Highway der Tränen

In Kanada sind seit 1980 mindestens 580 eingeborene Frauen ermordet oder als verschwunden gemeldet worden.

Veröffentlicht im Tages-Anzeiger, Zürich, am 23. Oktober 2010

 

Man nennt den Highway 16 im Norden der kanadischen Provinz British Columbia «die Autostrasse der Tränen». In vierzig Jahren sind entlang dieser Verbindung zwischen den Städten Prince George und Prince Rupert achtzehn Frauen verschwunden oder umgebracht worden. Die meisten von ihnen sind Indianerinnen. Die Leiche des jüngsten Opfers, Cynthia Frances Maas, wurde im September aufgefunden.

Keine Spur dagegen gibt es von der 16-jährigen Shannon Alexander und ihrer gleichaltrigen Freundin Maisy Odjick aus der indianischen Gemeinde Kitigan Zibi Anishinabeg. Shannon hatte ihren Vater vor zwei Jahren zur Bushaltestelle begleitet. Dann lief sie zehn Minuten zu Maisys Haus im Reservat der Algonquin-Indianer in der Provinz Quebec zurück, wo ihre Freundin auf sie wartete. Seither hat man nie mehr von den beiden Teenagern gehört.

Mutter von Polizei überfahren

Shannon und Maisy sind zwei von einer wachsenden Zahl indianischer Frauen, die jedes Jahr verschwinden oder ermordet werden. Etwa die Hälfte dieser Fälle ist ungelöst. Dass die Regierung in Ottawa bislang praktisch nichts dagegen tut, wirft ein schlechtes Licht auf Kanada und seine Minderheitenpolitik. «Eine andere Frau ist in der Nachbargemeinde verschwunden», sagt Bridget Tolley, die aus demselben Ort stammt wie die beiden vermissten Mädchen. «Das Harte ist: Wir haben keine Ahnung, was die Polizei unternimmt. Es gibt überhaupt keine Kommunikation.» Die 50-jährige Indianerin ist nicht gut auf die Polizei zu sprechen. Vor fünf Jahren wurde ihre Mutter von einem Streifenwagen überfahren und war tot. Niemand wurde dafür zur Rechenschaft gezogen.

Laut der Organisation Native Women’s Association of Canada (Vereinigung Eingeborener Frauen in Kanada NWAC) gibt es mindestens 582 Fälle von eingeborenen Frauen, die seit 1980 ermordet wurden oder verschwunden sind. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Mehr als die Hälfte dieser Fälle wurde in den vergangenen zehn Jahren gemeldet. «Angesichts der relativ kleinen Bevölkerung der Ureinwohner und der relativ niedrigen Rate von Gewalttaten in Kanada sind diese Zahlen erschreckend», so Amnesty International Canada. In der Provinz Saskatchewan sind 60 Prozent der Frauen, die als vermisst gelten, Eingeborene, obwohl sie nur 6 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmachen.

Saskatchewan ist die einzige Provinz in Kanada, die solche Zahlen ermittelt. Untersuchungen haben indes ergeben, dass Gewalt an Indianerinnen nicht nur häufiger, sondern auch oft besonders brutal ist. «Es gibt diese Abwertung von eingeborenen Frauen», sagt Craig Benjamin von Amnesty. «Die Täter suchen sich indianische Frauen aus, denn sie denken, dass die Gewalt an ihnen sozial akzeptiert ist.» Typisch sei, dass die Täter selten allein handelten und hinterher von anderen gedeckt würden.

In Kanada hat eine Ureinwohnerin ein fünfmal höheres Risiko, an den Folgen einer Gewalttat zu sterben, als andere Frauen. Die Familie der 47-jährigen Sandra Gagnon, die dem Stamm der Nimpkish-Indianer auf Vancouver Island angehört, zeugt davon: Zwei von Gagnons Schwestern wurden umgebracht. «Lavigna wurde in den frühen Sechzigerjahren vergewaltigt und totgeschlagen», erzählt Sandra Gagnon. «Meine Mutter drehte vor Verzweiflung fast durch.»

Später verschwand die vier Jahre jüngere Schwester Janet spurlos: Sie wird seit 13 Jahren vermisst. Sandra Gagnon ist überzeugt, dass Janet dem Serienmörder Robert Pickton zum Opfer fiel, der Prostituierte in Vancouver auflas, sie auf seiner Farm in Port Coquitlam umbrachte und die Leichenteile an seine Schweine verfütterte. «Meine Schwester nahm dort an Partys teil», sagt Gagnon. «Aber man hat nichts von ihr gefunden.» Ein kürzlich veröffentlichter Bericht zeigt, dass man Pickton viel früher hätte fassen können, wenn die Polizei Hinweise schneller ernst genommen hätte.

Drogensüchtige Indianerinnen

Schätzungsweise 40 Prozent der Prostituierten in Vancouver sind drogensüchtige Indianerinnen. Viele von ihnen fielen Pickton zum Opfer. Unter den Ureinwohnern sind besonders Frauen der Armut ausgeliefert. In den 2500 Reservaten gibt es oft zu wenig Wohnraum. Die Frauen können nirgendwo der Gewalt entfliehen. Die wenigsten Reservate haben ein Frauenhaus. Nach einer Scheidung verlieren indianische Frauen oft ihr Heim und ihre Habseligkeiten, weil sie vom kanadischen Gesetz nicht geschützt werden.

Zwar hat der kanadische Premierminister Stephen Harper in seiner jüngsten Thronrede finanzielle Hilfe für die Bekämpfung des Problems versprochen. Bislang ist das aber nur auf dem Papier geschehen. Die Mörder entlang des «Highway of Tears» sind noch immer nicht gefunden.