Der Clou des Manitou


Die kanadischen Mohawk-Indianer kontrollieren von einem Reservat aus mehr als die Hälfte des weltweiten Online-Glücksspielverkehrs

Von Bernadette Calonego

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung  am 13. September 2010)

In der ehemaligen Bettenfabrik in Kahnawake, einem Reservat der kanadischen Mohawk-Indianer, liegen keine Matratzen mehr aus. Stattdessen füllen Gestelle mit Hunderten von Servern den Raum, Reihe um Reihe. Kahnawake ist Heimstatt für 7500 Mohawk in der Provinz Quebec, dreißig Kilometer von der Großstadt Montreal entfernt. Das Reservat ist auch Zentrum des Internet-Glückspiels in Nordamerika. Durch die Server im streng bewachten Datenzentrum von Kahnawake fließen etwa 60 Prozent des weltweiten Online-Glückspielverkehrs.

„Wir besitzen das größte Internet-Portal der Welt“, sagt Michael Delisle stolz. In Kahnawake trägt er den Titel Grand Chief, Oberhäuptling. Eigentlich ist das, was die Mohawk und ihre Firma Mohawk Internet Technologies (MIT) in Kahnawake tun, nicht erlaubt: Glücksspiel-Webseiten dürfen nur von kanadischen Provinzregierungen betrieben werden. Trotzdem hat es noch keine Behörde gewagt, den Mohawk ihr Geschäft wegzunehmen.

Bei ihrem Start hat den Mohawk Glück geholfen: Als sie sich mit Plänen trugen, das Internet für Geschäfte zu nutzen, wurde gerade eine Röhre mit Glasfaserkabeln nahe ihrem 5300-Hektar-Territorium verlegt. Sie hängten sich noch rechtzeitig daran. Seither profitieren die Mohawk von der superschnellen Daten-Verbindung zwischen Toronto, Montreal und New York. Indianer in anderen nordamerikanischen Reservaten bauten Kasinos und leben heute von deren Gewinnen. Nicht so die Mohawk in Kahnawake: Die Bevölkerung hatte in zwei Referenden Kasinos knapp abgelehnt. Viele fürchteten den schlechten Einfluss auf die jungen Menschen im Reservat.

Deshalb betont MIT-Direktor Chuck Barnett, dass Kahnawake die Internet-Glücksspiele nicht selbst anbietet, sondern nur die Webseiten von Kunden beherbergt. „Wir verdienen nichts am Glücksspiel, wir sind ein Datenzentrum“, sagt er. „Wir stellen die Stromversorgung, die Glasfaserleiter, die Verbindungen sicher.“ Und die Mohawk geben die Lizenzen an die Kunden heraus, derzeit sollen es 55 Anbieter von Glücksspiel-Webseiten sein. Der Stammesrat in Kahnawake hat dazu eigens einen Ausschuss gebildet, die Kahnawake Glücksspielkommission. Diese hat mit Hilfe von Anwälten Richtlinien formuliert, nach denen die Kunden überprüft werden. Sie dürfen unter anderem keine kriminelle Vergangenheit haben.

„Es gab Leute, die kamen mit Koffern voller Geld“, erzählt Delisle. „Sie sagten, gebt uns die Lizenzen und wir kümmern uns um den Rest.“ Die Kommission habe diese Leute abgelehnt. Jene, die akzeptiert werden, zahlen eine Gebühr von 18 000 Euro für die Lizenz inklusive Überprüfung der Identität aller Eigentümer sowie möglicher Strafregister-Einträge. Dann kommt jährlich eine Gebühr von mindestens 7500 dazu, je nach Bandbreite.

Es ist ein lukratives Geschäft: Vor drei Jahren verriet Delisle noch, dass man einen Gewinn von 22 Millionen Euro erwarte. Heute lässt er sich keine Profitzahlen mehr entlocken. Das Geld aus dem Online-Goldrausch fließt offiziell in Schulen, Sportanlagen und andere Infrastruktur auf ihrem Territorium. Die Mohawk können die Einnahmen behalten. Denn sie müssen wie alle in Reservaten lebenden Indianer in Kanada keine Steuern an die Behörden bezahlen. Das ist natürlich den Konkurrenten in der Glücksspielindustrie ein Dorn im Auge. Die Regierung in Ottawa sieht sich unter Druck, etwas gegen die Online-Aktivitäten der Mohawk in Kahnawake zu tun. Deshalb hat das kanadische Justizministerium vor zwei Jahren ein Komittee beauftragt, Vorschläge zu machen. Bislang hat die Öffentlichkeit aber noch keinen Vorschlag vernommen. Die Sprecherin des Ministeriums erklärt auf Anfrage, die Untersuchung und Strafverfolgung von Internet-Glücksspielen sei eine komplexe Sache, die die Zusammenarbeit von Ministerien, Provinzen und Interessensgruppen erforderten. Die Amerikaner haben schneller gehandelt: Seit 2006 gibt es in den USA ein Gesetz, das finanzielle Transaktionen von Banken und Kreditkartenfirmen mit illegalen Betreibern von Glücksspielwebseiten verbietet.

Gesetz hin oder her: Die Mohawk fühlen sich im Recht. Ihr Stammesrat vertritt die Auffassung, Kahnawake unterstehen dem kanadischen Gesetz nicht, die Mohawk seien eine souveräne Nation. Die Webseiten seien auch nicht in Kanada oder den USA angesiedelt, sondern in Kahnawake. „Wir betrachten uns nicht als Kanadier“, sagt Delisle. Die Mohawk stellen sich eigene Pässe aus und haben ihre eigene Polizei im Reservat. Die Mohawk hatten schon in alten Zeiten den Ruf wilder Krieger, ihr Name bedeutet „Menschenfresser“. Sie sind eine der Irokesen-Nationen und besiedelten einst den heutigen Staat New York. Die Männer waren Jäger und Händler, die Frauen betrieben Landwirtschaft.Um das Jahr 1600 bildeten sie einen politischen Bund mit anderen Irokesen-Völkern. Im 18. Jahrhundert zogen sich die meisten Mohawk auf das Gebiet des heutigen Kanada zurück, sie leben seither vor allem in Quebec und Ontario.Viele Mohawk arbeiteten beim Bau der Wolkenkratzer in New York mit. Heute streiten sie sich mit der kanadischen Regierung um die Rückgabe ihres alten Territoriums und um Kompensation für verlorenes Land. Die Zurückhaltung der kanadischen Behörden hat in den Augen vieler Beobachter mit dem Fiasko von 1990 zu tun: Bei einer 78 Tage dauernden Konfrontation mit kämpferischen Mohawk bei Oka kam damals ein Polizeibeamter ums Leben. Niemand will offenbar diese Wunde aufbrechen oder einen potentiellen Konflikt eskalieren lassen.

In Kanada wollen nun einige Provinzen selber von dem Geschäft profitieren. So hat die Regierung von British Columbia Mitte Juli „die erste legale Glücksspielwebseite in Nordamerika“ lanciert. Die Provinz Ontario plant ebenfalls ein solches Vorhaben. In Quebec werden die Behörden im Herbst eine Online-Poker-Webseite eröffnen. Die Glücksspielseite der Regierung von British Columbia musste allerdings nach wenigen Tagen wieder gestoppt werden, weil die privaten Daten und das Geld mancher Spieler nicht genügend geschützt waren. Darüber kann Chuck Barnett, einer der MIT-Direktoren, nur den Kopf schütteln. „Alle denken, es sei leicht, aber es ist harte Arbeit“, sagt er. Nie habe es in Kahnawake wegen Stromausfalls oder Hackern eine Panne gegeben: „Und wir haben jeden Tag Hackerangriffe.“

Der prominenteste Bürger von Kahnawake, der zweifache Olympiamedaillen-Gewinner und Kajaker Alwyn Morris, mischt ebenfalls im Online-Glücksspiel mit. Der 53-Jährige sagte einmal dem kanadischen Magazin Maclean’s : „Es gibt die Vorstellung, dass wir uns nur mit Trommeln und Federn und Perlenstickerei beschäftigen sollten. Mit den Trommeln und Federn ist es schon seit Jahren vorbei.“ Für Alwyn Morris ist das Geschäft mit Internet-Glücksspielen der Weg der Mohawk in eine bessere Zukunft.