Kanadas goldener Ackerboden

Globaler Ansturm auf Ackerböden
Agrarland ist begehrte Geldanlage – China und Indien sind aktivste Nachfrager – Regierungen schützen sich vor dem Ausverkauf
von Bernadette Calonego, Vancouver(veröffentlicht in Finanz und Wirtschaft, Zürich, am 12. Januar 2011)

Der Kanadier Wally Johnston sucht unermüdlich Ackerboden, der zum Verkauf steht. Johnston, ein ehemaliger Farmer, ist Vizepräsident der Investmentgesellschaft Bonnefield Financial aus Toronto, die Agrarland für Investoren kauft und dann an Farmer verpachtet. Johnston fährt durch die Provinz Saskatchewan, in der sich die Hälfte von Kanadas Ackerflächen befindet. Um dieses Agrarland reissen sich Investoren, die ihr Geld in eine beständigere Anlage als die Finanzmärkte investieren wollen. 

Nicht nur in Kanada, dem siebtgrössten Weizenproduzenten der Welt, sondern auch weltweit ist Farmland gefragt. Fondsgesellschaften haben nach Schätzungen von Experten bis zu 20 Mrd. $ in Agrarland rund um die Welt investiert. Im vergangenen Jahr allein haben sie laut kanadischen Zeitungsberichten für Investoren fast 45 Mio. Hektar Farmland gekauft, zehnmal mehr als in vorangegangenen Jahren.

Auch die Polizei investiert

In Nordamerika haben ganz unterschiedliche Institutionen solche Investmentfonds gegründet, etwa der kanadische Versicherungskonzern Manulife Financial, die amerikanische Mormonenkirche oder das Polizeidepartement der US-Stadt Dallas. Aktiv sind aber vor allem auch Regierungen: Nach Schätzungen kontrollieren Regierungsfonds aus China, Südkorea, den Arabischen Emiraten, Japan und Saudi-Arabien mehr als 7 Mio. Hektar Agrarland, vornehmlich in Afrika.

Farmland ist eine beschränkte Ressource: Die Uno schätzt, dass die landwirtschaftliche Produktivität bis zum Jahr 2050 um 70% gesteigert werden muss, um die Menschen auf dem Globus zu ernähren. Die grösste Nachfrage kommt aus China und Indien, wo eine aufstrebende Mittelschicht zu einer besseren Ernährung wechselt. Mehr Menschen können sich Fleisch leisten, sodass mehr Futter für Rinder und andere Nutztiere gebraucht wird. Nicht zuletzt hat der Aufstieg der Biotreibstoffindustrie die Nachfrage nach Mais und Zuckerrüben angeheizt.

Nicht überall stösst das Aufkaufen von Farmland durch Ausländer auf Gegenliebe. Als der südkoreanische Konzern Daewoo Logistics versuchte, fast die Hälfte des Agrarlandes von Madagaskar für 99 Jahre zu pachten, gab es Anfang 2009 einen Aufstand in der Bevölkerung, und die Regierung wurde gestürzt. Der neu gewählte Präsident sagte den Handel ab.

In der kanadischen Provinz Quebec gab es im vergangenen März Gerüchte, wonach Investoren aus China 40 000 Hektar Farmland kaufen wollten. Aber in Kanada sind solche Landkäufe nicht so einfach. In Saskatchewan beispielsweise können Ausländer derzeit nicht mehr als 4 Hektar Farmland kaufen. «Das frustriert uns sehr», sagt Tom Eisenhauer, Präsident von Bonnefield. Denn für jeden Anruf eines kanadischen Interessenten erhalte er zwei Anrufe von Investoren aus dem Ausland, auch aus Europa.

Noch vor einigen Jahren war der Kauf von Agrarland nur für Bewohner von Saskatchewan möglich, seit sieben Jahren ist er auch Kanadiern erlaubt. Deshalb sind dort die Preise für Ackerboden seit 2002 um 44% auf durchschnittlich 1200 Fr. pro Hektar gestiegen. In besonders begehrten Gegenden von Saskatchewan kostet ein Hektar aber bis zu 3400 Fr.

Während sich Saskatchewan und Quebec vor dem Ausverkauf schützen, sind andere Provinzen grosszügiger, zum Beispiel Ontario und Manitoba. Die kanadische Regierung hat jedoch kürzlich demonstriert, dass sie wichtige Rohstoffe unter kanadischer Kontrolle behalten will. So hat sie die Übernahme des kanadischen Kalidüngerherstellers Potash Corp. of Saskatchewan durch den australischen Minenkonzern BHP Billiton mit der Begründung verhindert, Kalidünger sei eine strategisch bedeutsame Ressource.

Es gebe zwei Kategorien von Investoren, heisst es in einer Studie der Investmentgesellschaft Desjardins in Toronto: «Regierungen und grosse multinationale Konzerne mit einer riesigen Kaufkraft sowie kleine private Anleger mit bescheideneren Mitteln». Überraschend seien die Grösse der Transaktionen und der Umstand, dass zunehmend Regierungen untereinander Verträge abschlössen. So habe Saudi-Arabien im Frühjahr 2009 die Regierung von Tansania um den Kauf von 0,5 Mio. Hektar Land für den Anbau von Reis und Getreide angefragt. Die Golfnationen dehnen ihre Landkäufe auch auf Osteuropa und Australien aus.

Möglichkeiten für Anleger

Für europäische Anleger könnten folgende Investmentfonds interessant sein: UBS Agrivest in Hartford (US-Staat Connecticut) hat etwa 524 Mio. $ in amerikanisches Farmland investiert und sieht sich nun in Südamerika um. Das Unternehmen Black Earth Farming in Schweden besitzt 328 000 Hektar Boden in Russland.