{"id":204,"date":"2019-01-14T16:49:50","date_gmt":"2019-01-15T00:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/?page_id=204"},"modified":"2019-02-08T10:38:56","modified_gmt":"2019-02-08T18:38:56","slug":"auszug-die-fremde-auf-dem-eis","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/bucher\/die-fremde-auf-dem-eis\/auszug-die-fremde-auf-dem-eis\/","title":{"rendered":"Auszug: Die Fremde auf dem Eis"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Erstes Kapitel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Copyright AmazonPublishing, M\u00fcnchen.&nbsp;Kein Kopieren ohne ausdr\u00fcckliche G<\/em><em>enehmigung des Verlags.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Auge registrierte es sofort. Am Rand der Eisstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nur einen winzigen Punkt. Er wurde gr\u00f6\u00dfer. Dunkelblau. Nicht zu verfehlen in dieser wei\u00dfen W\u00fcste. Sicher nicht f\u00fcr ihn. Seine Augen sahen alles, was nicht hierher passte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter war er st\u00e4ndig auf dem Eis. Tag f\u00fcr Tag. Er mit seinem Truck. Eine Maschine, die sechzig Tonnen auf dem Buckel aush\u00e4lt. Heute hatte er eine Baracke f\u00fcr die neuen Gasarbeiter hinten drauf. Diese Typen aus dem S\u00fcden skypen ihren Familien zu Hause, dass sie im Arktischen Ozean nach Gas bohren. Nicht dass sich Leute, die dreitausend Meilen weit entfernt wohnen, etwas darunter vorstellen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Muss ein blauer Pick-up sein. Hat wahrscheinlich auf dem Eis eine Pirouette gedreht. Nat\u00fcrlich unfreiwillig. Er konnte sich schon denken, was ihn erwartete. Die K\u00fchlerhaube in die Schneewehe gebohrt. Die Reifen ausgekugelt wie ein Schultergelenk. Hatte er alles schon oft gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher die \u00fcblichen Aufschneider. Blutige Anf\u00e4nger. St\u00e4dter mit einem Mammutego wie ein aufgeblasener Frosch und einem noch gr\u00f6\u00dferen Erfahrungsdefizit. Diese Asphalt-Cowboys aus Calgary. Oder Vancouver.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ein Ingenieur von&nbsp;<em>ORS Gas &amp; Oil<\/em>. Oder so \u2019n Globetrotter aus Italien. Noch schlimmer, ein Yankee aus Texas. Letztes Jahr waren es Engl\u00e4nder gewesen, die Moschusochsen filmen wollten. Nicht hier, sondern auf Banks Island. Mussten nat\u00fcrlich erst die Eisstra\u00dfe runterrasen. Statt der Ochsen fingen sie sich einen Achsenbruch ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Idioten haben nicht die geringste Ahnung, was eine Eisstra\u00dfe erfordert. Nicht den geringsten Schimmer, wie man eine Maschine auf vier Meter dickem Glas f\u00e4hrt. Sie w\u00fcrden ihn auslachen, wenn er ihnen sagte: \u203aDieses Glas lebt. Man nennt es Eis.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Er wei\u00df schon, wo die Gro\u00dfstadtbabys ihren Wahnsinn getankt haben. Sicher von der Mattscheibe. Von&nbsp;<em>Ice Road Truckers<\/em>. Einer dieser Realityshows. Er h\u00e4tte sich so was nie angesehen. Aber Judy, seine Frau, hatte ihn \u00fcberredet. \u00bbDamit du siehst, wie sie das machen\u00ab, hatte sie gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm waren fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Diese Fernsehleute backen wirklich keine kleinen Br\u00f6tchen. \u203aAbenteuer am Polarmeer! Nur f\u00fcr die k\u00fchnsten und wagemutigsten Fahrer. Sie riskieren ihr Leben auf der Winterstra\u00dfe \u00fcber das gefrorene Delta des m\u00e4chtigen Mackenzie-Stroms. Sie fahren mit dem Teufel im Nacken und sechzig Tonnen auf den Trucks. Jederzeit k\u00f6nnen sie im Eis einbrechen.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Kumpel Poppy Dixon war mit einem Kasten Bier vorbeigekommen, und sie hatten vor Lachen wie die W\u00f6lfe geheult. Poppy hatte ihm so wild auf den R\u00fccken geklopft, dass er fast vom Sofa gekippt w\u00e4re. \u00bbWas f\u00fcr verdammte Helden wir sind, was, Todd? Das wussten wir gar nicht!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Abenteuer? Na bitte. Poppy war im Winter zuvor mit \u2019nem Lastwagen durchs Eis gebrochen. Achtzig Tonnen sackten hinten ab. Betonr\u00f6hren f\u00fcr eine Gasfirma da drau\u00dfen. Ein paar von Helvin Wests Leuten und ein Kran holten ihn wieder raus. Damals hatte Poppy nichts zu lachen. Schneewei\u00df war sein Gesicht gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt konnte er den blauen Pick-up deutlich sehen. Die Schnauze tief im Schneewall am Rand der Eisstra\u00dfe. Was f\u00fcr ein Schlamassel. Und was war das da im Schnee? Ein rotbrauner Umriss. Ein toter Elch. Oder was davon \u00fcbrig geblieben war: der Kopf. Aus dem Maul hing die lange Zunge. Rote Schlieren rundherum. Rot wie Judys Nagellack.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Fu\u00df streichelte das Gaspedal. Mit dieser schweren Last konnte er nicht mehr als Tempo f\u00fcnfzig riskieren. Ende M\u00e4rz und schon Sonne, Sonne, Sonne. Vier Tage nichts als Sonne. Vier verdammte Tage hintereinander. Und es war nicht mal April. Das Eis hielt immer noch. Aber wie lange, wer konnte das schon wissen. Nur Clem Hardeven, der Eismeister. Wenn der sagte, die Eisstra\u00dfe wird gesperrt, dann wurde sie gesperrt. Da h\u00f6rte selbst Helvin West auf Clem. Und Helvin war Clems Boss.<\/p>\n\n\n\n<p>Er drosselte den Motor. Langsam, langsam, langsam. Todd, mein Guter, genie\u00df den Anblick dieses Deppen, der sich sein eigenes Grab im Schnee gegraben hat. Der Dummkopf hat sicher auf dem Eis zu heftig auf die Bremsen gedr\u00fcckt, als er den Elchkopf sah. Darauf h\u00e4tte er wetten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bremsen auf dem Eis muss gelernt sein. Anf\u00e4nger. Er konnte nur sagen, Anf\u00e4nger. Vielleicht hatte der Typ im Crazy Hunter ein paar Bier zu viel gehabt. Gro\u00dfer Fehler. Man spielt nicht mit dem Feuer auf dem Eis.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich, noch bevor er zum Stehen kam, ging ein Licht in seinem Gehirn an. Mehr noch, es heulte wie eine Sirene. Blau, der Pick-up war leuchtend blau. Mit einer wei\u00dfen Aufschrift. Er musste sie gar nicht lesen. Ach, du liebe Schei\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog Handschuhe und Fellm\u00fctze \u00fcber und den Rei\u00dfverschluss seiner Daunenjacke hoch. Dann sprang er aus dem Lastwagen und watschelte \u00fcber das gl\u00e4nzende Eis wie ein Curlingspieler. Fahren fiel ihm leichter als laufen. Die Eisstra\u00dfe war spiegelglatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Achsenbruch. Das konnte er gleich sehen. Er schob seine Sonnenbrille zurecht. Zu viel Sonne und zu viel Wei\u00df rundherum f\u00fcr seinen Geschmack. Keine Bewegung im Innern des Wagens. Er versuchte, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Ging nicht. Er versuchte die andere Seite. Er zog und zerrte, und als die T\u00fcr aufsprang, fiel er mit ihr fast um. Er sp\u00e4hte hinein. Nichts. Alles leer. Der Vogel ausgeflogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sollte er tun? Am besten, nichts wie weg nach Inuvik. War ja nicht mehr weit. Die Polente wusste sicher schon, was los war. Er hatte genug Zeit verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzte seine Fahrt fort, lie\u00df den Pick-up im R\u00fcckspiegel verschwinden. Schade, dass sich die Kiste nicht in Luft aufl\u00f6ste. Er wollte nichts damit zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch eine lange Kurve, und er konnte Inuvik schon fast riechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch da war noch etwas. Ein dunkles B\u00fcndel am Stra\u00dfenrand. Himmel, Arsch und Zwirn! Er wusste gleich, dass es diesmal kein Elch war. Sein Truck schlitterte, bis er stand. Noch mal raus in die K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er bewegte sich m\u00fchsam vorw\u00e4rts. Eine Frau. Sie lag direkt auf dem Eis. Zusammengekr\u00fcmmt wie ein leidender Embryo. Unbeweglich. Das Gesicht auf einen Arm gelegt, die Augen geschlossen. Die Kappe immer noch auf dem dunklen Haar. Die Kapuze nach hinten gerutscht. Wie eingeschlafen. Er beugte sich zu ihr hinunter und sch\u00fcttelte sie. Rief Hallo, Hallo. Obwohl er es bereits wusste. So starr und eiskalt. Sie war jung. Und sie war tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kannte die Frau nicht. Nur den Pick-up kannte er. Aber er brachte die beiden nicht zusammen. Er brachte die beiden einfach nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ein Pinguin wackelte er auf dem Eis zur\u00fcck zu seinem Truck und griff nach dem Satellitentelefon.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Copyright AmazonPublishing, M\u00fcnchen. Kein Kopieren ohne ausdr\u00fcckliche Genehmigung des Verlags.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieFremdeAufDemEis-1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1466\" width=\"422\" height=\"633\" srcset=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieFremdeAufDemEis-1000.jpg 666w, https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieFremdeAufDemEis-1000-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstes Kapitel Copyright AmazonPublishing, M\u00fcnchen.&nbsp;Kein Kopieren ohne ausdr\u00fcckliche Genehmigung des Verlags. Sein Auge registrierte es sofort. Am Rand der Eisstra\u00dfe. Erst nur einen winzigen Punkt. Er wurde gr\u00f6\u00dfer. Dunkelblau. 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