronto. Das Paar befasst sich auch mit spirituellen Zeremonien der Indianer, Fabian übt fleissig auf einer geheiligten Trommel. Aber trotz ihrer guten Ausbildung können sie sich nicht in Kanada integrieren.</p>
<p><strong>Oskar Studer aus Hinterforst (SG)</strong> kann das gut nachvollziehen. Der 54jährige wanderte 1995 nach Kanada aus, wo seine drei Brüder immer noch leben, und liess sich vier Jahre später wieder in der Schweiz nieder. Der gelernte Bankkaufmann versuchte sich mit allen möglichen Tätigkeiten in Kanada eine Existenz aufzubauen. Als Teilhaber einer eigenen Firma stellte er Häuser für Minenarbeiter in der Nähe von Williams Lake (Provinz British Columbia) auf. Aber dann schlossen die Minen, und mit dem Bauen war es vorbei. Seine Arbeitssuche blieb erfolglos. Man wollte ihn weder als Autovermieter noch als Handlanger in einem Sägewerk und auch nicht zum Auffüllen der Regale im Supermarkt. &#8220;Ich war wohl überqualifiert, oder man verstand meine Bewerbungsunterlagen mit dem Schweizer Lebenslauf nicht&#8221;, sagt Studer. Seine Frau Silvia, eine Krankenschwester, hätte in Kanada eine zusätzliche Ausbildung machen und dann zuerst als schlecht bezahlte Krankenhilfe arbeiten müssen. Da blieb sie lieber auf der Farm mit ihren geliebten Pferden.</p>
<p>Schliesslich sagte sich Oskar Studer: &#8220;Zäune aufstellen für zehn Dollar die Stunde, das war nicht unsere Idee vom kanadischen Traum.&#8221; Sie verkauften die 53 Hektar Land und flogen in die Schweiz zurück, wo Studer schnell wieder eine Stelle fand und später zum Finanz- und Personalchef aufstieg. Die kanadische Wildnis, die Weite und das Eisfischen vermisst er aber manchmal, und er schliesst nicht aus, einst seinen Lebensabend in Kanada zu verbringen.</p>
<p>Ganz anders Ruth Brücker , die im Jahr 2001 &#8211; mit 65 Jahren &#8211; nach Kanada auswanderte, aber im vergangenen Jahr beschloss, in Basel alt zu werden. Kanada war für die alleinstehende Grossmutter kein unbekanntes Land: Sie hatte als junge Frau mehrere Jahre mit Mann und Kindern dort gelebt. Aber bei ihrer Einreise vor sieben Jahren sollte es für immer sein. Ihre beiden Söhne leben in Vancouver und Sechelt, und Ruth Brücker suchte deren Nähe.</p>
<p>Sie kaufte ein Haus an der Sunshine Coast und packte mit Begeisterung die Renovation an. &#8220;Anfänglich fühlte ich mich wohl, vor allem die Nachbarn waren unheimlich nett&#8221;, sagt sie. Aber dann musste sie feststellen, dass die Söhne ihr eigenes Leben hatten. Den Ausschlag für ihre Rückkehr gaben allerdings Probleme mit den Augen. Sie konnte nachts nicht mehr Auto fahren. In einem Land, in dem die Distanzen riesig sind und man überall hin fährt, bedeutete das ein riesiger Verlust. Ruth Brücker fühlte sich zunehmend isoliert.</p>
<p>Ihre Rückkehr im vergangenen Jahr hat sie nie bereut. In Basel braucht sie wegen der guten öffentlichen Verkehrsmittel kein Auto. &#8220;Ich kann in der Schweiz länger selbständig sein&#8221;, sagt die 72-jährige. Manche Schweizer findet sie zwar &#8220;engstirnig und sehr auf sich bezogen&#8221;, die Menschen in Kanada seien viel offener und unkompliziert. Das vermisst sie &#8211; und den Pazifik auch.</p>
<p>Brigitta Stähli weiss noch nicht, ob sie sich auf das Leben in der Schweiz freut, wo ihre Familie, Freunde und eine Mietwohnung in Aarau auf sie warten. &#8220;Zuerst machte mir der Gedanke an die Rückkehr ein bisschen Angst&#8221;, sagt sie, &#8220;aber jetzt finde ich ihn spannend. Man kann sich wieder neu definieren.&#8221; Die kanadischen Pässe sind beiden wichtig, ergänzt Fabian: &#8220;Wir möchten die Verbindung zu Kanada nicht verlieren.&#8221;</p>
<p><em>Für Schweizer steht Kanada in der Skala der beliebtesten Auswanderungsländer an fünfter Stelle. Im Jahr 2006 sind 445 Schweizer nach Kanada emigriert. Insgesamt leben rund 36000 Schweizer dort (Stand 2006). Wieviele Auswanderer wieder zurückkehren, wird von keiner Statistik erfasst. Laut Roland Flükiger vom Bundesamt für Migration gibt es gesamthaft jedes Jahr im Durchschnitt 30000 Ausreisen und ebensoviele Rückwanderungen. Aber in diesen Zahlen sind auch befristete Auslandaufenthalte, etwa für Sprachkurse und Weltreisen, enthalten.<br />
Der wichtigste Grund für eine Rückreise sei, dass man die Kinder in Schweizer Schulen schicken wolle, sagt Flükiger. Oft scheiterten die Auswanderer finanziell, und bei Rentner führten meist gesundheitliche Probleme zu einer Rückkehr in die Schweiz. Die kanadische Regierung wirbt im Ausland um gut ausgebildete Einwanderer, die angeblich kein Problem haben, in Kanada schnell Arbeit zu finden. Die Realität sieht aber häufig ganz anders aus. Kanadische Arbeitgeber verlangen fast immer Arbeitserfahrung in Kanada, ein Teufelskreis für neue Immigranten. In vielen Fällen werden Schweizer Diplome und Abschlüsse nicht anerkannt; Spezialisten müssen ihre teure Ausbildung unter teils schwierigen Bedingungen in Kanada noch einmal absolvieren, was im Regelfall mehrere Jahre dauert. Selbst wenn Krankenschwestern, Ärzte, Lehrer, Ingenieure oder Architekten diese langwierige Prozedur auf sich nehmen, müssen sie anschließend in der Hierarchie meist ganz unten anfangen. Von Elektrikern wird zum Beispiel verlangt, dass sie nochmals eine Prüfung auf Englisch ablegen. In jeder der zehn Provinzen und drei Territorien des Landes gelten überdies andere Zulassungsbedingungen. Kritiker sagen, dass Berufsverbände und Gewerkschaften auf diese Weise unliebsame ausländische Konkurrenz fernhalten, mit der Begründung, dass es ihnen nur um den Schutz der Ausbildungsstandards gehe. So arbeiten eingewanderte Fachkräfte häufig als Pizza-Austräger oder Taxifahrer. Kanada müsse es vermeiden, Einwanderern &#8220;irreführende Hoffnungen auf eine leichte Integration und auf Stellen mit hohen Einkommen zu machen&#8221;, schrieb die kanadische Zeitung &#8220;The Vancouver Sun&#8221;. Der Schweizer Einwanderungsberater Ruedi Bührer sagt, dass jeder fünfte Kanada-Auswanderer, von dem er erfahre, in einem Zeitraum von zehn Jahren wieder zurückkehre. &#8220;Zwei Drittel sind Träumer, die ganz falsche Vorstellungen haben&#8221;, sagt er, &#8220;die wollen vom Büro in die Wildnis.&#8221;</em></p>
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		<title>Kanadas späte Entschuldigung</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Jun 2008 19:44:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen im Standard am 11. Juni 2008 Vancouver &#8211; Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen von Kanadas Indianern eingehen. An diesem Tag entschuldigt sich Premierminister Stephen Harper im Parlament in Ottawa für die Umerziehungsinternate, in denen indianische Kinder früher emotionalem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Diese sogenannten &#8220;Residential Schools&#8221;, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen im Standard am 11. Juni 2008</em></p>
<p>Vancouver &#8211; Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen von Kanadas Indianern eingehen. An diesem Tag entschuldigt sich Premierminister Stephen Harper im Parlament in Ottawa für die Umerziehungsinternate, in denen indianische Kinder früher emotionalem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Diese sogenannten &#8220;Residential Schools&#8221;, die während vielen Generationen von mehreren Kirchen geführt und vom Staat bezahlt wurden, sind eines der schlimmsten Kapitel in Kanadas jüngerer Geschichte.</p>
<p>&#8220;Kanada bewältigt jetzt seine dunkle Vergangenheit, die lange vor den eigenen Bürgern vertuscht und versteckt wurde&#8221;, erklärte Phil Fontaine, der Vorsitzende der kanadischen Häuptlinge. Fontaine hatte selbst mutig bekannt, dass er einst in einer der Umerziehungsinternate sexuell missbraucht worden war. In diesen Schulen wollte man Indianerkinder, fern von Heimatdorf und Eltern, zu &#8220;nützlichen&#8221; Mitgliedern der von christlichen, weißen Siedlern dominierten Gesellschaft Kanadas machen.</p>
<p>Der 71-jährige Alvin Dixon, Angehöriger des Heiltsuk-Indianerstammes, reist eigens nach Ottawa, um im Parlament dabeizusein, wenn sich die kanadische Regierung entschuldigt. Dixon war zehn Jahre alt, als man ihn seinen Eltern wegnahm und für acht Jahre in solches Internat brachte. Dort wurde er geschlagen, sexuell belästigt und durfte nie seine Muttersprache sprechen. &#8220;Ich weinte viele Tage lang&#8221;, erzählt er. Dann versiegten seine Tränen für immer. &#8220;Meine Gefühle wurden abgetötet, seither kann ich nicht mehr weinen.&#8221; Dixon war eines der rund 125000 indianischen Kinder, von denen viele für ihr ganzes Leben traumatisiert wurden.</p>
<p>Noch immer wissen viele Kanadier nicht, was in diesen Umerziehungsschulen wirklich geschah. Die Internate wurden ab 1874 eingeführt. Im Jahr 1931 gab es rund 80 in Kanada &#8211; die letzte Schule wurde erst 1995 geschlossen.</p>
<p>Ein Schiff brachte den kleinen Alvin Dixon 1947 nach Port Alberni auf Vancouver Island, damals vier Reisetage von seinem Heimatdorf Bella Bella im Norden von British Columbia entfernt. Kaum angekommen, erhielt er seine ersten Prügel, weil er in der Sprache seines Stammes redete, die einzige Sprache, die er kannte. Den Kindern war nur erlaubt, Englisch zu sprechen. Morgens mussten sie harte Arbeit leisten, nachmittags gingen sie zur Schule. Alvin Dixon melkte Kühe, &#8220;aber wir erhielten nie frische Milch und auch kein Fleisch.&#8221;</p>
<p>Er durfte im Sommer seine Eltern besuchen, aber viele Kinder mussten Jahr für Jahr in der Schule bleiben, ohne Kontakt zu ihren Familien. In diesen übervölkerten und schlecht ausgerüsteten Institutionen brachen oft tödliche Seuchen aus. Experten schätzen die Sterblichkeitsrate unter den indianischen Schülern Anfang des 20. Jahrhunderts auf bis zu 50 Prozent. Sexueller Missbrauch war in den von Nonnen und Priestern geführten Schulen an der Tagesordnung. Im Internat von Port Alberni verbreitete ein später verurteilter Sexualtäter namens Arthur Henry Plint als Aufseher Angst und Schrecken in den Schlafräumen. Plint wollte auch ihn zu oralem Sex zwingen, erzählt Dixon, &#8220;aber ich war damals bereits zwölf Jahre alt und wehrte mich.&#8221; Kleinere Kinder &#8211; manche wurden schon im Alter von vier Jahren den Eltern weggenommen &#8211; konnten sich vor solchen Kriminellen nicht schützen.</p>
<p>Erst vor wenigen Jahren wagten Mitglieder der First Nations &#8211; wie die Indianer in Kanada genannt werden -, die Schulen und ihre Betreiber einzuklagen. Elf Sexualtäter wurden bislang überführt. Schließlich einigten sich die kanadische Regierung, die Kirchen und die First Nations im Jahr 2006 auf eine Abfindung von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro an rund 90000 ehemalige Schüler. Teil dieses Abkommens ist auch die Einsetzung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Vorbild Südafrikas. Sie wird während fünf Jahren den Opfern und allen Betroffenen ein Forum bieten, damit sie ihre Leidensgeschichten erzählen können.</p>
<p>&#8220;Die kanadische Öffentlichkeit muss wissen, was ihre Vorfahren uns angetan haben&#8221;, sagt Alvin Dixon, der sein Leben lang unter den Folgen der Zwangsumerziehung gelitten hat: &#8220;Ich dachte, meine Eltern hätten mich verlassen und wollten mich nicht mehr.&#8221; Beruflich war er zwar erfolgreich, studierte an der Universität und wurde Lehrer. Er konnte aber keine Liebe weitergeben, fühlte nur Wut. &#8220;Ich war ein emotionaler Terrorist gegenüber Frau und Kindern&#8221;, sagt der zweimal Geschiedene.</p>
<p>Viele Probleme der Indianer stammen laut Experten aus diesem Trauma: Sucht, Kriminalität, Verwahrlosung, Depression, Angst, Selbstmordgefahr und psychische Krankheiten. Alvin Dixon hofft, dass die Entschuldigung der Regierung der erste Schritt ist, vergangenes Unrecht gutzumachen. &#8220;Sie wird bestätigen, dass die Schulen falsch waren und nicht meine Eltern&#8221;, sagt er.</p>
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		<title>Hundert Jahre Sex</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Mar 2008 19:34:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 26. März 2008 Fotos: Quelle Underwater Harvesters Association Die Geoduck-Muschel ist eines der seltsamsten Lebewesen, und sie kommt nur im nordwestlichen Pazifik vor. Wegen ihres runzligen langen Saug-Halses wird sie auch Elefantenrüssel-Muschel genannt. Noch vor einer Generation interessierte sich kaum jemand für sie, aber ihr Aschenputtel-Dasein gehört heute endgültig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 26. März 2008</em></p>
<p><em>Fotos: Quelle Underwater Harvesters Association</em></p>
<p>Die Geoduck-Muschel ist eines der seltsamsten Lebewesen, und sie  kommt nur im nordwestlichen Pazifik vor. Wegen ihres runzligen langen  Saug-Halses wird sie auch Elefantenrüssel-Muschel genannt. Noch vor  einer Generation interessierte sich kaum jemand für sie, aber ihr  Aschenputtel-Dasein gehört heute endgültig der Vergangenheit an: Seit  asiatische Einwanderer in der kanadischen Provinz British Columbia diese  Muschel entdeckt haben, ist sie eine begehrte und kostspielige  Delikatesse in den Restaurants in Festland-China, Hongkong, Macao und  Japan geworden. Das hat auch viel mit ihrem unverwechselbaren Aussehen  und den Vorlieben asiatischer Männer zu tun.</p>
<p><img class="aligncenter" title="geoduck01" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/geoduck01.jpg" alt="" width="280" height="280" /></p>
<p>Viele Asiaten sehen in der Geoduck-Muschel ein Potenzmittel, sagt  Jack Lai, Besitzer der Firma Evergreen International in Vancouver, die  Elefantenrüsselmuscheln nach Asien exportiert: &#8220;Geoducks sind sehr  beliebt bei wohlhabenden Chinesen, die sich heute Luxusprodukte leisten  können.&#8221; Begonnen hat der Trend aber mit Einwanderern aus Japan, die  Ende der siebziger Jahre bemerkten, dass die kanadische  Elefantenrüsselmuschel einer seltenen Muschel in ihrme Heimatland glich.  Später begannen aus Hongkong stammende chinesische Köche die Muschel in  ihren kanadischen Restaurants anzubieten. Als sie nach Hongkong  zurückkehrten, nahmen sie diesen Geheimtipp mit. So begann der Siegeszug  der Geoduck-Muschel in Asien.</p>
<p>&#8220;Chinesen glauben, dass sie sind, was sie essen&#8221;, zitierte die  Zeitung &#8220;The Vancouver Sun&#8221; Claude Tchao, einen anderen Exporteur aus  Vancouver: &#8220;Wie sieht eine Geoduck-Muschel aus&#8221; Speziell Männer waren  ganz wild auf sie, und sie wollten sie lebend und roh.&#8221;</p>
<p>Tatsächlich, so bestätigt Jack Lai, werden die Geoduck-Muscheln nach  ihrer Ernte in British Columbia so schnell nach Asien transportiert,  dass sie dort lebend angeboten werden können.</p>
<p>Die Muschel besitzt einen süßen Geschmack, eine knackige Haut und wird meist in dünnen Scheiben den Gerichten beigemischt.</p>
<p>Die Geoduck-Muschel (lateinisch panopea abrupta ) gräbt sich zu ihrem  Schutz in den meist sandigen Meeresgrund ein. Sie braucht den Rüssel,  der in Asien soviel Aberglauben auslöst, um aus dem Wasser an der  Oberfläche Nahrung, nämlich tierisches und pflanzliches Plankton,  einzusaugen.   &#8220;Sie erhält auch Sauerstoff durch den Rüssel und benützt  ihn für Ausscheidungen&#8221;, sagt der kanadische Meeresbiologe Grant Dovey.</p>
<p>Die Elefantenrüsselmuschel ist überhaupt ein erstaunliches Lebewesen:  Sie kann eines der höchsten Alter unter den Tieren erreichen. Michelle  James, Direktorin der Underwater Harvesters Association in Vancouver,  erzählt von einem 168 Jahre alten Expemplar, das man in British Columbia  fand. Das Alter lässt sich wie bei einem Baum an den Jahresringen an  der Schale ablesen.</p>
<p>Die durchschnittliche Muschel wird rund 1,1 Kilogramm schwer und 150  Millimeter lang. Der Name Geoduck kommt vom indianischen Wort &#8220;gwe-duk&#8221;  (grabe tief) und wird &#8220;Guui-Dak&#8221; ausgesprochen. Man findet die Muschel  nur in den salzhaltigen Gewässern vor Alaska bis hinunter zum Golf von  Kalifornien. Bei der Ernte lockern spezialisierte Taucher den  Meeresboden, in dem die Muscheln bis zu einem Meter tief stecken, mit  einem Hochdruck-Wasserstrahl auf.</p>
<p>Es handelt sich laut Grant Dovey weltweit um die grösste Spezies  unter den Muscheln, die sich vergraben. Sie ist auch die wertvollste für  die Fischerei an Kanadas Westküste.</p>
<p><img class="aligncenter" title="geoduck02" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/geoduck02.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>Der Export von Geoduck-Muscheln ist ein lukratives Geschäft: British  Columbia verkauft 1700 Tonnen jährlich für fast 23 Millionen Euro. Mit  den US-Staaten Washington und Alaska zusammen sind es 4000 Tonnen  jährlich. In einem Laden in Vancouver bezahlt man 13 bis 20 Euro für ein  Pfund. In Asien wird es viel teurer: &#8220;In einem Restaurant in Hongkong  kann man leicht 100 kanadische Dollar (rund 66 Euro) für ein Gericht mit  Geoducks bezahlen&#8221;, sagt Michelle James. Die Europäische Union, ergänzt  sie, erlaube die Einfuhr von lebendigen Geoduck-Muscheln aus Gründen  des Schutzes einheimischer Arten nicht .</p>
<p>Die Qualität der Muschel wird nach ihrem Aussehen gewertet: Je weißer  und länger der Rüssel, umso wertvoller das Exemplar. Fast 100 Prozent  der Muscheln werden lebend transportiert. Für den Transport brauchen sie  kein Wasser, falls sie kühl und feucht verpackt werden, denn es handelt  sich um Lebewesen, die in der Natur in Zonen mit Ebbe und Flut leben.</p>
<p>Vor allem im US-Staat Washington wird die Muschel auch in speziellen  Anlagen gezüchtet. Die Behörden in British Columbia haben die Ernte im  Ozean stark eingeschränkt, da sich die Geoduck-Muscheln nur langsam  reproduzieren. Sie laichen vornehmlich im Juni und Juli, wenn das Wasser  warm ist. Die Weibchen setzen 7 bis 10 Millionen Eier frei, die im  Wasser verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen, bis sie sich  schliesslich nach 40 bis 50 Tagen auf dem Meeresboden niederlassen. Dort  vergräbt sich die Geoduck, um nicht von Krabben, Seesternen oder  Wasservögeln gefressen zu werden. Vor allem die Jungtiere sind  gefährdet, während die Erwachsenen tief genug im Untergrund stecken, um  nicht entdeckt zu werden. &#8220;Auch Seeotter lieben Geoducks und können  tiefe Gänge graben&#8221;, sagt Grant Dovey.</p>
<p>Voll ausgebildete Fortpflanzungsorgane wurden in sieben bis 107 Jahre  alten Muscheln gefunden. Daraus kann man schliessen, dass sich einzelne  Exemplare dieser Gattung während mehr als einem Jahrhundert vermehren  können! Kein Wunder, dass manche Männer an ihre Wirkung als  Aphrodisiakum glauben.</p>
<p>﻿</p>
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		<title>Frau Karetaks Sehnsucht nach Ruhe</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Feb 2008 19:47:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 19. Februar 2008 Photos: Karetak Die kanadische Abgeordnete Nancy Karetak-Lindell kann nicht mehr. Sie ist vom vielen Reisen völlig ausgelaugt. Neben ihrem anstrengenden Flugprogramm sehen die Auslandsbesuche von Regierungschefs wie Schulausflüge aus. Frau Karetaks arktischer Wahlkreis Nunavut ist mehr als fünf Mal so groß wie Deutschland. Er umfasst drei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 19. Februar 2008</em></p>
<p><em>Photos: Karetak</em></p>
<p>Die kanadische Abgeordnete Nancy Karetak-Lindell kann nicht mehr. Sie ist vom vielen Reisen völlig ausgelaugt. Neben ihrem anstrengenden Flugprogramm sehen die Auslandsbesuche von Regierungschefs wie Schulausflüge aus. Frau Karetaks arktischer Wahlkreis Nunavut ist mehr als fünf Mal so groß wie Deutschland. Er umfasst drei Zeitzonen und 1,9 Millionen Quadratkilometer, das ist ein Fünftel der Landfläche Kanadas. Nur 26000 Menschen leben im Territorium Nunavut, der Heimat der Eskimos, und sie sind weit verstreut.</p>
<p>&#8220;Es gibt keine Verbindungsstraßen zwischen den Gemeinden&#8221;, sagt die Abgeordnete, &#8220;ich muss immer fliegen.&#8221;</p>
<p>Nancy Karetak ist Nunavuts erste und einzige Abgeordnete im nationalen Parlament in Ottawa. Als sie vor rund zehn Jahren gewählt wurde, hatte sie keine Ahnung, worauf sie sich da einließ. Nunavut, das 1999 ein selbständiges Territorium wurde, ist der größte geographische Wahlkreis auf dem amerikanischen Kontinent. Karetak brauchte drei Jahre, um jede ihrer 25 Gemeinden zu besuchen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-70" title="Karetak" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Karetak.jpg" alt="" width="225" height="300" /></p>
<p>In dieser arktischen Gegend können bis zu fünfzig Minusgrade herrschen, und in den Wintermonaten verschwindet das Tageslicht ganz. Nancy Karetaks Terminkalender könnte den stärksten Menschen zu Fall bringen: Während der Woche arbeitet sie bis spät abends im Parlament und in Sitzungen. Dann reist die liberale Politikerin aus Arviat, deren Eltern noch im Iglu aufwuchsen, während zwei von drei Wochenenden in Nunavut herum. Der Hauptort Iqualuit ist drei Flugstunden von Ottawa entfernt. Von dort geht es weiter mit Kleinflugzeugen &#8211; falls das Wetter mitspielt. Manchmal muss Frau Karetak wegen eines Schneesturms oder Nebels unverrichteter Dinge zurückkehren.</p>
<p>Nur jedes dritte Wochenende ruht sich die 50-jährige Politikerin aus. &#8220;Jetzt bin ich total erschöpft&#8221;, sagt sie.</p>
<p>Ihr Mann starb kurz nach ihrer Wahl an einem Herzinfarkt. Sie musste ihre vier Söhne allein aufziehen. In Ottawa schüchterten sie anfänglich all die Anwälte und Ärzte im Parlament ein, aber sie war die einzige Frau im Eishockey-Team der Abgeordneten. Als neuer Politikerin war es ihr zuerst darum gegangen, den Inuit &#8211; so heißen die Eskimos in Kanada &#8211; ihre Tätigkeit in Ottawa zu erklären. In einem Territorium, in dem viele Leute weder Bankkonto noch Pass besitzen, war das nicht einfach. Die Inuit sind zum Glück freundliche Wähler. &#8220;Sie beschweren sich nicht so schnell&#8221;, sagt Karetak.</p>
<p>Aber als es um die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kanada ging, spürte sie den Widerstand der Inuit, in deren Leben die Religion eine große Rolle spielt. Nancy Karetak stimmte trotzdem für das neue Gesetz: &#8220;Ich habe Diskriminierung am eigenen Leib erlebt&#8221;, sagt sie, &#8220;ich wollte nicht andere Menschen diskriminieren.&#8221; Sie will ihren Wählern vor allem eines klarmachen: dass sie dieselben Rechte wie alle Kanadier besitzen. Vor wenigen Jahren hätten stets andere Leute über die Inuit entschieden. &#8220;Heute haben wir unsere eigenen Polizisten und Lehrer, Manager und Krankenschwestern. Niemand hatte geglaubt, dass wir diese Stellen selber besetzen könnten&#8221;, sagt sie. Ihre Eltern, ein Polizist und eine Pfarrerin, wuchsen noch ohne Geldwährung in Nunavut auf. Die Inuit tauschten damals Fuchspelze und Robbenfelle auf dem Handelsposten der Hudson`s Bay Company gegen Zucker oder Mehl.</p>
<p>Es war auch die Zeit, als Inuit-Familien durch staatliche Eingriffe auseinander gerissen wurden. Nancy Karetak wurde in eine staatliche Internatsschule gebracht. Sie sah ihre Familie nur während der zwei Sommermonate. Ihr Bruder starb vor dreißig Jahren an Krebs in einem Krankenhaus der Stadt Winnipeg, aber niemand benachrichtigte die Familie. Erst kürzlich fand Nancy Karetak sein Grab in der Fremde, 1600 Kilometer vom Heimatdorf entfernt. &#8220;Jede Familie hat solche schrecklichen Geschichten&#8221;, sagt die Politikerin. Aber sie ist beeindruckt, wieviel die Inuit überlebt haben, &#8220;was für hilfsbereite, großzügige, starke Menschen das sind.&#8221; Die nächste Wahl findet dennoch ohne Nancy Karetak-Lindell statt. Denn sie will nur noch eines: Ausruhen.</p>
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		<title>Das ewige Eis schmilzt unter riesigem Getöse</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Sep 2007 19:16:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Nominiert für den Schweizer Medienpreis für unabhängigen Journalismus 2008. Erschienen im Tages-Anzeiger am 4. September 2007 Photos: Bernadette Calonego Keine Spur von Eis in Resolute Bay. Die Sonne brennt auf öde, steinige Hügel, als ob diese Siedlung nicht die zweitnördlichste der Welt wäre. Der Ort liegt auf 74,43 Grad nördlicher Breite, nur 1687 Kilometer vom [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nominiert für den Schweizer Medienpreis für unabhängigen Journalismus 2008.</em></p>
<p><em>Erschienen im Tages-Anzeiger am 4. September 2007</em></p>
<p><em>Photos: Bernadette Calonego</em></p>
<p>Keine Spur von Eis in Resolute Bay. Die Sonne brennt auf öde, steinige Hügel, als ob diese Siedlung nicht die zweitnördlichste der Welt wäre. Der Ort liegt auf 74,43 Grad nördlicher Breite, nur 1687 Kilometer vom Nordpol entfernt. Doch Aziz &#8220;Ozzy&#8221; Kheraj, der Inhaber des South Camp Inn, einer Unterkunft für Polarexpeditionen und Eisbärjäger, kann sich fast wie in Tansania fühlen, wo er aufgewachsen ist. Der wärmste Sommer seit 40 Jahren wird in der Gegend verzeichnet.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-43" title="Arktis07" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis07.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>An die Arktis erinnern die angebundenen Schlittenhunde, die bunten winterfesten Häuser und der ausgestopfte Moschusochse im South Camp Inn. Ozzy lebt schon seit 29 Jahren in Resolute, einer von wenigen Weissen unter 200 Inuit. Heute ist ein besonderer Tag für ihn und die isolierten Arktis-Bewohner, denn vor Resolute ankert der Eisbrecher Louis S. St-Laurent. Das Wasser in der Bucht schwappt wie in einem Kurbad. Kanadas grösster Eisbrecher, ein Schiff der Küstenwache, das Schollen von acht Meter Dicke spalten kann, wirkt irgendwie fehl am Platz.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-44" title="Arktis02" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis02.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>An Bord des Eisbrechers befindet sich ein Wissenschafterteam, das den Folgen der Klimaerwärmung nachspüren soll. &#8220;In der Arktis zeigen sie sich am stärksten&#8221;, sagte Martin Bergmann, der Direktor des Projekts &#8220;Polare   Kontinentalplatte&#8221;. &#8220;Die durchschnittliche Wassertemperatur hat sich erhöht.&#8221; Manche Dinge sind aber komplexer im Land des ewigen Eises, als sie auf Anhieb scheinen. Bergmann weist darauf hin, dass nicht alle Regionen der riesigen Arktis in gleichem Masse vom Klimawandel betroffen sind. Manche Gegend würden sich sogar abkühlen. Aber im westlichen Teil der Arktis, in der Beaufort-See, der Bering-Strasse und der russischen Chukchi-See, sei die Erwärmung am grössten, sagt Bergmann. Das wärmere Klima wirke in zweierlei Beziehung auf das ewige Eis ein: Es verkleinere die Oberfläche und mache die Schollen gleichzeitig dünner.</p>
<p>Die Louis, Königin der Arktis, 120 Meter lang, 24 Meter breit und 11441 Tonnen schwer, nimmt Kurs auf die Fjorde und Inseln der legendären Nordwestpassage. Dieser Seeweg verbindet den Pazifik mit dem Nordatlantik. Kapitän Stewart Klebert, ein Arktis-Veteran, umrundet die Insel Somerset auf ihrer östlichen Flanke. Der Himmel verdüstert sich, die Temperatur sinkt rasant. Wie schwarze Ungeheuer tauchen die schroffen Felsen der Leopold-Insel aus dem Nebel auf: Senkrechte Wände, 240 Meter hoch und so gerade, als habe sie jemand mit dem Beil gespalten. Die Louis schwenkt in die Ballot-Strasse ein, einen engen Meereskanal zwischen der Somerset-Insel und der Halbinsel Boothia, dem nördlichsten Punkt des nordamerikanischen Festlandes. Der Louis bleibt nur eine Rinne von 300 Metern, die tief genug ist zum Navigieren. Kapitän Klebert, ein Turm von einem Mann, für den die Arktis eine Leidenschaft ist, überwacht den risikoreichen Kurs. Sein Gesicht ist ernst. &#8220;Manche dieser Kanäle können eine echte Herausforderung sein&#8221;, bemerkt er kurz angebunden.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-45" title="Arktis01" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis01.jpg" alt="" width="200" height="267" /></p>
<p>Die Louis bahnt sich einen Weg durch dünnes Eis. Es sieht aus wie in der Bewegung erstarrte Wellen. Braune, blaue und grünliche Schlieren durchziehen das schmutzige Weiss. Dazwischen schimmert Wasser in blauen Tümpeln. Über solches Eis zu trekken, wie es Expeditionen in der Vergangenheit wagten, muss ein Alptraum gewesen sein. Klebert hat schon harte Verhältnisse in der Arktis erlebt. Nicht dieses Mal: &#8220;Wir haben für die Jahreszeit eine leichte Fahrt.&#8221;</p>
<p>Der 53-jährige Kapitän beobachtet seit einigen Jahren, dass das Eis immer früher auftaut im Sommer. Ob es nur mit dem Klimawandel zusammenhängt, kann er selbst nicht beurteilen. Der Mann, der der kanadischen Küstenwache seit 35 Jahren angehört, beruft sich auf die Experten. Zum Beispiel Kevin Trenberth vom National Center für Atmospheric Research (NCAR) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. Er sagt, die Eisdecke in der Arktis sei zwischen 1978 und 2005 alle zehn Jahre um durchschnittlich 7,4 Prozent zurückgegangen. Das entspreche einer Millionen Quadratkilometer. Die Hochrechnungen und Computermodell des NCAR legen die Befürchtung nahe, dass bis zum Jahr 2050 &#8211; aber vielleicht schon 2040 &#8211; das Eis der Arktis weit gehend verschwunden sein wird. Es hätte schlimme Folgen für Tiere, die vom Eis abhängig sind: Eisbären, Robben, Füchse und Vögel.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-46" title="Arktis04" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis04.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>Nach ihnen hält John Wells auf dem Deck der Louis Ausschau. Auch in den Nächten, die nie dunkel werden, sucht der Wissenschafter den Horizont mit seinem Fernglas ab. Plötzlich kommt Aufregung auf. Die Stimme von Wells erklingt durch den Lautsprecher. Alle stürmen aufs Deck. Ein Eisbär! Mit blossem Auge ist in der weissen Wüste nur ein gelblicher Punkt zu erkennen, der sich langsam fortbewegt. Der Eisbär hat es schwer. Und die Elfenbeinmöwe, die im Packeis zu Hause ist, kämpft ums Überleben. Wells sagt, sie sei von allen Vögeln am stärksten von der globalen Erwärmung bedroht. Bei einer Bestandesaufnahme unlängst sei an den Nistplätzen nur noch ein Fünftel der ursprünglichen Bevölkerung gezählt worden.</p>
<p>Andere Folgen des arktischen Eisschwundes sind weltweit spürbar. Trenberth vom NCAR hält fest, dass sich die Meeresspiegel seit 1992 jährlich um 3 Millimeter erhöht hätten. 40 Prozent der zusätzlichen Wassermasse stamme von geschmolzenem Arktiseis. Bei Stürmen steige weltweit das Risko von Überschwemmungen und Küstenerosionen.</p>
<p>Mit dem Abschmelzen von Gletschern und Eiskappen gelangt auch mehr Süsswasser in die arktischen Gewässer. Das reduziert den Salzgehalt des Wassers, was wiederum die Meeresströmungen beeinflusst. Die östliche Arktis und die Labrador-See gelten aus Umwälzpumpe für den globalen Wärmeaustausch zwischen den Ozeanen der Welt. Diese Antriebskraft könnte sich verlangsamen und mit ihr der Golfstrom, der das Wetter in den nordeuropäischen Ländern stark beeinflusst. Kevin Trenberth glaubt, dass sich der Erwärmungstrend in Ländern wie Grossbritannien, Deutschland und Skandinavien abschwächen könnte.</p>
<p>Stösse wie bei einem Erdbeben erschüttern die Louis in der Nacht. Es schrammt den Schiffsrumpf entlang. Ohrenbetäubend. Das Kajütenbett wankt, überall dröhnt und zittert und knirscht und scheppert es. Die Louis kämpft sich in der Victoria-Strasse durch riesige Eisschollen. Gigantische Flächen richten sich krachend auf, schieben sich übereinander und fallen mit Getöse zusammen.</p>
<p>Plötzlich herrscht Ruhe. Das Schiff steht still. Eine ganze Weile. Die Louis legt den Rückwärtsgang ein und nimmt Anlauf. Kapitän Klebert lässt fünf statt drei der dieselbetriebenen Elektromotoren laufen. Mit der Wucht von 27000 PS presst sich die Louis auf das Eis, sie röhrt und ächzt. Unvermittelt, einem Befreiungschlag gleich, schneidet der Bug wie ein Messer durch die Blockade. Lastwagengrosse Eisblöcke kippen taumelnd zur Seite.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-47" title="Arktis03" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis03.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>Der Eisbeobachter der Louis, Denis Lambert, lässt sich am nächsten Tag mit dem auf dem Schiff stationierten Helikopter vorausfliegen, um die Eisbildung zu überprüfen. Früher, sagt Lambert, sei das mehrjährige Eis &#8220;hart wie Beton&#8221; gewesen. Solchem Eis sei selbst die Louis ausgewichen. &#8220;Aber seit zehn Jahren treffen wir auf mehrjähriges Eis, das richtig mürbe und weich ist.&#8221;</p>
<p>Die Erwärmung mache die Gewässer der Arktis mittelfristig aber nicht freier von Eis, sagt Lambert. Als sich im vergangenen Jahr erstmals grosse Teile vom Rand der Polarkappe abgespaltet hätten, habe dieses Eis die nördliche Küste Alaskas blockiert. Gleich drei Eisbrecher seien dort Mitte Juli stecken geblieben. Durch die globale Erwärmung gebe es an Orten unerwartet Eis, wo man es früher nie angetoffen habe, meint Lambert. &#8220;Es ist paradox.&#8221;</p>
<p>Nach sieben Tagen erreicht unser Eisbrecher wieder offenes Wasser. Die Häuser des Inuit-Dorfes Kugluktuk am Coronation-Golf leuchten in der Sonne. Allan Niptanatiak, ein 50-jähriger Wildhüter, fischt im Coppermine-Fluss. Im letzten Winter, erzählt er, sei die Eisdecke nur einen Meter dick gewesen, einen halben Meter weniger als früher. Es führte zu tragischen Unfällen. Die Eisdecke gab unter den Schneemobilen einiger Inuit nach. Fünf der 1400 Bewohner von Kugluktuk ertranken.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-48" title="Arktis05" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis05.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>&#8220;Die Winter sind viel milder aus früher&#8221;, sagt Wildhüter Niptanatiak. Normalerweise sei die Meeresbucht vor Kugluktuk erst Mitte Juli eisfrei. In diesem Jahr war es schon Anfang Juli so weit. Und dann dieser massive Regen, nur wenige Tage vor der Ankunft des Eisbrechers: Ein Gewitter mit Donner und Blitz und so viel Niederschlag wie sonst in einem Jahr nicht ging über dem Coronation-Golf nieder. Es sei das erste Gewitter überhaupt in der arktischen Region gewesen, sagt Niptanatiak. Seine 87 Jahre alte Mutter sei vor Angst ganz ausser sich gewesen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-49" title="Arktis06" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Arktis06.jpg" alt="" width="280" height="210" /></p>
<p>Als die Louis S. St-Laurent die Bucht von Kugluktuk verlässt, scheint die Sonne. Die Strassen, die vom Gewaltsregen aufgeschwemmt sind, werden ausgebessert. Die Bewohner von Kugluktuk vergnügen sich am Strand. Inuit-Kinder plantschen im Ozean, als ob sie sich am Mittelmeer befänden. Sie kommen nur rascher heraus und hüllen sich gleich in warme Tücher. An der Badehütte steht eine Warnung: &#8220;Schwimmen auf eigenes Risiko.&#8221;</p>
<p>Das Leben in der Arktis ist wärmer geworden &#8211; und gefährlicher.</p>
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		<title>Beaver-Cracks</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Sep 2006 22:22:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen in der NZZ Zeitbilder am 30. September 2006 Fotos Elaine Briere, Vancouver , www.elainebriere.ca Vom Alltag der Busch-Piloten an der Küste von British Columbia. Sieht nach einem ruhigen Tag aus, sagt Chefpilot Carl Benson. Da kommt der Anruf. Das Wasserflugzeug wird schnell vollgetankt. Wenig später betreten zwei unauffällige Männer das Büro der Inland Air [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der NZZ Zeitbilder am 30. September 2006</em></p>
<p><em>Fotos Elaine Briere, Vancouver</em> , <a href="http://www.elainebriere.ca/" target="_blank">www.elainebriere.ca</a></p>
<p>Vom Alltag der Busch-Piloten an der Küste von British Columbia.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-261" title="Port Simpson 13 b" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Port-Simpson-13-b-300x197.jpg" alt="" width="300" height="197" /></p>
<p>Sieht nach einem ruhigen Tag aus, sagt Chefpilot Carl Benson. Da kommt der Anruf. Das Wasserflugzeug wird schnell vollgetankt. Wenig später betreten zwei unauffällige Männer das Büro der Inland Air in Prince Rupert. Es sind Undercover-Agenten des kanadischen Fischereiministeriums. Beamte in geheimer Mission. Sie machen Jagd auf illegale Fischer an der Nordwestküste Kanadas, auf Wilderer, die geschützte Abalone-Seeschnecken aus dem Pazifik holen und das Pfund auf dem Schwarzmarkt für 80 Dollar verkaufen. Von der Luft aus, sagt einer der Männer, sehen die verdächtigen Boote aus &#8220;wie Giraffen in New York&#8221;. Aber das Wasserflugzeug darf nicht auffallen, darf kein Misstrauen erregen. Dafür braucht es einen erfahrenen Buschpiloten. Minuten später tuckert Carl Benson mit der DHC-2-Beaver aus der Bucht von Seal Cove hinaus und hebt röhrend ab.</p>
<p>Bruce MacDonald, Eigentümer der Inland Air, braungebrannt und drahtig, prüft die Flugpläne. Alle Piloten, Dave, Garry, Carl, sind jetzt mit Wasserflugzeugen in der Luft. Erfahrene Leute, Bruce kennt sie gut, er kann nur hervorragende Piloten brauchen. Denn da draußen, an der nördlichen Küste British Columbias, ist alles möglich. Da kann das Wetter ändern in drei Wimpernschlägen. Wer nicht blitzschnell das Richtige tut, wenn plötzlich Nebelwände auftauchen, die blind machen, wenn Winde ihre Stärke im Nu verdoppeln und die Maschine tanzen lassen, wer da nicht rechtzeitig einen Fluchtweg findet, der sitzt in der Todesfalle. Das unberechenbare Wetter macht diese Gegend, sagt Bruce, für einen Buschpiloten zu einer der schwierigsten überhaupt.</p>
<p>Aber die Menschen hier können ohne Wasserflugzeug nicht leben, die Bewohner isolierter Dörfer auf Inseln weit draussen im Ozean, die Wasserbiologen, Gesundheitsbeamten, Kraftwerkingenieure, Strassenarbeiter, Holzfäller und Sportfischer, Schüler auf dem Weg in die Stadt, Großmütter mit ihren Enkeln, Patienten auf Arztbesuch. Und so fliegen sie alle im blinden Vertrauen auf das Können der Piloten. &#8220;Wir dürfen uns keinen einzigen Unfall leisten&#8221;, sagt Bruce.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-259" title="Bruce.b-1" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Bruce.b-1-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p>Er stösst mit dem Finger auf die Landkarte an der Wand, stösst in das Gewirr von Fjorden und Inseln, immer wieder. Da und da und da. An diesen fünf Stellen stürzten Freunde von ihm ab. Alle tot. Auf dem Wasser ertrinken die Opfer meistens im umgekippten Wrack, sagt Bruce. Sind desorientiert vom Aufprall, finden den Ausgang nicht. Inland Air gibt es seit 26 Jahren, und noch nie ist jemand umgekommen.</p>
<p><em><strong>&#8220;Buschpiloten sind Primadonnen. Wir haben grosse Egos. Wir wissen, dass wir gut sind, aber wir prahlen nicht.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Bruce MacDonald (54), fliegt seit 35 Jahren.</em></p>
<p>Der Pilot Dave Norman blickt über den Wasserflughafen von Seal Cove. Weisskopfadler kreisen. Daves Blick erstarrt. Er hat etwas auf dem Landesteg erspäht, neben den vertäuten Flugzeugen. Er stürmt ins Gebäude der Inland Air, kehrt mit einem Feldstecher wieder, äugt angestrengt durch die Gläser. Er beobachtet weder gefährliche Wirbel im Wasser. Auch keine aufziehende Wetterfront. Dave mustert einen Piloten der Konkurrenzfirma North Pacific Seaplanes   &#8211; im offiziellen Fliegeranzug. Inland Air und North Pacific operieren von derselben Bucht aus. Dave lässt den Feldstecher sinken. &#8220;Es ist nicht zu fassen&#8221;, sagt er. &#8220;Dale trägt einen Smoking.&#8221;</p>
<p>Was ein echter Buschpilot ist, kostümiert sich nicht. In Blue Jeans, breiten Hosenträgern und gestreiftem T-Shirt stapft Dave zum Wasser hinunter. Manchmal, sagt er, laufen die Passagiere an ihm vorbei, wenn er vor seinem Wasserflugzeug steht, und suchen den Piloten, &#8220;sicher einen großen, blonden, schönen Mann in Uniform&#8221;. Aber wenn Dave mit der DHC-2-Beaver dröhnend in den Himmel steigt, lässt er alle sehen, wer der König der Lüfte ist. Wie heute, an einem sonnigen, klaren, für Prince Rupert höchst untypischen Flugtag. Dave ist trotzdem auf der Hut. Man kann in Sekunden von der Sonne in den Nebel verschwinden. Das wäre das Ende, denn die Piloten fliegen nach VFR &#8211; nach den Sichtflugregeln: Der Pilot hat nur seine Augen und das, was er sieht. Dave zieht Hebel hoch, dreht Knöpfe.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-264" title="Bush pilot series. Pilot Dave Norman, Prince Rupert" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Dave-Norman-1-copy-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" /></p>
<p>&#8220;Hier ist das Fliegen wie eine mathematische Gleichung mit fünfzehn Unbekannten&#8221;, sagt er. Alles muss er ständig im Kopf haben, Geschwindigkeit, Wetter, Druckverhältnisse, Treibstoffreserven, Temperaturen, Sicht, andere Flugzeuge, Luftströmungen, die eigene Verfassung, Ebbe und Flut &#8211; eine Stimme im Kopfhörer unterbricht ihn. Er grinst. &#8220;Die sagen mir, aus welcher Richtung der Wind kommt. Als ob ich das nicht sehen könnte, ich brauche ja nur auf die Wellen zu schauen.&#8221;</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-79" title="Aerial04" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Aerial04.jpg" alt="" width="300" height="202" /></p>
<p>Von jetzt an ist er allein. Kein Radar, kein Kontrollturm. Nur ein kleiner Bildschirm vor ihm: das GPS, das ihm die Position der Maschine anzeigt. Aber, sagt Dave, nichts ersetzt das Urteilsvermögen des Piloten. Daves Arbeitgeber, die kleine Charter-Fluggesellschaft Inland Air, würde keinen einstellen, der nicht mindestens 2000 Flugstunden mit Wasserflugzeugen auf dem Buckel hat &#8211; noch besser, er hätte 6000 Flugstunden. Aber solche Profis gibt es immer weniger. Die Piloten der Inland Air sind alle älter als 50. Junge Leute können nicht genügend Erfahrung vorweisen. Sie schliessen ihre Ausbildung mit rund 200 Flugstunden ab, zu wenig für einen Job an der Westküste. Aber ohne Stelle können sie sich keine Erfahrung zulegen &#8211; ein Teufelskreis. Weil sie keine Zukunft in der Branche sehen, weichen junge Leute auf andere Berufe aus. Die Konsequenz, sagt Dave: &#8220;Diese Ära der Fliegerei geht dem Ende zu.&#8221;</p>
<p>In seiner Beaver sind nur drei der sieben Sitzplätze besetzt, Passagiere, die Grizzlybären im geschützten Khutzeymateen-Tal beobachten wollen. Das kaum belastete Flugzeug segelt wie auf Adlerschwingen durch die Lüfte.</p>
<p><em><strong>&#8220;In zehn Minuten kannst du dich verirren, denn die Berge schauen alle gleich aus, nichts, woran man sich orientieren kann, keine Strassen, keine Häuser, keine Menschen.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Ken Cote (56) fliegt seit 35 Jahren.</em></p>
<p>Dave hält auf das schneebedeckte Küstengebirge zu. Gleitet schroff abfallenden Granitwänden entlang. Kleine Bergseen funkeln in der Sonne, die Reste von Gletschern schimmern bläulich. Dave schaut nach hinten: Er sieht es auf den Gesichtern der Passagiere, das Staunen über die gewaltige Schönheit, die Ergriffenheit &#8211; und das nervöse Zucken. Eine winzige Flugmaschine in der Unendlichkeit. Nichts als Luft zwischen einem bisschen Aluminium und der Tiefe. Dave lässt die Beaver vom Wind an der Felswand hochtragen. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie die Bergflanken schrammen. Aber der Aufwind hebt den Flieger elegant über den Grat, dann dreht der Pilot die Metallnase nach unten. Er brüllt &#8220;Wir kippen jetzt rüber&#8221;, und die Beaver taucht in den Abgrund.</p>
<p>Der hüpfende Magen hat kaum Zeit, sich zu beruhigen, da zeigt Dave auf weisse Bergziegen auf den Felsen. &#8220;Hier bin ich früher auf die Jagd gegangen, ich dachte, ich hätte alle ausgerottet.&#8221;</p>
<p>Zehn Minuten später setzt er zum Sinkflug auf den Meeresarm im Khutzeymateen-Tal an. Er konzentriert sich. Schwatzt nicht mehr. Die Wasserung ist der heikelste Moment des Fluges. Tödliche Gefahren lauern. Ein unter der Oberfläche schwimmender Baumstamm. Schlimmer noch: ein Wal, der plötzlich in der Landeschneise auftaucht. Ein Adler, der auf die Windschutzscheibe knallt. Eine Untiefe im Wasser. Eine Sandbank darunter, ein unsichtbarer Fels. Die Wellen zu hoch. Oder eine glatte Oberfläche, glasig wie ein schwarzer Spiegel, eine Fata Morgana, auf die man prallt, weil sich die Distanz nicht abschätzen lässt.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-80" title="Aerial02" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Aerial02.jpg" alt="" width="300" height="198" /></p>
<p>Dave zieht eine Erkundungsschlaufe, sucht die Oberfläche genau ab. Dann setzt er die Schwimmer so sachte aufs Wasser wie ein Konditor Schlagrahm auf die Torte. Die Maschine gleitet an eine behelfsmässige Plattform heran, wo bereits Garry MacAuley seine Beaver angebunden hat.</p>
<p><em><strong>&#8220;Buschpiloten sind nicht mehr die Cowboys von einst. Früher ging man grössere Risiken ein. Heute kehren wir öfters um, wenn das Wetter nicht sicher ist.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Carl Benson (57) fliegt seit 38 Jahren.</em></p>
<p>Garrys Fluggäste strahlen, sie haben sechs Grizzlys gezählt, auch Garry strahlt, aber er beobachtet unentwegt die Windstärke. 15 Knoten, das ist für den Start im Khutzeymateen immer noch machbar. Bei 25 Knoten müsste er mit der Beaver weiter aus dem Meeresarm hinaustuckern &#8211; taxi out nennen es die Piloten -, wo der Wind schwächer ist.</p>
<p>&#8220;Es war ein bisschen wirblig&#8221;, berichtet er Carl Benson später im Büro der Inland Air. Carl, der an diesem Tag die Flugpläne überwacht, informiert ihn über den nächsten Auftrag: Ein Flug über die für ihre Stürme berüchtigte Hecate-Meeresstrasse nach New Masset auf den Queen-Charlotte-Inseln. Distanz rund 130 Kilometer oder 45 Minuten. Sechs Hobbyfischer warten dort mit vakuumverpackten Lachsen. Die Angler ahnen nicht, dass sie von einem ehemaligen evangelischen Pastor zurückgeflogen werden. Garry liebt die Nähe zum Himmel. Früher flog er auf den Fidji-Inseln Prominente wie den Ex-Beatle Ringo Starr. Er lebte auch in Neuseeland, Japan, Mexiko und Argentinien, aber die Gegend um Prince Rupert, sagt er, übertrifft alles. Winde von 100 Stundenkilometern im Winter. Jähe Wetterumschläge. Peitschender Regen, der auf die Maschine hämmert. Das Husten des gequälten Motors, wenn die Beaver im Sturm auf und ab hüpft. Nebel, wenn das kalte Gletscherwasser aus dem Portland Inlet auf die wärmere Luft vom Pazifik trifft. Nebel, dick wie Isolierwatte. Immer bereit sein für böse Überraschungen. Adrenalin im Blut.</p>
<p>Er läuft zum Landungssteg hinunter, um den Motor der Beaver aufzuwärmen. Ein Leben in Bewegung. &#8220;Ein ziemlich einsames Leben ist das&#8221;, sagt er. Garry ist Junggeselle, &#8220;ein Einzelgänger&#8221;.</p>
<p>Vor dem Inland-Air-Gebäude fährt ein schwarzer Wagen vor, eilig entsteigt ein Mann in roter Jacke. Ein Arzt. Auf einem der Kreuzfahrtschiffe, das von Seattle nach Alaska unterwegs ist, gab es einen Notfall. Der Arzt musste den Patienten ins nächste Krankenhaus begleiten, nach Prince Rupert. Jetzt will er den Luxuskreuzer in Ketchikan, Alaska, wieder einholen. Schnell bereiten die Leute von Inland Air die Dokumente für den Flug in die USA vor.</p>
<p>Papierkram. Papierkram. Papierkram.</p>
<p>Bruce MacDonald tigert zwischen Büro und Empfang hin und her. Er sucht Versicherungsdokumente. Seit Bruce im Mai Inland Air als Eigentümer übernommen hat, lastet die Verantwortung auf seinen Schultern. &#8220;Ich habe gerade eine Rechnung der Versicherung für drei Monate erhalten&#8221;, sagt er: &#8220;28000 Dollar.&#8221; Dazu 10000 Dollar Steuern für die Firmengebäude. Wie soll da eine kleine Fluggesellschaft überleben&#8221;</p>
<p><em><strong>&#8220;In Küstengebieten sind Buschpiloten eine gefährdete Spezies.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Dale Leekie (58), fliegt seit 38 Jahren.</em></p>
<p>Bruce tritt ins Freie, zündet eine Zigarette an, stößt den Rauch in die Luft. Reflektiert, wie sich die Branche in den vergangenen Jahren dramatisch verändert hat. Wie die Piloten früher eine Todesspur hinterliessen. Dave sitzt vor dem Eingang und füttert sich und einen Hund mit Krabbenfleisch. &#8220;Es ging doch nur darum, es den andern Piloten zu zeigen&#8221;, sagt er und knackt den roten Panzer mit blossen Händen. &#8220;Man wollte ständig die Konkurrenz übertreffen.&#8221;</p>
<p>Als junger Mann flog Bruce in der Arktis, lernte das Handwerk von der alten Garde der Pioniere, die Stiefel, Daunenjacke und ein Messer an der Hüfte trugen. Damals führte er auf seinen Flügen stets einen Schlafsack, eine Flasche Whisky und ein Gewehr mit &#8211; für alle Fälle. Einmal zwang ihn ein Motorschaden zur Landung mitten in der arktischen Tundra, den Barren Lands. Vier Tage blieb er da gestrandet, bis ein Air-Canada-Pilot, der über den Nordpol Richtung London flog, sein Notsignal abfing. Viele Piloten kamen nicht so glimpflich davon. Als sich die Abstürze von Buschflugzeugen häuften, griff die kanadische Regierung ein: In den frühen achtziger Jahren traten neue Sicherheitsvorschriften in Kraft. Mit der berauschenden, aber gefährlichen Freiheit der Flugpioniere war es vorbei.</p>
<p>Bruce sucht den Hangar auf, wo der Ingenieur Joe Hidber, dessen Vater aus dem schweizerischen Mels nach Kanada einwanderte, eine Beaver überprüft. Alle hundert Flugstunden werden die Maschinen aus dem Wasser geholt und auf Schäden untersucht. Die Beaver ist ein Mythos in Kanadas Geschichte &#8211; und ein Fossil. Sie wird seit 1967 nicht mehr hergestellt. Von 1692 einst produzierten Beaver werden heute aber immer noch an die 1000 Maschinen geflogen. Es gibt keinen Ersatz für sie. Die Piloten lieben die Beaver heiss. Aber die Lebenszeit dieser Maschine neigt sich dem Ende zu. Vielleicht bleiben ihr noch zehn, fünfzehn Jahre. Letzthin, sagt Joe Hidber, reparierte er eine Beaver des Jahrgangs 1948, genau so alt wie er.</p>
<p><em><strong>&#8220;Ein Pilot muss demütig sein. Wenn du denkst, dass du mit allem davonkommst, gehörst du nicht in ein Wasserflugzeug.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Dave Norman (55), fliegt seit 28 Jahren.</em></p>
<p>Dale Leekie ist für North Pacific nach Hartley Bay unterwegs. Er will mit seiner Beaver an Höhe gewinnen. &#8220;Wir haben eine Inversion&#8221;, sagt er. Die felsigen Berge, die er gerade überfliegt, strahlen nach mehreren Sonnentagen Wärme ab. Die warme Luft steigt nach oben, das kann zu Turbulenzen führen. Die Krankenschwester Faith Turner schiebt sich den Kopfhörer übers ergraute Haar. &#8220;Wenn ich einen Patienten mit Lungenproblemen hätte, der keinen Druck verträgt&#8221;, fragt sie Dale, &#8220;könnten Sie dann auch tiefer fliegen?&#8221;</p>
<p>Faith hat sich schon oft diesen kleinen Flugzeugen anvertraut, als Kind in der Arktis, wo ihr Vater, ein Engländer, Missionar war, und später als Krankenschwester in den entlegensten Gegenden Kanadas. Wenn sie eine schwangere Frau ins Krankenhaus begleitete, musste sie den Piloten bitten, möglichst immer auf derselben Höhe zu fliegen, denn ein ständiges Auf und Ab beschleunigt die Wehen. Faith arbeitet als Urlaubsvertretung auf der Krankenstation von Hartley Bay: 167 Einwohner, 45 Flugminuten von Prince Rupert entfernt, ein Dorf der Tsimshian-Indianer, die diese Gegend schon seit 5000 Jahren bewohnen. Hier gibt es keine Straße, keinen Arzt, keine Läden. &#8220;Und hoffentlich keinen entzündeten Blinddarm&#8221;, sagt Faith und schaut auf den glitzernden Ozean unter ihr.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-81" title="Aerial01" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Aerial01.jpg" alt="" width="300" height="197" /></p>
<p>Sie bringt Lebensmittel für zwei Wochen mit. Und die Warnung einer anderen Krankenschwester, die ihr erzählte, der Flug nach Hartley Bay sei ihr schlimmster gewesen: eine aufgewühlte See und fürchterliche Turbulenzen.</p>
<p>Dale nickt. Hohe Wogen rollen oft in die Bucht hinein und machten die Landung schwierig. Vor dem Flug hat er sich am Computer das Wetter in Hartley Bay angeschaut, das ihm eine im Schulhaus installierte Internetkamera übermittelte. Die Sicht war gut.</p>
<p>Dale ist kein Draufgänger. Sein Vater, ein Hobbypilot, war bei einem Absturz umgekommen, als Dale noch ein Teenager war. &#8220;Ich mag es, wenn der Flug so ruhig ist, dass sich die Leute nachher nichts zu erzählen haben&#8221;, sagt er. Sein Wunsch geht nicht ganz in Erfüllung: Nach einer sanften Landung fällt einer Passagierin beim Aussteigen das Handy ins Wasser.</p>
<p><em><strong>&#8220;Ich habe nur ganz wenige weibliche Buschpiloten getroffen. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass sich Frauen um die Familie kümmern müssen.&#8221;</strong></em></p>
<p><em>Virginia McRae, arbeitet seit 20 Jahren als Telefonistin im Gebäude der Inland Air</em></p>
<p>Port Simpson. Es ist die Stille, die sofort auffällt. Eine Stille, die reibt. Kein Kindergeschrei, kein Hämmern aus einem Handwerksbetrieb, nur die spitzen Schreie von Adlern, die sich von den Hausdächern abstoßen und über dem Ozean entschwinden. Schon längst steht das alte Fort der mächtigen Handelsgesellschaft Hudson`s Bay Company nicht mehr in der Bucht, die Überreste brannten 1915 ab. Stillgelegt ist die Fischfabrik am Ufer, menschenleer die staubige Strasse, die nirgendwohin führt. Lax Kw`alaams, &#8220;Roseninsel&#8221;, nennen die Indianer ihr Dorf.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-262" title="Port Simpson 2 copy" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/Port-Simpson-2-copy-300x202.jpg" alt="" width="300" height="202" /></p>
<p>Draussen auf dem Pazifik erkennt man kleine Punkte &#8211; Boote von Fischern, die ihre Netze auswerfen, weil die Regierung die Fischerei gerade für ein paar Stunden freigegeben hat. Zu wenig, um davon zu leben. Plötzlich ein Brummen. North-Pacific-Flug 101. Die Verbindung zur Aussenwelt. Eine 15 Minuten lange Nabelschnur. Dreimal täglich landen Wasserflugzeuge in Port Simpson &#8211; für gerade 1000 Einwohner. Manchmal bleiben die Flüge aus, wie die Woche zuvor, als sich der Nebel wie ein Sargdeckel über den Pazifik gelegt hatte. Gillie Sankey klettert vorsichtig aus der DHC-3 Turbo-Otter. Trotz ihres hohen Alters kauft die Indianerin zweimal monatlich in Prince Rupert ein, denn der Laden von Port Simpson ist viel zu klein. &#8220;Wir haben Bären im Dorf, deshalb sieht man keine Leute auf der Strasse&#8221;, sagt sie, während der Pilot die Fracht auslädt. Bob Bernhardt, ein Fachmann für Ungezieferbekämpfung, lässt sich davon nicht abschrecken, denn er kommt jeden Monat hierher. Heute muss er die Häuser der weissen Lehrer sprayen. Mit zwei eingeflogenen Elektrikern läuft er zum Büro des örtlichen Stammes hoch.</p>
<p>In Seal Cove blickt Gene Story, Besitzer von North Pacific Seaplanes, aus dem Fenster. Er möchte optimistisch sein, aber die Zukunft macht ihm Sorgen. &#8220;Die jungen Indianer ziehen in die Städte, Familien bleiben weg. Die Bevölkerung im Norden von British Columbia nimmt immer mehr ab.&#8221; Vor zehn Jahren lagen in Seal Cove zwei Dutzend Wasserflugzeuge vertäut, jetzt sind es noch zehn. Damals buchten die Fischerei- und Holzunternehmen ständig Flüge, heute geht es ihnen schlecht. Dazu, sagt Story, werden Strassen zu entlegenen Dörfern gebaut. Und Helikopter nehmen den Wasserflugzeugen immer mehr das Geschäft weg.</p>
<p>Auf der andern Seite der Bucht startet eine Beaver. Bruce MacDonald fliegt zu einem einsamen Bergsee hoch. An solche Orte will er künftig Abenteuer-Touristen hinführen. Man muss sich etwas einfallen lassen, sagt er. Lieber ein paar zufriedene Urlauber hinfliegen als schlechtgelaunte Holzfäller.</p>
<p>Dave Norman sitzt in der Küche der Inland Air vor dem Bildschirm. Er studiert die Wetterkarte. Ein Flug nach New Masset steht an. &#8220;Alles zu. Starker Nebel. Ich weiss nicht, ob ich da rausfliegen will&#8221;, sagt er. Dann dehnt er seinen breiten Rücken. &#8220;Es scheint, dass immer ich gerufen werde, wenn es um einen schwierigen Job geht.&#8221; Genugtuung trieft aus seiner Stimme. So etwas kriegt kein grosser schöner Blonder in Uniform hin.</p>
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		<title>Wink mit dem Totempfahl</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Sep 2005 22:35:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen am 20. September 2005 in der Süddeutschen Zeitung Wie haben das die Haida-Indianer nur gemacht? In achtzehn Meter langen Kanus sind sie einst über die Hecate-Wasserstrasse gepaddelt, das gefährlichste Gewässer an der Nordwestküste Kanadas. Hier treffen unterschiedliche Windströmungen aufeinander. Die machen selbst modernen Seefahrern noch sehr zu schaffen. Die Autofähre, die in sechs Stunden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen am 20. September 2005 in der Süddeutschen Zeitung</em></p>
<p>Wie haben das die Haida-Indianer nur gemacht? In achtzehn Meter langen Kanus sind sie einst über die Hecate-Wasserstrasse gepaddelt, das gefährlichste Gewässer an der Nordwestküste Kanadas. Hier treffen unterschiedliche Windströmungen aufeinander. Die machen selbst modernen Seefahrern noch sehr zu schaffen. Die Autofähre, die in sechs Stunden von der kanadischen Hafenstadt Prince Rupert zu den Queen-Charlotte-Inseln fährt, torkelt schwer durch die hohen Wogen. Einige Passagiere werden seekrank.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-89" title="haida1" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida1.jpg" alt="" width="300" height="205" /></p>
<p>Diese Ozeanstürme haben die unerschrockenen Haida-Indianer, die seit fast 10000 Jahren auf den Queen-Charlotte-Inseln leben, nicht abgeschreckt. Als stolze Krieger terrorisierten sie während Jahrhunderten andere Indianerstämme von Alaska bis nach Vancouver Island hinunter. Die Überlebenden verschleppten sie als Sklaven für die wohlhabende und aristokratische Haida-Elite.</p>
<p>Die Heimat der Haida, ein Archipel mit rund 150 Eilanden, heißt Haida Gwaii oder &#8220;Inseln der Menschen&#8221;. Es sind die isoliertesten Inseln Kanadas. Sie sind von einer wilden Schönheit, mit langen Sandstränden und schroffen Küsten, aber auch hohen Bergen und Wiesen wie in den Alpen. Am Horizont taucht Graham auf, die größte Insel der &#8220;Charlottes&#8221;, auf der die meisten der rund 6000 Menschen auf Haida Gwaii leben. Die Fähre legt in der Nähe der Hauptstadt Queen Charlotte City an, einst eine Holzfällersiedlung, heute ein kleiner Hafen mit ein paar bunten Holzhäusern, Restaurants, Pensionen und Läden. Große Hotels gibt es hier nirgendwo.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-90" title="haida2" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida2.jpg" alt="" width="300" height="201" /></p>
<p>Die Spuren der Haida führen allerdings in die andere Richtung, an der Küste entlang nach Skidegate, wo riesige Totempfähle wie in alten Zeiten aufs Meer hinausblicken, das hier seltsam urtümlich wirkt. Queen-Charlotte-Inseln heißt der Archipel erst, seit der britische Captain George Dixon 1787 mit seinem Schiff &#8220;Queen Charlotte&#8221; hier anlegte. Zehn Jahre zuvor hatten die ersten Weißen die Inseln &#8220;entdeckt&#8221;. Die Haida waren ihnen als Seefahrer ebenbürtig. Sie paddelten seit Menschengedenken in ihren aus einer einzigen Zeder gehauenen Kanus über den Ozean. Den Weißen verkauften sie die Felle der Meerotter, bis die Tiere fast ausgerottet waren.</p>
<p>Weil die Sklaven die Arbeit machten und der Ozean reichlich Nahrung bescherte, konnten sich die Haida der Kunst widmen. Ihre Werke aus Holz, Silber, Gold und Kupfer sind legendär. Das Museum im Indianerdorf Skidegate (Tel. 001 250-559 46 43) ist gefüllt mit Zeugnissen ihrer eindrücklichen Fertigkeit: Totempfähle aus alten Haida-Dörfern, daneben Schalen und Figuren aus Argillite (einem glänzenden weichen Schieferstein, der nur in den nahen Slatechuck-Bergen gefunden wird und ausschließlich den Haida-Künstlern vorbehalten ist), Körbe, aus Zedernrinde und Wurzeln geflochten, Kleider aus Rinde und Bergziegenwolle.</p>
<p>Um ein Haar wäre diese erstaunliche Kultur im 19. Jahrhundert mit der von tödlichen Pocken dezimierten Haida-Bevölkerung ausgestorben. Aber seit drei Generationen blüht die Kunst der rund 2000 Haida wieder und die Traditionen sind erstaunlich lebendig. Touristen können daran auf ziemlich unorganisierte Weise teilhaben. In Old Masset, dem zweiten Haida-Dorf auf Graham, sind Besucher eingeladen, die einheimischen Künstler spontan bei der Arbeit zu besuchen. &#8220;Wir sind sehr großzügige Menschen&#8221;, sagt John Disney vom Haida-Rat in Old Masset. &#8220;Bei schönem Wetter lohnt es sich herumzuspazieren und einfach reinzuschauen.&#8221; Der Rat gibt eine Liste der Künstler heraus (Tel. 001 250-626 3337).</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-91" title="haida3" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida3.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p>Von traditionellen Haida-Anlässen erfahren Reisende oft nur zufällig, aber dann ist es eine unvergessliche Erfahrung. So wie die Errichtung des Totempfahles vor dem Haus des &#8220;Chiefs&#8221; (Häuptling) Jim Hart an der Meerenge in Old Masset. Der bekannte Künstler Hart schnitzte den Totempfahl mit anderen Haida-Männern in drei Tagen aus einer elf Meter langen Zeder. Das Monument kündet die Geschichte der Vorfahren, es ist eine mythologische Genealogie. Sie erscheint nach Haida-Tradition in Tiergestalt, etwa im Raben, Adler, Bären oder Wal.</p>
<p>Die Ältesten des Stammes, denen größter Respekt entgegengebracht wird, wohnten der Zeremonie in ihren rot-schwarzen oder blauen, mit weißen Perlmuttknöpfen bestickten Gewändern bei. Unter Gesängen und Beschwörungen wurde der Totempfahl eingeweiht. Der Haida-Präsident Guujaaw sang alte Lieder und schlug die Trommel. Während der Totempfahl aufgerichtet wurde &#8211; mit Hilfe mehrerer Seile und rund hundert Menschen, die daran zogen &#8211; tauchte plötzlich ein schwarz-weisser Orca-Wal in der Meerenge von Old Masset auf. Die versammelten Frauen, Männer und Kinder begrüssten ihn jubelnd &#8211; ein magischer Moment.</p>
<p>Die zeitgenössische Kunst der Haida, vom Schmuck bis zu den Skulpturen, findet auf dem internationalen Markt immer mehr Käufer. Jim Hart ist ein Schüler des 1998 verstorbenen Haida-Künstlers Bill Reid. Im Flughafen von Vancouver steht Reids berühmte Holzskulptur &#8220;Der Rabe und die ersten Menschen&#8221;, die die Schöpfungsgeschichte der Haida zeigt.</p>
<p>Auf Haida Gwaii kann man zur Stätte wandern, wo nach der Haida-Mythologie die ersten Menschen erschaffen wurden.</p>
<p>An diesem Ort gibt es weder Totempfähle noch Häuser, weder Schilder noch Altare. Naikoon heißt &#8220;lange Nase&#8221; und sieht genauso aus: eine pfeilförmige Landspitze ins Meer hinaus.</p>
<p>In Naikoon, heute ein Naturschutzpark,</p>
<p>sind nach der Haida-Legende die ersten Menschen aus einer Muschel gekrabbelt, die ein Rabe mit spitzem Schnabel öffnete. Die Menschen waren zuerst ängstlich und vorsichtig und wollten lieber wieder in die Muschel zurück. Aber als der Rabe ihnen die überwältigende Schönheit der Welt beschrieb, überwanden die ersten Haida ihre Furcht und begannen die Inseln zu bevölkern.</p>
<p>Das kann man verstehen, wenn man einmal dort ist. Naikoon erreicht man von Old Masset aus, zunächst mit dem Auto auf einer holprigen lehmigen Straße durch den Regenwald, in dem tausendjährige Nadelbäume wachsen. Die Straße endet nach etwa einer Stunde, und von da an geht es zu Fuss dem 13 Kilometer langen, unberührten North Beach entlang, einem weißglitzernden Sandstrand. Treibgut türmt sich auf, von der Sonne gebleichte, silbern schimmernde Baumstämme in bizarren Formen. Ein altes Schiffswrack liegt neben angeschwemmten Bergen von Muscheln und glänzendem Seetang.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-92" title="haida4" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida4.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p>Am Ende der Landzunge breitet sich eine riesige Wiese mit Dünengras aus, ein Nistplatz für Adler, Sandhill-Kraniche und andere Vögel. An schönen Tagen kann man von der Nasenspitze, die auf englisch Rose Spit heißt, bis nach Alaska schauen. Wenn Naikoon das Betlehem der Haida ist, dann ist Ninstint der Pantheon. Dieses vor vielen Generationen verlassene Haida-Dorf wurde 1981 zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt. Ninstint (in der Haida-Sprache Skuung Gwaii) auf der Insel Anthony ist nicht leicht zu erreichen, und die Zahl der Touristen, die diesen Ort besuchen können, ist beschränkt. Haida-Führer bewachen die Stätte. Ninstint war früher, bevor die von Weißen übertragenen Pocken 90 Prozent der Ureinwohner von Haida Gwaii ausrotteten, ein imposantes Dorf mit riesigen Plankenhäusern aus Zederstämmen. In jedem Haus lebten bis zu 40 Menschen. Dutzende von Totempfählen, die teilweise auch als Grabkammern dienten, säumten die Bucht. Die Stätte strahlt immer noch einen eigentümlichen Zauber aus. Man kann sich plötzlich vorstellen, wie die Haida in dieser Bucht in die Kanus stiegen, um an fernen Küsten mit Meerotterpelzen zu handeln oder andere Stämme zu besiegen. Kurz nach 1884 wurde das Dorf verlassen, die Reste der Häuser sind heute von Moos überwachsen. Die Monumente ragen nur noch als Trümmer aus dem Dickicht, sie vermoderten im warm-feuchten Klima oder wurden von fremden Eindringlingen zerstört.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-93" title="haida5" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida5.jpg" alt="" width="300" height="198" /></p>
<p>Skrupellose Forscher und Völkerkundler verschleppten im vergangenen Jahrhundert viele alte Totempfähle &#8211; neben zahllosen anderen Artifakten und Knochen von Haida-Vorfahren &#8211; in ausländische Museen. Heute kämpfen die Haida um die Rückgabe dieser Kulturschätze, zunehmend mit Erfolg. Ninstint liegt an der Südspitze des Archipels, in einem 147000 Hektar großen Schutzgebiet namens Gwaii Haanas (Verwaltung 001 250-5598818), in dem sich &#8211; vor allem an der Ostküste &#8211; weitere verlassene und zerfallene Haida-Dörfer befinden. Mit Charterschiffen oder Wasserflugzeugen kommt man zu diesen sagenumwobenen Stätten hin &#8211; oder ganz einfach im Kajak, wobei die See um Gwaai Haanas sehr stürmisch sein kann.</p>
<p>Früher legten in Ninstint auch Boote mit Passagieren von Kreuzfahrtschiffen an. Doch dieser Art Tourismus haben die Haida und die Provinzbehörden einen Riegel geschoben, um das verletzliche Erbe zu schützen. Heute dürfen sich nur maximal 12 Personen gleichzeitig in einem der verlassenen Dörfer aufhalten.</p>
<p>Die Ureinwohner sind entschlossen, die Entscheidungen über die Zukunft ihrer Inseln heute selber zu treffen. Seit Jahren protestieren Präsident Guujaaw und mit ihm viele Haida gegen die Vereinnahmung ihrer Heimat und deren Reichtümer, gegen die Forstwirtschaftskonzerne etwa, die die Regenwälder auf Haida Gwaii kahlschlagen. Oder gegen die Pläne der Provinzregierung, die gewaltigen Erdöl- und Naturgasvorkommen im Meeresboden um den Archipel auszubeuten. Vor dem Obersten Gerichtshof der kanadischen Provinz British Columbia haben die Haida Anspruch auf das Eigentum an ihren Inseln und dem Ozean in Küstennähe erhoben. Der Fall ist noch anhängig.</p>
<p>David Crosby vom Stammesrat in Skidegate (Tel. 001 250-559 44 96) sagt, dass man mehr Touristen nach Haida Gwaai locken möchte, die sich für die Kultur der Haida interessierten. Zu diesem Zweck wird derzeit ein riesiges Kulturzentrum in Skidegate gebaut. Angst vor Massentourismus hat Crosby nicht: &#8220;Dazu sind die Inseln zu entlegen&#8221;, sagt er. Die Haida wollen aber aus vergangenen Erfahrungen lernen. Denn eine profitable Einkommensquelle ist ihnen bereits früher entgangen: das florierende Geschäft mit den Sportfischern, das außenstehende Unternehmer nun in Händen halten. Diesmal wollen die Einheimischen am Aufschwung teilhaben. Crosby glaubt nicht, dass ihre Kultur davon bedroht werden könnte. &#8220;Wir sind starke, intelligente und findige Menschen&#8221;, sagt er. Ein zweites Mal soll die Welt der Haida nicht um Haaresbreite untergehen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-94" title="haida6" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/haida6.jpg" alt="" width="300" height="199" /></p>
<p><em>Informationen:</em></p>
<p>Beste Reisezeit Juli/August/September. Das Klima ist mild. Es kann auch im Sommer reichlich regnen.</p>
<p><em>Anreise:</em></p>
<p>Flug nach Vancouver. Mit Air Canada oder Hawk Air nach Prince Rupert. Mit der Fähre von Prince Rupert nach Queen Charlotte City. Oder Direktflug Vancouver nach Sandspit.</p>
<p><em>Unterwegs:</em></p>
<p>Mit Mietwagen, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, nur Taxis und Charterbusse. Mit Charterschiffen und Kajak. Für den Besuch des Parkes von Gwaii Hanas muss man eine Gebühr bezahlen, die je nach Länge des Aufenthaltes variiert.</p>
<p>Touristenauskunft in Queen Charlotte City: Tel. 001 250 559 83 16 oder info@qcinfo.com</p>
<p><em>Photos: Bernadette Calonego</em></p>
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		<title>Traum aus Wasser und viel Luft</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Nov 2004 22:58:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen Nr. 47/ 2004 in Börse Online Ein erhabener Moment: Kanadische Politiker trinken das Wasser, das ein mit Brennstoffzellen angetriebener Stadtbus ausscheidet &#8211; als einzigen &#8220;Schadstoff&#8221;. Fernsehkameras laufen, die Politiker lächeln, und die Firma Ballard Power Systems Inc. im westkanadischen Vancouver hat einmal mehr demonstriert: So rein ist unser Antriebssystem für das Auto der Zukunft. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen Nr. 47/ 2004 in Börse Online</em></p>
<p>Ein erhabener Moment: Kanadische Politiker trinken das Wasser, das ein mit Brennstoffzellen angetriebener Stadtbus ausscheidet &#8211; als einzigen &#8220;Schadstoff&#8221;. Fernsehkameras laufen, die Politiker lächeln, und die Firma Ballard Power Systems Inc. im westkanadischen Vancouver hat einmal mehr demonstriert: So rein ist unser Antriebssystem für das Auto der Zukunft.</p>
<p>Das war in den neunziger Jahren. Seither sind die erhabenen Momente für den Brennstoffzellen-Hersteller immer seltener geworden. Der Aktienkurs von Ballard, der im März 2000 noch in Toronto bei über 180 kanadischen Dollar notiert hatte, ist heute noch etwa 9,75 kanDollar wert. Bislang hat die Firma kumulative Verluste von 525 Millionen kanDollar angehäuft. Trotzdem gehörten die Ballard-Manager zu den bestbezahlten des Landes.</p>
<p>Der Brennstoffzellen-Strom, der den herkömmlichen Verbrennungsmotor ersetzen soll, treibt aber derzeit immer noch weniger als 100 Prototypen an. Die Zeit von Ballards unhaltbaren Prognosen ist vorbei: Vorstandschef Dennis Campbell sagt nicht mehr &#8211; wie sein vollmundiger Vorgänger Firoz Rasul -, in welchem Jahr er erstmals mit einem Gewinn rechnet. Oder in welchem Zeitraum ein mit Ballards Brennstoffzellen angetriebenes Auto in die Massenproduktion gehen dürfte.</p>
<p>Die Anleger sind ohnehin misstrauisch geworden: Ende 2002 erklärten die Ballard-Manager, man habe genügend Barmittel bis 2007. Aber was geschah? Zwei Tage später gab Ballard über sieben Millionen neue Aktien aus &#8211; und verwässerte die Titel der alten Eigner. Das empörte nicht nur die Finanzgemeinde. Die Euphorie für Brennstoffzellen-Autos hat sich elf Jahre nach dem Börsengang von Ballard deutlich abgekühlt. Tiefe Skepsis macht sich bei Wissenschaftern, Umweltschützern und Finanzanalysten breit.</p>
<p>Dabei sah es vor einigen Jahren noch so vielversprechend aus &#8211; in der Theorie. Die Brennstoffzellen hatte ein britischer Physiker vor 160 Jahren erfunden: Brennstoffzellen wandeln die Energie einer elektro-chemischen Reaktion zwischen Wasserstoff und Sauerstoff direkt in Elektrizität und Hitze um &#8211; mit dem einzigen Nebenprodukt Wasser. Die Raumfahrt entdeckte die Technologie in den sechziger Jahren wieder. Der Ingenieur Geoffrey Ballard entwickelte die Technologie in den achtziger Jahren weiter. Der Kanadier entwickelte eine Art Mini-Kraftwerk, das ein elektrisches Auto antreiben könnte. Ein Stadtbus wurde der erste Prototyp mit Brennstoffzellen-Antrieb.</p>
<p>Autokonzerne sprangen auf den Ballard-Bus auf: Sie waren durch Regierungsnormen für abgasfreie Autos in Kalifornien unter Druck geraten (der heute aber ziemlich abgenommen hat). 1997 beteiligten sich DaimlerChrysler AG und Ford Motor Co. an Ballard. Ein Daimler-Manager kündigte an, im Jahr 2005 würden 100000 Brennstoffzellen-Autos vom Band rollen.</p>
<p>Von wegen: Ein kommerziell realisierbares (sprich konkurrenzfähiges) Produkt gibt es bis heute nicht. Finanzanalyst Brian Piccioni von BMO Nesbitt Burns in Toronto behauptet, dass es sehr wahrscheinlich gar nie soweit kommen werde. Denn die Sache hat mehrere Haken: Wasserstoff ist nämlich keine Energie an sich, sondern nur ein Energieträger. Wasserstoff wird heute vor allem aus Naturgas hergestellt, andere Methoden wie Elektrolyse sind ebenfalls möglich. Auf jeden Fall braucht der Herstellungsprozess enorm viel Energie. Das ist teuer und löst weder Energieknappheit noch Umweltprobleme. Alternative Energien wie Solarstrom, Windmühlen oder Erdwärme würden niemals für die globale Wasserstofferzeugung ausreichen.</p>
<p>Teuer und knapp ist auch Platin, das im Innern der Brennstoffzellen gebraucht wird. Zudem ist es schwierig und kostspielig, Wasserstoff zu lagern, zu komprimieren oder zu verflüssigen und zu transportieren. Felix Pilorusso aus Toronto schätzt, dass allein die Herstellung von Wasserstoff bis zu zehnmal teurer sei als von Benzin &#8211; von den anderen Kosten ganz zu schweigen. &#8220;Bis es nicht günstigere Wege gibt, Wasserstoff zu produzieren, sind Brennstoffzellenautos nicht attraktiv&#8221;, sagt Pilorusso, ein Berater der Autoindustrie. Er glaubt, zum Durchbruch werde es noch einige Jahrzehnte dauern.</p>
<p>Nicht nur das: Benzin-Tankstellen müssten durch eine Wasserstoff-Infrastruktur ersetzt werden. Doch wer bezahlt die geschätzten 500 Milliarden US-Dollar dafür? Neben Daimler/Chrysler und Ford investieren zwar Autohersteller wie General Motors, Toyota, Honda und Nissan weiterhin in den Brennstoffzellen-Antrieb.</p>
<p>Aber vorerst und in naher Zukunft wird auf den erstaunlich erfolgreichen Hybridantrieb gesetzt, Autos, die mit Benzin und Strom fahren können, wie &#8220;Prius&#8221; von Toyota oder &#8220;Civic&#8221; von Honda. In den kommenden Jahren dürften aber auch die Verbrennungsmotoren punkto Benzinverbrauch und Abgase stark verbessert werden.</p>
<p>Doch das ist nicht die einzige Konkurrenz für Ballard: Heute arbeiten mindestens 50 weitere Firmen in Nordamerika, Japan und Europa an Brennstoffzell-Systemen und Auto-Komponenten.</p>
<p>Sollte ein Wettbewerber eine bessere Technologie anbieten, können Daimler/Chrysler und Ford laut Abkommen aus ihrem Vertrag mit Ballard aussteigen. Im Juli haben die beiden Autohersteller die deutsche Brennstoffzellen-Division (Ballard AG), die die Kanadier vor drei Jahren erworben hatten, von Ballard Power Systems zurückgekauft Mit dieser Division wollten die Kanadier eine ganze Reihe neuer Anwendungen für Brennstoffzellen im Autobereich (etwa für Kühlung oder Regulierung des Energieverbrauchs) entwickeln, was der Firma in der Zukunft weitere potentielle Einkommensquellen ermöglicht hätte. Schon früh warnten aber Marktbeobachter in Nordamerika, dass dadurch die verfügbaren Barmittel viel rascher verbrannt würden und dass die Kanadier nicht Produkte entwickeln sollten, deren Experten sie nicht sind. Ballard kann sich nun auf die Verbesserung der Brennstoffzellen konzentrieren, was sicher Herausforderung genug ist. Aber drei Jahre Arbeit und große Geldbeträge sind vertan.</p>
<p>Finanzanalyst Robert Stabile von CIBC World Markets in Toronto betont: &#8220;Brennstoffzellen sind eine Realität.&#8221; Aber auch er glaubt, dass es &#8220;viele Generationen&#8221; dauern werde, bis die Probleme gelöst seien. Er sieht den Aktienkurs in 12 Monaten bei 11,50 kanDollar. Gleichzeitig räumt Stabile ein, dass eine Analyse von Ballard lediglich auf vielen Vermutungen basiere. Und warnt: &#8220;Das ist eine langfristige Investition. Man wird nicht über Nacht einen Gewinn sehen.&#8221;</p>
<p>Andere Finanzanalysten halten die Firma schlicht für unanalysierbar. &#8220;Wegen des extrem weiten Zeithorizontes ist es schwierig, einen Grund zu finden, warum jemand in Ballard investieren soll&#8221;, sagt MacMurrey Whale von National Bank Financial in Toronto. Whale würde keine Wette darauf abschließen, dass Ballard in zehn Jahren noch existiert. Kleine Anleger sollten im besten Fall nur einen Bruchteil ihres Geldes in Ballard investieren, rät er. Sinnvoller wäre es, die Titel verkaufen und die Verluste durch bessere Anlagen wettzumachen.</p>
<p>Es ist zwar denkbar, dass sich eines Tages Ballard-Produkte in Nischenmärkten durchsetzen könnten, wo die Kosten nicht so eine große Rolle spielen: etwa Brennstoffzellen als Batterie-Ersatz für Gabelstapler, Rasenmäher, Fernsehkameras, Handys, abgasfreie Fahrzeuge in Bergwerken. Oder für Stadtbusse. Aber das würde nicht die heutige Marktkapitalisierung von 1,16 Milliarden kanDollar rechtfertigen.</p>
<p>Es ist auch gut möglich, dass der Aktienkurs aufgrund kurzfristiger Spekulation vorübergehend wieder steigt. Dennoch: mit Ballard-Aktien kauft man sich einen Traum &#8211; eine schlechte Basis für Investitionen.</p>
<p><strong>Interview mit Dennis Campbell, Vorstandschef und Präsident von Ballard Power Systems Inc.:</strong></p>
<p><em>Frage: Können Sie den Anlegern garantieren, dass es je eine Massenherstellung von Brennstoffzellenautos geben wird?</em></p>
<p><em>Campbell: Es ist schwierig, ein Produkt zu garantieren, das noch nicht auf dem Markt ist. Ich glaube allerdings, dass Brennstoffzellen der Antrieb für Autos des 21. Jahrhunderts sind. Es wird viel schneller passieren, als die meisten Leute denken.</em></p>
<p><em>Frage: Weshalb kommt man mit der kommerziellen Fertigung von Brennstoffzellenautos nicht voran?</em></p>
<p><em>Campbell: Die Technologie wird beherrscht und ihr Potential ist erwiesen. Aber es gibt Herausforderungen, vor allem mit den Kosten und der Lebensdauer von Brennstoffzellen. Ballard stellt sich diesen Herausforderungen.</em></p>
<p><em>Frage: Immer mehr Experten sagen, dass die Wasserstoffherstellung noch lange, lange Zeit &#8211; und vielleicht immer &#8211; viel zu teuer für eine Massenfertigung von Brennstoffzellenautos sein wird.</em></p>
<p><em>Campbell: Es gibt andere Experten, die glauben, dass die Kosten von Wasserstoff auf der Basis Energie-pro-gefahrenen-Kilometer tiefer als jene von Benzin sein können. Zunächst wird Wasserstoff vor allem mit Hilfe von Erdgas hergestellt werden. Aber Erdgas ist eine begrenzte Ressource wie Erdöl. Das allgemeine Ziel sind erneuerbare Energiequellen wie Erdwärme, Sonnenenergie, Wind oder Wasserkraft. Aber ich glaube, wenn einst die natürlichen Ressourcen erschöpft sind, dann wird Wasserstoff durch Atomenergie produziert werden.</em></p>
<p><em>Frage: Viele Anleger sind enttäuscht und verwirrt. Fundamentale Zweifel an der Machbarkeit einer Massenfertigung von Brennstoffzellenautos nehmen zu. Überrascht Sie das?</em></p>
<p><em>Campbell: Die harte Arbeit, um brillante neue Ideen in praktische, konkurrenzfähige, kommerzielle Produkte zu verwandeln, scheint oft länger zu dauern, als wir uns das wünschen. Wir bauen die Autos nicht. Wir sind eine Entwicklungsfirma. Wir wollen realistisch sein. Die Autohersteller und die Kunden werden entscheiden, wann die ersten Brennstoffzellenautos auf den Markt kommen.</em></p>
<p><em>Frage: Sie geben sich weiter optimistisch. Worauf basieren Sie Ihre Zuversicht?</em><br />
<em> Campbell: Jede Nation sucht nach erdölunabhängigen Energien. Dieser Trend wird zunehmen. China hat den am stärksten wachsenden Automarkt der Welt und gleichzeitig große Probleme mit der Luftverschmutzung. Derzeit besitzen nur acht von 1000 Chinesen ein Auto, in den USA sind es mehr als 800 von 1000. Indien ist ganz ähnlich wie China. Brennstoffzellen sind die perfekte Lösung. Warum nicht direkt eine Wasserstoff-Infrastruktur einführen? </em></p>
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		<title>Bäume pflanzen am Archie Creek</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Sep 2004 22:50:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 18. September 2004 Photos: Christopher Grabowski Nur nicht aufwachen und erkennen, dass der Alptraum wieder beginnt. Die Hitze. Die Blutsauger. Die entzündeten Gelenke. Schmerzen überall. Zehn Stunden Mühsal, Monotonie, Misere. Zehn Stunden Kampf mit sich selber. Bis zur Erschöpfung. Nur nicht aufwachen und wissen, dass der Schlaf nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 18. September 2004</em></p>
<p><em>Photos: Christopher Grabowski</em></p>
<p>Nur nicht aufwachen und erkennen, dass der Alptraum wieder beginnt.</p>
<p>Die Hitze. Die Blutsauger. Die entzündeten Gelenke. Schmerzen überall. Zehn Stunden Mühsal, Monotonie, Misere. Zehn Stunden Kampf mit sich selber. Bis zur Erschöpfung.</p>
<p>Nur nicht aufwachen und wissen, dass der Schlaf nicht ausreicht, den gemarterten Körper zu besänftigen.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-104" title="F001" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F001.jpg" alt="" width="300" height="206" /></p>
<p>Halb fünf Uhr morgens im Zeltlager am Archie Creek, einem Flüsschen im Norden der kanadischen Provinz British Columbia. Noch ist alles ruhig. So still, dass man den Specht klopfen hört. Daneben das leise Rauschen des Wassers unter der Brücke. Noch schlafen die jungen Leute, die an diesem drückend heissen Sommertag Zehntausende von Bäumen in Kanadas Wildnis pflanzen werden. Ihre bunten Zelte schimmern wie gigantische Blumen im Gebüsch. Zerbeulte Wohnwagen säumen die stillgelegte Forststrasse. Im Schotterdreck das Strandgut des Vorabends: Gummistiefel, Bierflaschen, ein blauer Pullover.</p>
<p>Plötzlich setzt der Generator ein, dröhnt umbarmherzig. Aus dem Küchenzelt dringt Klappern und Musik. Nun erscheinen von überall her vermummte Gestalten in zerfetzten Gewändern, Rucksack an der Schulter und Wasserkanister in der Hand. Eine junge blonde Frau schleppt sich verschlafen zum Wasserschlauch. &#8220;Ich höre auf&#8221;, verkündet sie. Niemand hört hin, es ist der meistgehörte Satz am Archie Creek.</p>
<p>&#8220;Ich habe genug&#8221;, wiederholt Natalie Mathis störrisch. Ihre Schweizer Vorfahren stammen aus Küblis.</p>
<p>Sie hat genug vom Aufstehen um fünf Uhr, vom Baumpflanzen im Akkord. Jeden Tag dieselbe Schinderei. Sie könnte in einer Autostunde in der Holzfällerstadt Prince George sein, dort den Überlandbus nach Hause nehmen, nach Canmore in den Rocky Mountains. 26-jährig ist Natalie, etwas älter als die meisten Pflanzer im Lager. Nur die ganz Jungen halten die Plackerei im Busch durch, und die meisten auch nur drei, vier Monate im Jahr. Im Winter arbeitet sie als Kellnerin in einem Skiort. Aber als Baumpflanzerin verdient sie mehr. Viel mehr.</p>
<p>Natalie geht ins Küchenzelt, wo sich siebzig Leute Tonnen von Kalorien zuführen: Schinken, Eier, Käse, Pfannkuchen, geschmortes Gemüse, Früchte, Müesli. Die Zeit eilt. Den Tages-Proviant einpacken, noch eine Zigarette rauchen, seinen Hund suchen, sich im Laufen die Zähne putzen, ins Gebüsch pinkeln, herausfinden, in welchem Geländefahrzeug man Platz hat. Spaten werden auf den Truck geworfen, dann die Säcke für die Setzlinge, die Gummistiefel mit den Spikes.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-105" title="F002" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F002.jpg" alt="" width="300" height="207" /></p>
<p>Andy MacArthur treibt die Ewigspäten an. Er ist der Verantwortliche für die Pflanzer am Archie Creek. Früher war er auch einer von ihnen, jetzt hebt er sich ab: Er hat geduscht und trägt Kleider ohne Löcher. MacArthur ist Manager bei Celtic Reforestation in Prince George, einer der über 200 Firmen in Kanada, die abgeholzte Wälder wieder aufforsten. Sie stehen im Dienste der großen Holzkonzerne, die ihnen die Aufträge geben.</p>
<p>Früher haben die Unternehmen kolossale Flächen wegrasiert, ohne für den Nach-Wuchs zu sorgen. Aber seit 1987 müssen die Holzkonzerne in British Columbia auf eigene Rechnung wieder aufforsten. Forstexperten der Provinzregierung bestimmen, welche Arten von Nadelbäumen in welchen Gebieten angepflanzt werden, damit es ökologisch sinnvoll ist. Die Arbeit machen die Baumpflanzer, ein Heer von jungen Leuten, die Jahr für Jahr unter brutalen Bedingungen die Setzlinge in den Boden stampfen. Im Sommer schuften Hunderte von ihnen in der Wildnis um Prince George. In dieser Region ist der Wald der wichtigste Rohstoff: In einem Umkreis von 300 Kilometern um die Stadt wird mehr als ein Fünftel von Kanadas Bauholz-Produktion erzielt.</p>
<p>6 Uhr 15. Die Motoren der Gelände-wagen fauchen. Die dreckverspritzten Vehikel hasten ruckend über Waldstrassen aus steiniger Erde. Jedesmal, wenn die Reifen auf ein Schlagloch treffen, hüpft die CD von Pink Floyd aus dem Takt. Natalies Gesicht hellt sich auf. Im Wageninnern legt sich ein Gruppengefühl wie weiche Daunen über die rebellierenden Seelen. Jessica Fox sitzt neben ihr, im meergrünen ärmellosen T-Shirt, hauteng und kurz, ein meergrüner Schal im blonden Haar, ein Lachen wie ein Wasserfall, braune starke Arme. Jessica lässt sich auf Vancouver Island zur Krankenschwester ausbilden. Die beiden sind zwei Tage zuvor im Zeltlager angekommen. Das Camp ist ein Reservoir an gutaussehenden athletischen jungen Männern. Zwei Drittel der Baumpflanzer sind Studenten, der Rest vor allem Extremsportler, Künstler, Freiheitsliebende, Musiker, Abenteurer. &#8220;Ein Haufen Unangepasste&#8221;, sagt Natalie. Das gefällt ihr.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-106" title="F003" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F003.jpg" alt="" width="186" height="300" /></p>
<p>Die Baumpflanzer vom Archie Creek sind für den kanadischen Canfor-Konzern aus Vancouver unterwegs. Canfor Corp. dominiert die Wälder um Prince George: Der Konzern beutet dort ein Forstgebiet von der Grösse der Schweiz aus, das ihm aber nicht gehört. In British Columbia sind rund 95 Prozent der Wälder in Staatsbesitz. Die Holzproduzenten erhalten von der Regierung gegen Gebühren die Lizenz zum Abholzen. Das missfällt den Amerikanern, deren Wälder mehrheitlich Privateigentum sind. Die US-Regierung behauptet, die Forstwirtschaft Kanadas sei subventioniert, was sie bislang aber nicht hat beweisen können. Sie bestraft die Kanadier trotzdem mit massiven Schutzzöllen auf kanadischen Holzexporten in die USA.</p>
<p>Die Wagenkolonne kommt nach einer Stunde zum Stehen. Einige Pflanzer sind wieder im Schlummer versunken &#8211; trotz Pink Floyd in Konzertlautstärke. Ein Helikopter landet mitten auf der Schotterstrasse. Andy MacArthur gibt die Sicherheitsbestimmungen für den Flug durch. Die Pflanzer ducken sich unter den Rotoren.</p>
<p>Oben am Berg werden sie auf dem kahlgeschlagenen Gelände ausgesetzt, springen von einer behelfsmässigen Plattform aus Baumstämmen herunter, den Rotorenflügeln ausweichend. Die Rucksäcke werden ihnen nachgeworfen. Vier Frauen und drei Männer sind in der Gruppe des Aufsehers Dan Ouellette. Sie schauen sich das Terrain an und ahnen schon Schlimmes. &#8220;Ignoriert die Hemlock-Tannen&#8221;, erklärt Dan im Pflanzerjargon, &#8220;messt aber Balsam ein, wenn er schön ist wie ein Christbaum. Taucht ein Bär auf, lasst es die anderen wissen.&#8221;</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-107" title="F004" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F004.jpg" alt="" width="202" height="300" /></p>
<p>Die Aussicht von hier oben ist eine Million Dollar wert: mächtige Schneeberge am Horizont, unten windet sich der Strom Fraser durch eine endlose bewaldete Ebene. Weite, Freiheit, Entrücktheit. Aber die Pflanzer brauchen nur den steilen Hang hoch zu kriechen, um zu verstehen: Dieser Grund ist wie ein Boden mit tausend Falltüren. Vor rund zehn Jahren wurde das Gebiet kahlgeschlagen. Die Trümmer, gigantische Wurzelstöcke, unbrauchbare Holzstämme, ausgehobene Sträucher und abgebrochene Äste, hat man einfach zurückgelassen. Jetzt ist alles überwachsen, mit Blumen, Büschen, wuchernden Pflanzen, bösartigen Gewächsen. Devil`s Club zum Beispiel, der Teufelsknüppel, dessen Stacheln sich durch die Kleider tief ins Fleisch eingraben und Qualen bereiten.</p>
<p>Brian St.Germain schaut um sich. Entsetzen steht in seinem Kindergesicht. Glitschige Baumstämme am Boden. Geröll und Dornen, Fangschlingen, verräterische Untiefen. Der 20-jährige Kanadier ist einer der &#8220;Rookies&#8221;, ein Anfänger. Die häufigen Besuche im Fitness-Club in Prince George haben ihn nicht auf diese Tortur vorbereitet.</p>
<p>Brian hat zwar gelernt zu &#8220;spacen&#8221;, die Setzlinge im richtigen Abstand im Erdboden zu versenken. Er kann in einem Kreis mit einem vorgegebenen Radius von vier Metern acht Bäume pflanzen, sodass alle gleich weit voneinander entfernt sind. Zwar nicht so schnell wie die anderen in der Gruppe, wie Jessica zum Beispiel, die in der Minute mehrere Bäume pflanzt. Sie rammt den Spaten in die Erde, weitet mit einer schnellen Bewegung das Loch, während sie bereits mit der andern Hand einen Setzling aus dem Sack hinten an ihrer Hüfte holt. Bücken, Wurzel sachte hineinhängen, Erde festklopfen. Und beim Aufrichten des Körpers schon die nächsten zwei, drei Standorte für die Tännchen ausmachen. So verliert man keine kostbare Zeit.</p>
<p>&#8220;30 Cents&#8221;, sagt Dan Ouellette mit seinem französischen Akzent aus Montreal. Dreissig Cents erhalten die Arbeiter für jeden gepflanzten Baum. Das ist ein Zuschlag für das mörderische Terrain. Am Vortag haben die Pflanzer in einem anderen Gelände 21 Cents verdient. Heute ist alles schwieriger: Das Gebiet, 1,5 Kilometer lang mit einem Höhenunterschied von 250 Metern, ist vor sieben Jahren schon einmal aufgeforstet worden. Aber viele Jungtannen haben die langen Winter nicht überlebt. Jetzt muss nachgeforstet werden. Erst wenn die Nadelbäume unabhängig gedeihen können, geht das Gebiet von der Verantwortung des Holzkonzerns wieder in die Obhut der Provinzregierung über.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-108" title="F005" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F005.jpg" alt="" width="241" height="300" /></p>
<p>Brian St.Germain schüttelt den Kopf. Er muss jetzt nicht nur pflanzen, sondern auch noch die vor sieben Jahren platzierten Setzlinge unter all dem Gestrüpp finden, um zu wissen, wo er seine Bäume anbringen kann. &#8220;Es ist verrückt&#8221;, klagt er. Heute wird er nicht viel Geld machen. Brillieren würden hier aber nicht einmal die &#8220;Highballers&#8221;, die Stars unter den Pflanzern, die an manchen Tagen bis zu 2800 Bäume in den Boden ballern.</p>
<p>Die Säcke, gefüllt mit fussgrossen Fichten, hängen um Brians Hüfte. Schulterriemen halten das Gewicht. Etwa 25 Kilogramm schleppt er nun den Hang hoch. Macht ein paar Schritte und fällt schon ins Bodenlose.</p>
<p>Dan Ouellette, klein und drahtig, mit schwarzem Lockenkopf und Stirnband, steigt unermüdlich durchs Gelände. Ein Pflanzer soll, so heisst es, im Schnitt 16 Kilometer pro Tag zurücklegen. Ein Aufseher macht wahrscheinlich 24. Dan ist unzufrieden, weil seine Leute die Fläche zu dicht bepflanzen. Sie übersehen manche der früheren Setzlinge. Mit geübtem Auge entdeckt Dan falsche Abstände zwischen Jungtannen, Setzlinge, deren Wurzeln gebogen statt gerade im Erdloch stecken, ideale Standorte, die von den Pflanzern ignoriert wurden.</p>
<p>Jetzt zeigt er auf einen Baumstrunk. Der speichert Wärme, eine Heizung für zarte Pflänzchen. &#8220;Vergesst nicht, Leute, das wäre eine gute Stelle gewesen&#8221;, brüllt er. &#8220;Amen, Bruder&#8221;, ruft Natalie zurück. Wer pfuscht, bereut es schnell. Dann muss man alles herausrupfen, alles neu pflanzen. Verlorene Zeit, verlorenes Geld. Das trifft auch Dan, denn er verdient 15 Prozent dessen, was seine Gruppe erarbeitet.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-109" title="F006" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F006.jpg" alt="" width="255" height="300" /></p>
<p>Alle sind hier der Geldes wegen. Niemand verhehlt das. Geld, um reisen zu können. Fürs Studium. Um Musik, Kunst zu machen. Um im Rest des Jahres Arbeitslosenunterstützung zu beziehen. Dafür schuften sie jetzt wie Pferde: Vier Tage Akkord, ein Tag frei, vier Tage Akkord, ein Tag frei.</p>
<p>Die Sonne glüht. Dabei hatten die Pflanzer geglaubt, nach dem sintflutartigen Regen in der Woche zuvor das Schlimmste hinter sich zu haben. Schlottern. Klamme Finger. Durchdringende Nässe. Waten im Morast.</p>
<p>Und jetzt diese unerträgliche Hitze.</p>
<p>Jessica Fox torkelt den Berg herunter. Schweiss läuft ihr in die Augen, mit ihm der giftige Mückenspray. Jessica setzt den Wasserkanister an die Lippen, lässt sich vollaufen. Die Wasserflasche wartet immer unten, dort, wo die Setzlinge aus Kartonbehältern in die Säcke eingefüllt werden. Noch mehr Gewicht will niemand buckeln. Sobald Jessica stillsteht, wird sie von Mückenschwärmen attackiert. Bremsen, Mosquitos &#8211; und die schlimmsten: &#8220;No-see-ums&#8221;, so winzig, dass man sie nicht sieht, aber sie reissen die Haut auf und das Blut rinnt herunter.</p>
<p>Die Körper der Pflanzer sind voller entzündeter Schwären, schwarzer Flecken, roter Wunden, Ausschläge und Blasen. &#8220;Ich zeige mich im Badeanzug nur andern Pflanzern&#8221;, gesteht Natalie, die sich zu ihrer Freundin gesellt. Jessica streckt ihren Rücken durch. &#8220;Nach meinem ersten Jahr dachte ich, vergiss es.&#8221; Aber nun ist sie schon fünf Jahre dabei, wird immer besser. In einem Kraftakt sattelt sie ihre vollbepackten Säcke, ein menschliches Maultier, das sich selber antreibt. Beginnt den beschwerlichen Tanz durchs Dickicht. Beim Pflanzen taucht ihr Rücken auf und ab wie eine Walflosse aus dem Ozean.</p>
<p>Michael Ross, ein 25-jähriger Student aus der Provinz Quebec, hat nur eine Hand. Ein Geburtsfehler. Er ist trotzdem schneller als viele andere, nach vier Pflanzjahren. &#8220;Das Härteste ist, nicht innezuhalten, immer weiterzumachen&#8221;, sagt er.</p>
<p>Nicht aufgeben. Stoßen, Loch öffnen, Setzling greifen, bücken, festklopfen.</p>
<p>Schritt-Schritt. Stossen. Greifen. Bücken. Klopfen. Schritt-Schritt.</p>
<p>Tausend mal am Tag. Nervtötend. Geisttötend. Das Handgelenk schmerzt. Der Arm. Die Füße. Das Kreuz. Hitze. Mücken im Ohr, im Mund, in den Augen. 30 Cents. Wie viele Bäume noch? Dreihundert? Vierhundert? Den Grund lesen. Die Geographie des Bodens. Der nächste, bücken, Schritt-Schritt. Nicht aufgeben.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-110" title="F007" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F007.jpg" alt="" width="202" height="300" /></p>
<p>Zwei Pflanzerinnen zünden sich während einer kurzen Rast ein Haschischpfeifchen an. Die Firma Celtic verbietet es. Aber viele Pflanzer rauchen heimlich &#8220;Pot&#8221;, zwischen den Aufstiegen, am Abend im Lager. Die Pfeifchen verschwinden, als der Aufseher erscheint. Dan Ouellette sieht sich die Umgebung an. &#8220;Das gerodete Waldstück hier ist riesig&#8221;, sagt er. &#8220;196 Hektaren. Das ist noch die alte Schule.&#8221; Heute müssen die Holzkonzerne dazwischen große Gebiete für die wilden Tiere unberührt lassen. In Kanada wird jedes Jahr rund eine Million Hektar Wald kahlgeschlagen. Hier im Norden, wo der Winter sieben Monate dauert, brauchen die Nadelbäume zum Nachwachsen rund 150 Jahre. Im milderen Klima an der Südwestküste 60 Jahre.</p>
<p>Die Holzindustrie ist ungeduldig. Im Forstlabor der Universität von Prince George wird danach geforscht, was Tannen schneller wachsen lässt. Gegründet und finanziert hat das Labor der ehemalige Konzernleiter des Holzproduzenten Slocan. Die Baumpflanzer tragen dazu bei, dass die Industrie eines Tages wieder ernten kann. Mit den Tännchen lassen sie einen Teil von sich selber in der Natur zurück.</p>
<p>Dan Ouellette erhält einen Ruf über Funk: ein Unfall in der anderen Gruppe, die weiter vorne arbeitet. Ein Pflanzer ist auf einem liegenden Baumstamm ausgerutscht, ein abgebrochener Ast hat sich in seine Seite gebohrt.</p>
<p>17 Uhr. Endlich. &#8220;Lasst eure Säcke und Spaten hier oben&#8221; , ordnet Dan vor dem Rückflug an. Natalie Mathis will ihre Werkzeuge mitnehmen. Dan wird misstrauisch. &#8220;Gibst du auf?&#8221; Natalie verneint. Ein scharfer Wortwechsel folgt. &#8220;Wenn du aufhören willst, dann sag es gleich&#8221;, fordert der Aufseher. Natalie streitet sich mit ihm, dann gibt sie nach, unwillig.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-111" title="F008" src="http://www.bernadettecalonego.com/deutsch/wp-content/uploads/F008.jpg" alt="" width="300" height="202" /></p>
<p>Der Helikopter bringt die erschöpften Pflanzer ins Tal. Vor der Abfahrt trägt Andy MacArthur die Tagesergebnisse in eine Liste ein. Jessica hat 700 Bäume gepflanzt. Das sind rund 200 Franken. Natalie kommt auf 530 Stück.</p>
<p>Die Frauen seien oft besser als die Männer, sagt Andy MacArthur. Manchmal kommen Machos an, deren Maul noch größer ist als die Muskeln, und nach einer Woche machen sie schlapp. Für das Pflanzen braucht es auch Geschmeidigkeit. Und vor allem mentale Stärke.</p>
<p>&#8220;Du kannst ruhig deinen Kopf auf meine Schulter legen&#8221;, sagt Michael Ross im Geländewagen zur müden Frau neben ihm. Minuten später schläft er tief.</p>
<p>18.30 Uhr. Zurück im Zeltlager gibt es nur einen rohen Trieb: Essen. Kara Ferguson, die seit neun Jahren für Celtic kocht, bemisst dreifache Portionen für alle: Suppe, Braten, Peperoni, Rosenkohl, Randen, Kartoffelpüree, Salate, Erdbeertorte. Mit tätowierten Armen schwingt sie schwere Pfannen und Platten vom Herd zur Anrichte. Der Ring in ihrem Bauchnabel zittert.</p>
<p>Kara ist nichts fremd. Sie rät Neuankömmlingen, im Gebüsch zu scheissen, die Freiluftklos seien zu garstig. Und warnt: &#8220;Passt auf Bären auf, einer war gestern in der Nähe.&#8221; Zu Kara gehen die jungen Männer, wenn sie sich die Geschlechtsteile an den um die Hüfte gebundenen Pflanzensäcken wundgescheuert haben. Sie gibt ihnen feines Maismehl &#8211; zum Kühlen.</p>
<p>Akkord-Pflanzen sei eine sehr emotionale Sache, sagt Kara: &#8220;Es intensiviert alles.&#8221; Das Schwere und das Gute. Romantische Beziehungen entstehen schnell, Sex ist Trost. &#8220;Sie sind wie Karnickel, Mann&#8221;, gluckst Kara. Sie lacht auch, wenn sie nervös ist. Zum Überspielen. Wie damals, vor zwei Jahren, als Nicole Hoar beim Autostoppen westlich von Prince George spurlos verschwand. Die 25-jährige Studentin hatte bei Celtic als Pflanzerin gearbeitet. Ihre Kameraden waren fassungslos. Kara gestikuliert. &#8220;Ich musste eine Mutter für alle sein.&#8221;</p>
<p>Ein Bild der Vermissten hängt in den Räumen des Hauptsitzes von Celtic Reforestation in Prince George. Der Inhaber Dave Wilson war früher selber Baumpflanzer, seine Frau ebenso. Es sei ein freies Leben ausserhalb der Institutionen, sagt Dave, 48jährig, ein Bär von einem Mann. Die Freiheit hat ihren Preis: &#8220;Man kann dieses Arbeitsumfeld nur schwer kontrollieren. Deshalb können Ausbeutung und Missbrauch der Pflanzer vorkommen.&#8221; Seine Firma genießt einen guten Ruf, hat 21 Jahre in einer Branche überlebt, in der immer härter um die Aufträge der Holzkonzerne gekämpft wird. Manche Konkurrenten erledigen die Arbeit zu Dumpingpreisen &#8211; zulasten der Löhne der Pflanzer. Firmen wie Celtic und ihre 400 Mitarbeiter hängen von den Forstgiganten ab. &#8220;Wir sind ganz unten am Totempfahl&#8221;, erklärt Dave Wilson.</p>
<p>Aber selbst dort unten ist das Leben manchmal gut. Am Archie Creek stürmen die Pflanzer ein paar Autos für eine Spritzfahrt zum nahen See. Die Hitze ertrinkt im kalten Wasser. Das Schöne ist besser als je zuvor. Dieses unbeschreibliche Gefühl von Sauberkeit nach der Haarwäsche. Mit andern Pflanzern vor dem Küchenzelt sitzen, Tequila trinken, Musik hören. Eine Verbundenheit spüren, wie es sie nur unter extremen Bedingungen gibt. Stolz sein auf das Geleistete, auf die eigene Stärke. Vor Müdigkeit lachen, lachen, lachen.</p>
<p>Am nächsten Morgen sitzen die Pflanzer niedergeschlagen auf dem Brückengeländer. Sie können nicht losfahren. Der Lastwagen mit den gekühlten Setzlingen, die von einer Baumschule in Vancouver stammen, ist noch nicht eingetroffen. Über 200000 Tännchen, drei Tage Arbeit. &#8220;Wie kann man uns das nur antun?&#8221; stöhnt einer.</p>
<p>Stundenlanges Warten. Verlorenes Geld.<br />
Natalie füllt ihren Kaffeebecher im Küchenzelt. &#8220;Natürlich bin ich wieder dabei&#8221;, sagt sie. &#8220;Die brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich bringe den Mist zu Ende&#8221;</p>
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		<title>Auf Pilzjagd</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Nov 2003 22:44:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernadette Calonego</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Erschienen im November 2003 in &#8220;natur + kosmos&#8221; Es ist sechs Uhr morgens. Noch liegt die Nacht pechschwarz über das Nass Valley, verhüllt die mächtigen Gipfel und die Seen. Ein alter Lastwagen rumpelt klappernd über die Schotterstrasse, ungeachtet der Schlaglöcher. Seine Scheinwerfer erfassen schwach die Ränder der riesigen Wälder, die sich auf beiden Seiten der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen im November 2003 in &#8220;natur + kosmos&#8221;</em></p>
<p>Es ist sechs Uhr morgens. Noch liegt die Nacht pechschwarz über das Nass Valley, verhüllt die mächtigen Gipfel und die Seen. Ein alter Lastwagen rumpelt klappernd über die Schotterstrasse, ungeachtet der Schlaglöcher. Seine Scheinwerfer erfassen schwach die Ränder der riesigen Wälder, die sich auf beiden Seiten der Forststrasse ausdehnen. Dichte Nebelschwaden verkürzen die Sicht auf wenige Meter. Doch Doug Mighton, der Fahrer, drosselt sein Tempo nicht.</p>
<p>Der Kanadier will keine Zeit verlieren, denn er ist auf der Jagd nach dem &#8220;weißen Gold&#8221;. Jedermann im Gebirgstal des Flusses Nass weiß, was damit gemeint ist: ein elfenbeinfarbener, kostbarer Pilz. In den Herbstmonaten strömen Glücksritter, Abenteurer und Waldläufer aller Art in diese abgelegene Region im Nordwesten der kanadischen Provinz British Columbia. Die meisten sind bei der Kleinstadt Terrace auf den Nisga´a Highway eingebogen. Ihr Ziel sind die alten Nadelwälder, die in ihrem Boden einen wertvollen Schatz bergen: den &#8220;Matsutake&#8221;, auch &#8220;Pine Mushroom&#8221; (zu Deutsch: Kiefernpilz) genannt. Dieser würzige Esspilz wird fast ausschließlich nach Japan exportiert, wo er als traditionelle Delikatesse für viel Geld gehandelt wird. Die Japaner lieben den Matsutake nicht nur wegen seines delikaten Geschmacks, sie sprechen ihm auch medizinische Wirkungen zu. In Kanada löst der Pilz eher eine Art Rausch aus, dem jedes Jahr Tausende von Sammlern erliegen. Sie folgen dem Lockruf von Geschichten, wonach Pflücker in wenigen Wochen ein Vermögen verdienten, nachdem sie ertragreiche Matsutake-Felder gefunden hatten.</p>
<p>Dieses Jagdfieber treibt Doug Mighton trotz seiner 76 Jahre immer noch in die Wildnis. Es ist stärker als die Angst vor Bären, Pumas und Kojoten. Es treibt ihn durch Dornengestrüpp, Schluchten und Sümpfe, lässt ihn Nässe und Kälte ertragen.</p>
<p>An diesem Morgen ist Doug nicht allein. Vor ihm bahnt sich Norm Kenyon mit seinem Transporter den Weg durch die Dunkelheit. Norm, ein erfahrener Sammler und Pilzhändler, will Doug ein Waldstück zeigen, das in früheren Jahren eine Goldgrube war.</p>
<p>Die beiden biegen in einen Waldpfad ein, der von einem Biberdamm überflutet ist. Sie lassen ihre Fahrzeuge in einer Lichtung stehen, packen Stock und Plastiktüten und laufen los. Noch fällt nur spärlich Licht durch die Baumkronen. Doug und Norm suchen den Waldboden aufmerksam ab. Der Matsutake ist nicht leicht zu entdecken. Er versteckt sich unter dem luftigen Teppich aus Federmoos, in Wurzelhöhlen, unter Decken aus Tannennadeln, Blättern oder morschen Stämmen auf dem Boden.</p>
<p>Plötzlich sieht Doug in all dem Grün und Braun etwas Weißes aufblitzen, den berühmten &#8220;white flash&#8221;, der unweigerlich bei jedem Sammler einen Adrenalinstoss auslöst. Auf den Knien schält Doug das Exemplar, von dem nur ein kleiner Streifen im Moos zu sehen war, vorsichtig aus seinem Erdbett. Dann hält er ihn stolz in die Höhe: &#8220;Was für eine Schönheit!&#8221;, ruft er aus. Der Pilzkopf ist fest und rund, die dünne Membrane zwischen Haube und Stamm intakt. Der Pilz hat keine Würmer und ist auch nicht von Eichhörnchen angefressen. Dougs Exemplar wiegt ein halbes Pfund und wird die höchste Bewertung des Händlers erhalten: &#8220;Number One&#8221;.</p>
<p>Soogleich tastet Doug mit seinen runzligen Händen die Umgebung ab, und tatsächlich &#8211; unter dem Moos verbergen sich noch drei weitere Matsutake. Nach einigen Stunden ausgedehnter Suche sind die beiden Männer allerdings enttäuscht: Die Ausbeute ist gering. Andere Pilzsucher waren vor ihnen da gewesen, wie dunkle Löcher im Moos und weggeworfene wurmstichige Pilze beweisen.</p>
<p>Am Nachmittag trifft Norm in Nass Camp ein, einer einsamen Siedlung mitten in der Wildnis. Zum ehemaligen Holzfäller-Lager gehören ein Restaurant mit schummriger Bar, eine Tankstelle und ein Gemischtwarenladen. Ab vier Uhr nachmittags rumpeln alte Lastwagen, Jeeps, schäbige Wohnbusse und rostige Autos durch die Pfützen und über die Bodenwellen des lehmigen Platzes. Ihr Ziel sind die Hütten der Pilzhändler, die im Spätsommer und Herbst als mobile Kaufstationen am Rande von Nass Camp stehen.</p>
<p>Rund ein Dutzend Matsutake-Käufer wartet hier auf die Sammler, die begierig sind, den heutigen Preis zu erfahren. Am Vorabend zahlten die Händler für ein Pfund &#8220;Pines&#8221; elf kanadische Dollar. Deprimierend wenig, finden die Pflücker. Sie schimpfen über dieses &#8220;Halsabschneider-Geschäft&#8221;. Zu Anfang der Pilzsaison hatte der Preis noch bei 55 Dollar pro Pfund gelegen (ein kanadisches Pfund beträgt 453 Gramm). Trotzdem schwärmen die &#8220;Shroomers&#8221; (Kurzform für &#8220;mushroomers&#8221;) aus und hoffen, dass sich die Marktlage bis zum Abend verändert. Die meisten haben schon erlebt, wie schnell sich ihr Glück zum Bessern wenden kann, und harren aus.</p>
<p>Norm Kenyon hat den alten Ofen in seinem Bretterverschlag geheizt. Einige müde Männer fläzen sich in abgewetzten Polstersesseln. Thermosflaschen mit heißem Kaffee stehen auf einem Brett an der Wand. In manchen Hütten verwöhnen die Händler ihre Kunden auch mit einem Marihuana-Joint, dessen süßer Duft sich mit dem kräftigen Tannengeruch der Pilze mischt. Viele dieser Sammler wollen ihren Namen oder ihre Lebensumstände nicht preisgeben. Schließlich bezahlt kaum ein Pflücker Steuern für das Bargeld, das hier direkt über den Tisch geht.</p>
<p>Das Forstministerium von British Columbia schätzt, dass in dieser Provinz jährlich 250 bis 400 Tonnen Matsutake geerntet werden. Das Geschäft mit wilden Pilzen beziffern die Behörden auf 25 bis 45 Millionen kanadische Dollar. Doch sie haben vorläufig ihre Absicht aufgegeben, das Pilzesammeln zu regulieren und zu kontrollieren. Der Markt ist einfach zu unübersichtlich.</p>
<p>Dieses Gefühl von Freiheit und unkontrollierter Existenz zieht viele Pflücker an. Auch Frauen. &#8220;Da kommt meine beste Sammlerin&#8221;, ruft Norm. Durch die Tür seiner Hütte tritt eine Frau in den Fünzigern, mit blondem, kurzgeschnittenem Haar und sanftem Gesicht. Ann Whaley legt mehrere schwere Plastiktüten auf den Ladentisch. Lachend wehrt sie Norms Kompliment ab. &#8220;Ich bin nur ein Baby im Geschäft&#8221;, sagt sie und lässt sich in einen Sessel fallen. &#8220;Ich mach das erst seit zwei Jahren.&#8221; Ann nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee. Diese mädchenhafte, schlanke Frau geht mit ihrem Hund immer allein in den Busch. Sie trägt ein GPS, ein Global Positioning System, um den Hals. Dieses Gerät hilft ihr, zu ihrem Wohnmobil zurückzufinden. &#8220;Ich fühle mich wohl im Busch&#8221;, sagt sie. &#8220;Doch wenn plötzlich ein Grizzly auftaucht und ich bin zwei Stunden von meinem Wagen entfernt, ist es schon unheimlich.&#8221; Glücklicherweise hat sich der Bär nach bangen Minuten zurück gezogen. Andere Pflücker gehen lieber mit dem Gewehr in den Wald.</p>
<p>Ann Whaley ist heute nicht zufrieden. Sie war bei einer Stelle, wo sie im vergangenen Jahr viele Pilze gefunden hatte. Doch das Waldstück wurde inzwischen gerodet. &#8220;Es geht fünfzig Jahre, bis dort wieder Pilze wachsen&#8221;, klagt sie.</p>
<p>Was die Matsutake zum Gedeihen bringt, weiß man nicht genau. Sie wachsen in der Regel in Wäldern mit 50 bis 200jährigen Nadelbäumen, von deren Wurzelsystem sie sich in einem symbiotischen Austausch ernähren. Die Pilze bevorzugen durchlässige Erde. Viele Sammler halten vulkanischen Boden für besonders ertragreich, wie im Nass Valley, wo der Vulkan Wilksi Baxhl Mihl vor über 250 Jahren einen großen Teil des Tales unter Lavaströmen begrub. Niemand schaffte es bislang, die &#8220;Pine Mushrooms&#8221; unter künstlichen Bedingungen zu kultivieren.</p>
<p>Zu den glücklichen Sammlern zählt an diesem Abend ein junger Indianer, der schwer beladen in die Hütte stolpert. Gerald Clayton vom Stamm der Nisga`a-Indianer strahlt übers ganze Gesicht. Er hat in fünf Stunden 25 Pfund Pilze gepflückt. &#8220;Man muss halt jeden Baum persönlich kennen&#8221;, witzelt er und lässt sich 383 Dollar bar auszahlen. Er will gleich wieder zu seiner Fundstelle zurückgehen &#8211; mit einer Taschenlampe.</p>
<p>Als die Nacht hereinbricht, schließt Norm die Tür seines Verschlags und sortiert die Pilze in Plastikkörbe. Um neun Uhr abends kommt ein Lastwagen, um die Ausbeute des Tages nach Terrace zu bringen. Von dort geht es im Flugzeug nach Vancouver, wo sie von Pilz-Firmen nochmals sortiert, gereinigt und verpackt werden. Nach 72 Stunden liegt die Delikatesse schon in den Auktionshäusern in Tokio und Osaka.</p>
<p>Der Matsutake ist Teil der japanischen Kultur. Bis ins 18. Jahrhundert war der Verzehr dieses Pilzes nur Adligen erlaubt. Heute symbolisiert er für viele Japaner Fruchtbarkeit und Glück. Kanada ist Japans viertgrösster Matsutake-Lieferant, nach China, Südkorea und Nordkorea. In Kanada selber wird der Matsutake praktisch nur in asiatischen Restaurants und Läden angeboten.</p>
<p>Wohin die kostbaren Pilze verkauft werden, interessiert die Sammler im Weste Kanadas wenig. Für sie zählt nur der Preis &#8211; und der Hauch von Freiheit und Abenteuer, den ihre Suche nach den Pine Mushrooms umgibt. Das gilt auch für J acques und Ayca, die aus der Provinz Quebec kommen. Das junge Paar &#8211; beide sind 26 Jahre alt &#8211; sitzt mit Mütze und Schal in seinem kleinen Zelt. Aber die Freiheit der Pflücker geht ihnen über alles. &#8220;Wir gehen in den Busch, wann wir wollen und wir verkaufen die Pilze, an wen wir wollen&#8221;, sagt Jacques.</p>
<p>Der junge Mann kennt aber auch den Preis dieser Freiheit. Nicht alle Pflücker haben Glück. Manche finden so wenige Pilze, dass sie am Ende mit weniger Geld dastehen als bei ihre Anreise. Jacques kennt sogar Männer, die ihr Auto verkaufen mussten, um wieder nach Hause zu kommen. Doch wer vom Virus des Matsutake befallen ist, kommt so schnell nicht wieder los. &#8220;Weil sie an einem guten Tag 300 Dollar verdienen können, kommen viele Pflücker Jahr für Jahr zurück&#8221;, sagt Jacques, &#8220;nur wegen dieses einen guten Tages.&#8221;<br />
Denn die Hoffnung aufs grosse Geld verlässt sie nie.</p>
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