Was zählt


In Kanada soll eine Kleinstadt umgesiedelt werden, damit dort die größte Goldmine des Landes entstehen kann

Von Bernadette Calonego (veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung am 30. August 2010)

Vancouver – Die Bürger des kanadischen Dorfes Malartic sitzen buchstäblich auf Gold. Direkt unter ihren Häusern wurden riesige Reserven gefunden. Jetzt wird dort die größte Goldmine Kanadas gebaut. Wo einst ganze Straßenzüge standen, klafft eine gigantische Grube. Das Loch ist 400 Meter tief, 800 Meter weit und zwei Kilometer lang. Es hat Gärten verschluckt, die Häuser unzähliger Familien zu Erinnerungen reduziert und Leben verdrängt. 204 Gebäude wurden abgebrochen oder verschoben, ein halbes Dorf dem Gold geopfert. Aber die Menschen in Malartic stört das nicht.

Nur ein einziger Mann weigerte sich, sein Haus an die Firma Osisko Mining aus Montreal zu verkaufen, der das Goldvorkommen gehört. Ken Masse, 35 Jahre alt, bärtiger Vater von vier Kindern und arbeitslos, wies alle Kaufangebote von Osisko zurück. Er sagte Nein, als ihm die Minenbetreiber 260 000 Euro für ein Haus boten, dessen Marktwert vielleicht 10 000 Euro betrug. Man habe ihm am Telefon vier Millionen kanadische Dollar geboten, behauptete Masse in einem Rundfunkinterview, aber er wolle das 70 Jahre alte Haus seiner Mutter nicht verkaufen. „Ich bin darin aufgewachsen“, sagte er.

Die weitaus meisten der 3600 Bürger von Malartic aber sind froh über die Mine. Die Bevölkerungszahl ihres Dorfes, das 550 Kilometer nordwestlich von Montreal liegt, hat sich seit Ende der fünfziger Jahre halbiert. Mit dem einstigen Boom im Bergbau, auf dem der Wohlstand von Malartic schon immer beruht hatte, ist es seit Jahren vorbei. „Mit der Wirtschaft ging es bergab“, sagt Stadtrat Guy Morissette, „wir hatten keine Industrie mehr.“

Doch seit Osisko Mining vor vier Jahren immense Goldreserven in Malartic entdeckte, geht es wieder aufwärts. Die Arbeitslosenrate ist von mehr als 40 auf 15 Prozent gesunken. Auch Stadtrat Morissette war nie gegen die Mine, er hätte nur gern mehr Informationen über das Projekt gehabt. Die Bevölkerung freut sich indes über den neuen Golfplatz, die Schule, das neue Gemeindezentrum und den Kinderhort. Rund 96 Millionen Euro hat sich Osisko das neue Dorfviertel kosten lassen. Dafür nehmen die Menschen in Malartic die hohe Mauer in Kauf, die das umgesiedelte Dorf jetzt von der Minengrube trennt. Sie ist 15 Meter hoch und einen Kilometer lang und soll Lärm und Staub von den Häusern fernhalten.

Osisko gelang es, einen Prozess, der sonst zehn und mehr Jahre dauern kann, innerhalb einer Rekordzeit zu bewältigen. Alles lief viel besser als geplant. Die Eigentümer von Osisko Mining, CEO Sean Roosen und seine Geschäftspartner John Burzynski und Bob Wares, hatten das Gelände vor sechs Jahren in einer Zwangsversteigerung für den lächerlichen Preis von 60 000 Euro erstanden – und das mitten im Goldboom.

Man war optimistisch bei Osisko, doch was Roosen und seine Partner dann fanden, übertraf alle Erwartungen: zehn Millionen Feinunzen Gold liegen unter Malartic. Das ist doppelt so viel, wie von 1935 bis 1983 aus Goldminen in der Region gefördert worden war.

Die Behörden der Provinz Quebec halfen, wo sie konnten, um das Tagebau-Projekt schnell in die Wege zu leiten. Bereits im August 2009 wurde mit dem Bau der Mine begonnen. Die Häuser von Malartic, die sprichwörtlich auf Gold gebaut waren, verschwanden – alle, außer dem Elternhaus von Ken Masse. Einsam stand es in einer Wüste aus Geröll und Sand, genau in der Mitte der geplanten Mine. Masse sagte den Medien, dass er bei einer Zwangsausweisung eine Sammelklage einreichen werde. „Viele Leute haben ihr Haus der Firma verkauft und gedacht, sie hätten einen guten Tausch gemacht“, erklärte er. Aber sie seien vorschnell gewesen. Wären sie richtig vorgegangen, hätten die Bürger in Malartic Millionäre werden können, behauptete er. Sympathien erntete Masse dafür nicht: Es ginge ihm ja doch nur ums Geld, nicht um die Rechte von Hauseigentümern, sagt man in Malartic über ihn.

Masse indes ignorierte alle Anordnungen der Regierung von Quebec, sein Haus zu verlassen. Anfang August überschrieb ein Richter Masses Haus an die Firma Osisko. In den Gerichtsunterlagen steht, Masses Familie habe eine Million kanadische Dollar, also etwa 750 000 Euro, von Osisko gefordert. Es kam der Tag, an dem die Polizei Ken Masse aus seinem Haus zerrte. Bald danach wurde es abgerissen.

Seither ist der Weg frei für die Mine, im nächsten Juni wird die Produktion beginnen. Zusammen mit einem Bergwerk in Ontario will Osisko bis zum Jahr 2015 mehr als eine Million Feinunzen Gold jährlich produzieren. Das Malartic-Projekt befindet sich in der Nähe erschöpfter Goldminen. Hätten sich die Geologen von Osisko die Gegend nicht mit unkonventionellen Methoden angesehen, hätten sie das reiche Vorkommen nicht entdeckt. Heute können Marktkenner kaum fassen, dass es jahrzehntelang unentdeckt blieb.

Osiskohat heute eine Marktkapitalisierung von 3,9 Milliarden Euro. Ihre Eigentümer wurden unlängst vom Magazin Northern Miner zu den Mineuren des Jahres 2009 erkoren.

Ken Masse ist der Verlierer in dieser Geschichte. Er wird keine Million Dollar erhalten, sondern nur den Marktwert für sein Haus, der noch festgesetzt werden muss. Masse will nun, so kündigte er in einem Blog an, die Uno um Hilfe bitten.