Die letzten Küstenfischer

Vor 17 Jahren verhängte Kanada ein Fangverbot vor Neufundland, um den Kabeljau vor der Ausrottung zu schützen. Nun soll es gelockert werden, die internationalen Schiffsflotten rüsten bereits auf. Ökologen warnen vergeblich vor einer Katastrophe

Text und Fotos: Bernadette Calonego

Noddy Bay – Die Cape Freels Cruiser ächzt und bockt. Ihr Bug steckt auf der Holzrampe fest. Fischer Hubert Hedderson läuft um sein Boot herum, richtet die daran befestigten Taue neu, schüttelt den Kopf. Der Schneepflug, der das Boot aus dem Wasser an Land ziehen soll, legt erneut den Rückwärtsgang ein. „Zieh sie auf die Seite”, ruft Hedderson dem Fahrer zu. Der Motor brüllt auf, die angespannten Taue zittern. Nichts. Der Schiffsbug bohrt sich nur tiefer ins morsche Holz der Rampe, das längst hätte ersetzt werden sollen, aber dafür fehlt das Geld. Es ist, als wollte der alte Fischerkahn die Küstengewässer an der Nordspitze der kanadischen Provinz Neufundland nicht verlassen. Hedderson schickt den Schneepflug nach Hause, er will es wieder versuchen, wenn das Wasser in der Bucht steigt und sein Schiff anhebt.

 

 

 

 

 

 

 

Mit gesenktem Kopf stapft er auf sein kleines, vom Wetter gezeichnetes Holzhaus zu. Es ist weiß mit grün gestrichenen Fensterrahmen, eines von 18 im Weiler von Noddy Bay. Bald werden die arktischen Winde aus dem Norden Eis und Schnee in die Bucht fegen und die Fischerdörfer in Kälte erstarren lassen. Es war kein gutes Jahr für die Fischer in Noddy Bay. Und das vorangegangene war nicht besser. Für den 47 Jahre alten Hubert Hedderson wird das Geld wieder einmal nur knapp zum Überleben reichen. Es ist ein aussichtsloser Kampf: Der Kabeljau, vor den Küsten Neufundlands einst im Überfluss vorhanden und Lebensgrundlage für viele Generationen der Familie Hedderson, ist durch Überfischen fast ausgerottet worden. Eine Katastrophe, die Umweltschützer und Politiker weltweit alarmierte – und zumindest Kanada zu einem weitreichenden Fangverbot veranlasste. 40 000 Menschen verloren in der Folge ihre Arbeit auf Neufundland, eine Insel, die eineinhalbmal so groß wie Bayern ist. Doch wirklich gebessert hat sich die Lage nicht.

Müde sitzt Hubert Hedderson im Erdgeschoss seines Hauses vor dem Radio und hört die Fischer-Nachrichten. An der Wand hängen Poster von Fischen: Makrelen, Schwarzer Heilbutt, Hering, Seehasen, die Hubert manchmal fischt. Aber es ist der Kabeljau, an dem die Herzen der Neufundländer hängen, in einer fast irrationalen Weise. Doch nun meldet der Nachrichtensprecher, dass die internationale Fischerei-Organisation NAFO den Kabeljau-Fang im Flemish Cap vor Neufundland, also außerhalb der kanadischen 200-Meilen-Schutzzone, für das Jahr 2010 wieder freigeben wird. Eigentlich ist die NAFO zum Schutz der Fischbestände im Nordwestatlantik gegründet worden, ihr gehören unter anderem die Europäische Union, die USA, Japan und Kanada an. Gegen den Rat ihrer eigenen Wissenschaftler, sagt der Sprecher nun, erlaube die NAFO im Flemish Cap jetzt eine Fangquote von 5500 und nicht nur 4100 Tonnen Kabeljau. Das ist mehr als ein Drittel aller im Nordatlantik gefischten Kabeljau-Mengen im Jahr 2009.

 

 

 

 

 

 

 

Hubert Hedderson kann es nicht fassen. „Warum können die Ausländer dort Kabeljau fischen und wir Kanadier nicht?”, sagt er. „Was bleibt dann noch für uns?” Offiziell dürfen die kleinen Fischer in Neufundland immer noch eine beschränkte Menge Kabeljau fangen. In diesem Jahr waren es an der Westküste 3000 Tonnen für rund 1000 Boote, das sind drei Tonnen per Boot. Früher, in guten Jahren, holte aber ein Boot mit riesigen Netz-Fallen leicht an die 100 Tonnen Kabeljau herein. Heute ist diese Fangart in Neufundland verboten. Neben Elchgeweihen und bunten Bojen liegen die Netzkäfige im Schuppen von Huberts Bruder Wilfred gestapelt.

Im Rundfunk machen Fischer ihrer Frustration mit Anrufen bei der Redaktion Luft. „Unsere Fischerei hat fünfhundert Jahre überdauert”, schimpft einer, „wir sollten dafür kämpfen, damit sie fünfhundert Jahre weiterlebt.” Aber in Wahrheit fühlt er sich wie Hubert Hedderson: ohnmächtig.

Über Jahrhunderte war der Kabeljau ein wesentliches Nahrungsmittel für Menschen in aller Welt – nicht nur in Kanada. Und vor den Küsten Neufundlands gab es ihn im Überfluss. Doch im 20. Jahrhundert vernichteten ausländische und kanadische Fangflotten in nur wenigen Jahrzehnten riesige Kabeljaubestände. Alle Warnungen der Biologen und der kleinen Fischer verhallten zunächst ergebnislos. Erst im Juli 1992, als die Katastrophe nicht mehr zu übersehen war, verhängte die kanadische Regierung ein Fang-Moratorium, zunächst für einige Jahre, dann für unbestimmte Zeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kabeljau habe sich seither nicht wirklich erholt, sagt der Biologe George Rose, Fischerei-Experte und Professor an der Memorial-Universität in St. Johns. Dass die NAFO den Fischfang im Flemish Cap wieder erlaubt, empört ihn. „Es ist zu früh”, sagt er, „die Bestände sind immer noch zu klein.” Rose sagt, dass die kanadische Regierung und andere Länder wenig aus dem Kabeljau-Desaster gelernt hätten: „Die Leute sind gleichgültig und vergessen schnell.” Nur die kleinen Fischer nicht. „Der Kabeljau, den wir damals fingen, wurde immer kleiner”, erinnert sich Hubert Hedderson, „wir fingen sie, bevor sie auswachsen konnten.” Die Küstenfischer hätten die Regierung immer wieder gewarnt, doch diese habe stattdessen die Fangquote für die großen Boote erhöht, sagt er.

Im Erdgeschoss von Heddersons Haus herrscht inzwischen Hochbetrieb. Im Winter, wenn die Boote an Land liegen, versammeln sich die Brüder Hedderson hier fast täglich. Fünf der sieben Brüder fischen immer noch in Noddy Bay. Nichts könnte sie dazu bringen, ins nächstgelegene Hafendorf St. Anthony zu ziehen, vierzig Autominuten entfernt, mit Einkaufszentrum und Krankenhaus. Hubert Hedderson hat ein großes Fischnetz aufgespannt. Mit seinen kräftigen Fingern verknüpft er die zerrissenen Nylonfäden, einen um den anderen. Hunderte von Stunden verbringt er im trüben Winterlicht damit, fünfzig Netze sind zu flicken. Seine Brüder Baxter, Clyde, Wilfred und Carl helfen mit.

 

 

 

 

 

 

 

Sie halten eisern zusammen, die Heddersons. Seit fünf Generationen fischen sie in Noddy Bay. Wenn einer Hilfe braucht, dann kann er auf die Familie zählen. Es ist das einzig Verlässliche in ihrer Welt, die auseinanderbricht. Diese Männer des Meeres fühlen sich von allen im Stich gelassen, von der Bundesregierung in Ottawa, die in ihren Augen die einheimischen Fischer nicht vor ausländischen Flotten schützt. Von der Regierung in Neufundland, die ihnen verbietet, Fisch direkt an die Konsumenten oder in die Nachbarprovinz zu verkaufen. Von den Fischfabriken, die ihnen die Preise diktieren. „Nur 45 Cent geben sie uns für ein Pfund Kabeljau”, schimpft der 54-jährige Wilfred. „Vor 20 Jahren waren es noch 55 Cent.” Derweil haben sich die Lebenshaltungskosten verdreifacht. In diesem Jahr fingen die Fischer im Nordwest-Atlantik nur einige tausend Tonnen Kabeljau. Das ist nichts im Vergleich zu den mehr als 200 000 Tonnen, die noch in den 80er Jahren gefangen wurden. „Die Leute sagen uns, sucht euch einen anderen Job”, sagt Hubert, „aber wenn die Fischer aufhören, wenn die Farmer aufhören, woher kommt dann Essen auf dem Tisch?” Einer der Brüder hat seine Lizenz verkauft, als die Regierung dafür Geld bot, um die Zahl der Fischer zu reduzieren. Viele Männer haben das gemacht. Sie investierten das Geld in einen kleinen Laden oder einen Wohnmobil-Park für Touristen. Oft ging das schief – sie sind Fischer und keine Geschäftsleute. Andere fanden Arbeit in den Ölsanden der Westprovinz Alberta. Sie haben jetzt mehr Geld auf der Bank, aber Heimweh nach Neufundland.

Hubert Hedderson harrt aus. „Ich bin glücklich da draußen auf dem Meer”, sagt er. Wenn nur die Zeiten zurückkämen, als es so viel Kabeljau gab wie Kiesel am Strand von Noddy Bay. Noch 1996 erklärten zwei US-Professoren der Universität Stanford, dass sich die Kabeljau-Bestände vor Neufundland „in neun Jahren wieder zu einem ökologisch stabilen Niveau” aufbauen würden. Die Realität sieht 17 Jahre nach dem Moratorium anders aus: Noch immer weiß man nicht, ob sich die Bestände im Nordatlantik je wieder erholen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus seinem Schuppen holt Hubert Hedderson Kabeljau, den er eingesalzen und auf Holzgestellen in der frischen Meeresluft getrocknet hat. Jetzt legt er ihn in Wasser ein. Er hat Besuch bekommen: Aaron Beswick, Redakteur der Lokalzeitung Northern Pen, erkundigt sich bei Hubert nach der aktuellen Lage der Fischerei. Er will einen Leitartikel darüber schreiben. „Die Fischer stehen unter Stress”, sagt der junge, umtriebige Journalist, der vor vier Jahren aus der Nachbarprovinz Nova Scotia hierher kam. „Sie fangen Fisch und wissen nie, ob ihn auch jemand kauft.” Neufundlands Küste ist fast zehntausend Kilometer lang, rund 700 Dörfer beziehen ihr Einkommen vom Ozean. Von den gut 12 300 Fischern leben fast 4500 vom Kabeljau. Oder versuchen es mehr schlecht als recht. Viele Siedlungen leeren sich allmählich.

Hubert zählt die jungen Männer auf, die aus Noddy Bay weggezogen sind, zwölf insgesamt. Nur Hayward, Huberts 17-jähriger Neffe, ist noch da. Im vergangenen Sommer arbeitete er zehn Wochen lang auf einem Fischerboot, aber er wurde jeden Tag seekrank. „Da ist keine Zukunft drin”, sagt Hubert. Er habe dem Teenager geraten: „Geh besser zur Schule und lerne was anderes.” Die Brüder Hedderson sind jetzt zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig. Bald wird es keine Fischer mehr in Noddy Bay geben. Eine ganze Welt, ein fast archaischer Lebensstil ist zum Aussterben verdammt.

So wie der Kabeljau. Mit seinem Niedergang ist die gesamte Nahrungskette aus den Fugen geraten. Garnelen und Krebse, das Futter des Kabeljaus, haben sich rasant vermehrt. Einige Fischer in Neufundland haben mit Garnelen in den vergangenen Jahren viel Geld gemacht. Aber jetzt sind auch diese Bestände an manchen Orten gefährdet. Und die Preise sind wegen der Wirtschaftskrise deutlich gesunken. Hubert hätte gar nicht auf Garnelen ausweichen können. Die teure Fanglizenz kann er sich nicht leisten.

So klammern sich die Fischer an ein Gerücht, das von Küste zu Küste wandert: „Der Kabeljau ist zurück.” Manche Fischer meinen, größere Ansammlungen in den Buchten gefunden zu haben. Ein Irrtum, sagt der Wissenschaftler John Brattey, der für das kanadische Fischereiministerium arbeitet. Der Kabeljau-Bestand im Nordatlantik erreiche heute nur etwa acht Prozent des Niveaus der 80er Jahre. Das sei zwar eine Verbesserung von zwei Prozent im Vergleich zu 2003. Aber von einer Erholung will der Forscher nicht sprechen: „Die meisten lokalen Kabeljau-Bestände sind immer noch in sehr schlechter Verfassung.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Umweltorganisation Greenpeace hat eine Kampagne lanciert und fordert den totalen Stopp der Kabeljau-Fischerei vor den Küsten Neufundlands. Greenpeace-Sprecherin Sarah King warnt: „Wir überfischen die Gattung immer noch und erlauben ihr nicht, sich wieder genügend aufzubauen.” Ähnlich argumentiert der kanadische Meeresbiologe Robert Rangeley vom World Wildlife Fund. Er wirft der Fischerei-Organisation NAFO vor, sie habe den Kabeljau in den vergangenen Jahren nicht effektiv schützen können. Zwar dürfe der Kabeljau in den internationalen Gewässern vor Neufundland nur gefangen werden, wenn er zufällig mit anderen Fischen in den Netzen lande. Doch die NAFO könne nicht wirksam kontrollieren, welche Mengen auf diese Weise gefangen werden, sagt Rangeley. Entsprechend kritisiert er auch die NAFO-Entscheidung, jetzt ein Gebiet wie das Flemish Cap für den Fang von Kabeljau freizugeben. „Man ist unter Druck, mehr Fisch zu fangen, und riskiert damit den erneuten Kollaps”, sagt er.

In seiner kleinen Küche trinkt Hubert Hedderson Tee und liest die ersten zwei Sätze des Leitartikels im Northern Pen: „Sie hören einfach nicht auf mit dem Fischen. Gott sei’s gedankt.” Endlich ein bisschen Anerkennung für die kleinen Fischer. Hedderson legt die Zeitung auf den Tisch und blickt auf den Ozean hinaus. „Vielleicht wäre ein größeres Boot keine schlechte Idee”, sagt er.