Liebe im Zedern-Kanu

Das kanadische Unternehmen Langford Canoe lässt den Mythos der Pionierzeit wieder auferstehen und stellt Boote in Handarbeit her

Von Bernadette Calonego (veröffentlicht in der Süddeutschten Zeitung am 24. Juli 2010)

Vancouver – Steve MacAllister, Präsident von Kanadas ältestem Kanuhersteller Langford Canoe, hegt einen Traum. Es gäbe für ihn nichts Schöneres, als wenn Angela Merkel eines Tages in einem Langford-Kanu auf dem Lake of Bays in der Provinz Ontario paddeln würde. Frau Merkel hat wie alle Regierungschefs der großen Industriestaaten beim jüngsten G-8-Treffen ein Langford-Paddel erhalten. Es war ein Geschenk der kanadischen Regierung. Steve MacAllister wüsste nur allzu gern, wo das massive Paddel aus Kirschholz gelandet ist. „Vielleicht hängt es jetzt im Büro der Bundeskanzlerin“, sagt der 39-jährige Kanadier verschmitzt.

Er stellt sich Frau Merkel im passenden Kanu vor, nämlich im klassischen Modell Legacy 16 aus dem Holz der roten Zeder von Kanadas Westküste, fast fünf Meter lang, die Mahagoni-Sitze aus Hirschhaut geflochten, die Rippen aus weißer Zeder, die im kanadischen Osten wächst. Der Kanu-Bau ist Kanadas älteste Industrie. Um so ein handgefertigtes Kanu herzustellen, arbeiten Langfords Bootmacher eine ganze Woche lang, wie in alten Zeiten.

Die Firma Langford Canoe findet man am Rand der Wildnis in einem Dorf namens Dwight. Der bekannte Algonquin-Nationalpark ist in der Nähe. In dieser Gegend, die Muskoka County genannt wird, haben Stars wie Shania Twain und bekannte Eishockeyspieler ein Ferien-Chalet, oder Geschäftsleute aus dem zweieinhalb Stunden entfernten Toronto. Langford gehört zusammen mit Chestnut und Peterborough zu den drei legendären Marken, aber nur Langford hat bis heute überlebt. Das verdankt die Firma vor allem Steves Vater Keith MacAllister.

Der 66-jährige Unternehmer kaufte Anfang der achtziger Jahre Land am Lake of Bays, um es zu bebauen. Mit dem Grundstück erwarb er auch die Firma Langford, die der Kanadier Ken Langford 1940 gegründet hatte. Der erste Besitzer baute nur Kanus aus Holz. Aber 1970 kamen die billigeren und leichteren Fiberglas-Kanus auf. „Man kann an einem Tag lernen, wie man Kanus aus Fiberglas baut“, sagt Steve MacAllister. „Für Holzkanus braucht es dagegen erfahrene Handwerker.” Die Fiberglas-Modelle verdrängten die Holzkanus weitgehend, was das Ende mancher traditioneller Kanu-Hersteller einleitete. Keith MacAllister erkannte aber, dass die Marke Langford für viele Kanuten einen goldenen Klang hat. Der erfolgreiche Unternehmer, dessen Firma Gracious Living Gartenmöbel aus Kunststoff herstellt, sah einen Markt für Kanus aus Zedernholz. „Mein Vater hat bei Langford die Produktionsmethoden verbessert und neue Materialien eingeführt“, erzählt sein Sohn.

Früher wurden die Kanus in eigenen Fabriken gebaut, heute lässt sie Langford in traditionellen Familienbetrieben in der Provinz Quebec fertigen. Die Holzrippen der Kanus werden im Dampf erhitzt, dann über eine Kanu-Form gebogen und mit Klammern festgehalten. Darüber werden die Planken gelegt und mit Nägeln aus Messing befestigt.

„In jedem Kanu stecken über 1000 solcher Zwecken“, sagt MacAllister. Die Außenseite wird zuerst mit Fiberglas und dann mit Epoxidharz versiegelt. Diese Schichten kann man später nicht mehr sehen, denn sie werden gründlich abgeschliffen. Schließlich wird das Kanu lackiert und die Sitze werden eingebaut.

Für so ein Kanu bezahlt man 2300 bis 3900 Euro, während ein Fiberglas-Kanu 600 bis 800 Euro kostet. Es gebe aber immer einen Markt für Spitzenqualität, sagt Steve: „Diese Holzkanus sind wie Kunstwerke.“ Sie seien auch viel angenehmer zum Paddeln, denn sie glitten sanfter und ruhiger durchs Wasser. Fiberglas müsse man zum Schwimmen bringen, aber Holz schwimme natürlich, sagt MacAllister: „Es fühlt sich an, als ob man in einem Korken paddelt.“ Die Zeit kann solchen Holzkanus nicht viel anhaben. „Wir haben derzeit 60 Jahre alte Modelle zur Reparatur hier“, sagt MacAllister. Die Verbundenheit der Kanadier mit dem Kanu geht bis in die Anfänge ihrer Geschichte zurück. Zuerst bauten Indianer Kanus aus Birkenrinde. Später bewältigten die ersten Pelzhändler und Siedler die immensen Weiten des Landes, indem sie die Flüsse hinauf- und hinunterpaddelten. Das Kanu ist so eng mit dem kanadischen Mythos verbunden, dass sich etwa der frühere Premierminister Pierre Trudeau im Jahr 1974 in einem Kanu verewigen ließ. „Leider nicht in einem Langford-Kanu“, scherzt MacAllister. Nach seinen Angaben ist die Firma seit 20 Jahren profitabel, aber reich werde man nicht dabei: „Wir tun es aus Freude und wegen des damit verbundenen Lebensstils.“ Im laufenden Jahr rechnet MacAllister damit, dass er etwa 400 Kanus aus Zedernholz und 1000 Boote aus Fiberglas und Kevlar verkaufen wird. Mit 36 Angestellten erzielt er einen Umsatz unter zehn Millionen Euro. Ein Viertel der Produktion wird exportiert, vor allem in die USA, ein kleiner Teil nach Europa.

Der bekannte kanadische Schriftsteller Pierre Berton erklärte einmal, zu einem richtigen Kanadier werde man erst, wenn man Liebe im Kanu gemacht habe. Zwar gibt es große Zweifel, ob das praktisch machbar ist. MacAllister behauptet, dass es viele Leute probiert hätten, „aber ich habe noch nicht die Gelegenheit gehabt.“ Er findet dennoch, dass Europäer sicher gut darin wären: „Sie sind ein bisschen geschickter, wenn es um solche Dinge geht!“