Insel der glücklichen Bienen

Die Insel der glücklichen Bienen

Auf der kanadischen Insel Neufundland gibt es keine Bienenseuchen. Forschungsarbeiten in der Schweiz sollen die Grundlagen dafür liefern, dass es auch so bleibt.

Veröffentlicht in Der Bund, 3. Mai 2011

 

Der kanadische Bienenexperte Geoffrey Williams weiss, was ein Bienenwunderland ist. Dort sind die Honigbienen ganz friedlich, leben ohne Stress, sie stechen fast nie und werden auch nicht krank wie sonst praktisch überall auf der Welt. Dieser paradiesische Zustand herrscht auf der Insel Neufundland im Osten Kanadas. So soll es auch weiterhin bleiben, und deshalb ist Williams in der Schweiz. In Liebefeld bei Bern studiert er im Schweizerischen Bienenforschungszentrum Agroscope die Gefahren und Krankheiten, denen viele Bienen ausgesetzt sind und die nie nach Neufundland gelangen dürfen.

Die Schweizer und Neufundländer Bienen gehören der gleichen Gattung der Europäischen Honigbiene (Apis mellifera) an. Sie haben eine weitere Gemeinsamkeit: Die Schweizer Bienen sind ebenso freundlich wie ihre Artgenossen in Neufundland. „Ich bin jetzt drei Monate hier und noch nie gestochen worden“, sagt der 28-jährige Williams, der zuvor vier Jahre lang an der Dalhousie-Universität in der kanadischen Provinz Nova Scotia forschte. Ganz anders waren seine Erfahrungen im US-Bundesstaaat Arizona: In 20 Minuten stachen ihn dort an die fünzig Killerbienen. Aber in den USA ist die Bienenwelt ohnehin in Aufruhr: Im vergangenen Winter sind rund ein Drittel der Bienen durch Parasiten, Viren und andere Krankheiten eingegangen. Einer der Parasiten ist der kleine Bienenstockkäfer, dessen Larven sich durch die Waben fressen und sie beschädigen. Der ausgewachsene Schädling imitiert eine Biene und bringt andere Bienen dazu, ihn mit Honig zu füttern. In Kanada ist der kleine Bienenstockkäfer erst gerade in einem winzigen Umkreis entdeckt worden. Die Insel Neufundland dagegen ist wie die Schweiz bislang vom Bienenstockkäfer verschont geblieben. Aber im Gegensatz zu Neufundland gibt es in der Schweiz den bekanntesten Feind der Europäischen Honigbiene: die Varroa-Milbe, die lateinisch Varroa destructor (zerstörerische Milbe) heisst. „Dass diese Milbe in Neufundland nicht auftaucht, ist einzigartig“, sagt Geoffrey Williams. „Das hat zwei Gründe: Neufundland ist geografisch ziemlich abgelegen, und es gibt ganz strenge Vorschriften für den Import von Bienen und deren Quarantäne.“

In der Schweiz findet man auch den Parasiten Nosema Ceranae, der den Magen der Bienen attackiert und zu Durchfall und Tod führt. In Spanien sind deswegen viele Bienenvölker zerstört worden. In den USA wird die sogenannte „Kolonienkollaps-Krankheit“ seit kurzem mit dem Parasiten in Verbindung gebracht.

Aber Neufundland muss trotz des Fehlens dieser Bienenkrankheiten stets wachsam bleiben. Die kanadischen Bienenforscher müssen ihre Feinde kennen, auch wenn sie im Bienenwunderland bislang noch haben verhindert werden können. In Liebefeld erforscht Williams, vor welchen Parasiten sich Neufundland besonders hüten muss. Seine Erkenntnisse teilt er den kanadischen Bienenzüchtern mit. Die Arbeit von Williams ist aber auch für die Schweizer Imker nützlich: Der Kanadier untersucht in der Schweiz Bienen nach Parasiten. Er erforscht zudem die Interaktion von Pestiziden und Parasiten und ihre Wirkung auf Schweizer Bienen: Wieviele Chemikalien vertragen sie und in welchen Kombinationen? Williams arbeitet an einem Forschungsprojekt mit, das von der Schweizer Ricola-Stiftung gesponsort wird. Daneben untersucht er im Rahmen des Projektes „Coloss“ der Europäischen Union, wie man auf der Welt den Verlust von Bienenkolonien begrenzen kann.

Da in Neufundland keine Bienenkrankheiten mit Chemikalien bekämpft werden müssen, sind die Bienen giftfrei. Da liegt die Frage nahe, ob die Schweiz nicht einige von Neufundlands gesunden Bienenvölkern importieren könnte. Das sei grundsätzlich möglich, sagt Williams, denn die Bienen in Neufundland würden keine Parasiten aufweisen, die von der Europäischen Union verboten seien. Aber eigentlich findet er, die Einfuhr von Bienen aus dem Ausland sollte nicht die erste Wahl sein. „Die Schweiz sollte nicht darauf angewiesen sein, Bienen einzuführen, um die einheimische Population aufrechtzuerhalten“, sagt Williams. Wenn man Bienen von einem Land zum anderen verschiebe, gehe man immer ein Risiko ein. Auf diese Weise hätten sich oft gerade Krankheiten verbreitet.

Noch etwas verbindet die Schweizer und Neufundländer Bienen. Sie sind relativ wenig gestresst, weil sie vor allem für die Honigproduktion und weniger für die Befruchtung von Feldern eingesetzt und deshalb von Ort zu Ort transportiert werden. Wie für die Schweizer Imker ist die Bienenzucht für die Neufundländer mehr ein Hobby, das man aus Liebe zu den Bienen pflegt. An beiden Orten haben die Imker im Durchschnitt nur einige wenige Kolonien, ganz anders als etwa in den USA. In Neufundland, wo es lediglich fünf Bienenzüchter und etwa 150 Kolonien gibt, ist die Honigherstellung noch ein kleiner Industriezweig. Aber das könnte sich ändern, wenn Neufundland weltweit einer der wenigen Orte würde, der biologischen Honig ohne Chemikalien anbieten kann.