{"id":212,"date":"2019-01-14T16:58:03","date_gmt":"2019-01-15T00:58:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/?page_id=212"},"modified":"2019-02-08T10:37:53","modified_gmt":"2019-02-08T18:37:53","slug":"auszug-die-bucht-des-schweigens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/bucher\/die-bucht-des-schweigens\/auszug-die-bucht-des-schweigens\/","title":{"rendered":"Auszug: Die Bucht des Schweigens"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p> Autorin: Bernadette Calonego<br>Copyright @ Amazon Publishing<br>All rights reserved.<br><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck spricht er kaum. Seine Stirn, die Augen und Brauen, die Lippen wirken zusammengezurrt, als hielte jemand seinen Kopf im Klammergriff.<br>Er macht sich Sorgen. Sie wei\u00df es.<br>In der Nacht war sie wieder aufgeschreckt, ihr Herz hart und gro\u00df wie ein Boxhandschuh. Die Seide des Pyjamas klebte auf ihrer Haut, feuchte K\u00e4lte auf der Stirn.<br>Sie sa\u00df aufrecht im Bett, der Atem kam sto\u00dfweise.<br>Pl\u00f6tzlich sein Gesicht neben ihrem, sie hatte ihn erschreckt.<br>Nicht zum ersten Mal.<br>Er strich ihr das wirre Haar aus dem Gesicht.<br>\u00bbIch habe es wieder geh\u00f6rt\u00ab, sagte sie.<br>Das Heulen. Dieses schreckliche, unbegreifliche, markersch\u00fctternde Wimmern aus dem Nirgendwo.<br>Er dr\u00fcckte sie an sich.<br>\u00bbEs ist vorbei\u00ab, fl\u00fcsterte er. \u00bbNiemand kann dir etwas anhaben.\u00ab<br>Dann streichelte er sie, bis sie in seinen Armen einschlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt beobachtet sie ihn heimlich.<br>Sie gibt vor, am Computer Fotos zu sortieren. Aus den Augenwinkeln betrachtet sie ihn, wie er gebeugt \u00fcber dem Tisch sitzt, das Kinn in die rechte Hand gest\u00fctzt. Seine Hand ist gro\u00df wie eine Schaufel. Er liest die Zeitung von vorne bis hinten, es ist nur das Lokalblatt, aber er l\u00e4sst nichts aus, auch die Kleinanzeigen nicht. Er hat nicht gelernt, Seiten zu \u00fcberfliegen. In seiner Welt gibt es nichts zu \u00fcberfliegen, alles muss beachtet sein, die Richtung des Windes, die Bewegung der Gezeiten, der Wellenschlag, die Wanderungen der Fische, die Gespr\u00e4che der M\u00e4nner am Hafen, die Neuigkeiten und Ger\u00fcchte. Vor allem die Ger\u00fcchte.<br>Wer etwas verpasst, wer nicht Anteil hat am Wissen, am Geschehen im Dorf, steht bald im Abseits. Und das kann t\u00f6dlich sein.<br>Sie wei\u00df das erst, seit sie in sein Leben trat.<br><em>Wie haben wir all das nur \u00fcberlebt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt ist er hier, weit weg vom Grab seines Bootes, der Mighty Breeze. Weg vom Nordatlantik und von den steilen Klippen, den m\u00f6rderischen St\u00fcrmen und Str\u00f6mungen. Weg vom Unheil und vom Sog, der ihn nach unten riss.<br>Ein Ausgesto\u00dfener in Vancouver. Ein Mann, der sonst nie anderswo sein will als auf dem Wasser und dem Boot und in dem kleinen, geduckten Haus mit den gr\u00fcnen Fensterrahmen. Er konnte nicht einmal mehr das Brennholz fein s\u00e4uberlich zu Stapeln aufeinanderschichten, die der Sturm hinter dem Haus umgeblasen hatte, so schnell ging alles. Um solche Dinge m\u00fcssen sich seine Gedanken manchmal drehen, ordentlich wie er ist. Ordnung ist ihm wichtig im Chaos der Gef\u00fchle und Bedrohungen.<br>Er kann nicht anders, als die ganze Zeitung zu lesen. Er kann auch keine Essensreste wegwerfen. \u203aVergeudung\u2039 nennt er das und sein Gesicht verzieht sich jedes Mal bei diesem Wort. In seinem Schuppen am Ozean stapeln sich Plastikeimer, alte Seile und Werkzeuge, rostige Winden, gebrauchte N\u00e4gel, Holzlatten von abgerissenen H\u00e4usern, ausgediente Messer. Das braucht einer, der immer mit schlimmen Zeiten rechnet.<br>Aber mit dem Unheil, das ihn befiel, hat er nicht gerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blickt pl\u00f6tzlich auf und sie f\u00fchlt sich ertappt. \u00bbHast du das gelesen?\u00ab, fragt er. \u00bbDie Leserbriefe? Da beklagen sich Leute, die ein Haus am Meer haben, dass Spazierg\u00e4nger am Strand durch ihre Fenster ins Haus gucken.\u00ab<br>Sie l\u00e4chelt, froh, dass er etwas gefunden hat, das ihn am\u00fcsiert. In seinem Dorf, da hat niemand etwas dagegen, dass Leute zu ihnen hineingucken. Da sehen sowieso alle alles. Und die Leute im Haus schauen st\u00e4ndig aus den Fenstern, damit ihnen nichts entgeht. Mit dem Feldstecher beobachten sie die H\u00e4user auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Bucht. Sie wissen, wann die Lichter gel\u00f6scht werden und wann jemand abends nach Hause kommt.<br>Aber was sie wirklich h\u00e4tten sehen sollen, davor haben sie die Augen verschlossen.<br>Er streckt seinen Oberk\u00f6rper \u00fcber den Tisch, um die oberste Ecke der Zeitung zu lesen. Die Kleinanzeigen. Sie kann sich an ihm nicht sattsehen. Sein R\u00fccken ist rund wie der der Lederschildkr\u00f6te, die eines Tages leblos an Land geschwemmt wurde. Am Morgen, als sie sich zum ersten Mal liebten, tasteten ihre Finger nach seinen Wirbeln. Sie konnte das R\u00fcckgrat nicht sp\u00fcren. Als h\u00e4tte er sich aus einem Meerestier in einen Menschen verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde sie beobachtet werden, wie sie ihn jetzt beobachtet, hielte man ihre Faszination f\u00fcr Liebe.<br>Aber es ist eher ein Staunen. Eine stumme Verwunderung dar\u00fcber, dass sie beide hier sind. Zusammen. Dass er ihr gefolgt ist, so weit.<br>Wie sind wir nur davongekommen!<br><em>Sind wir davongekommen?<\/em><br>Er hat die Stadt immer so gef\u00fcrchtet. Den Verkehr. Die Menschenmengen. Die Hast. Lichtsignale \u00fcberall. Augen, die an ihm vorbeisehen. M\u00fcnder, die ihn nicht gr\u00fc\u00dfen. Verloren im Menschenstrom auf den Gehsteigen.<br>Doch nach allem, was passiert ist, f\u00fchlt er sich hier geborgen. In Vancouver kennt ihn keiner. Niemand wei\u00df etwas. Sein Name bedeutet nichts.<br>Es sind jetzt zehn Monate. Von R\u00fcckkehr spricht er nicht. Auch nicht von der Mighty Breeze. Oder von der K\u00fcche mit der laut tickenden Wanduhr. Kein Wort \u00fcber die Bucht und den Landungsplatz, dessen morsche Planken er schon lange ersetzen wollte.<br>\u00bbWillst du nicht anrufen?\u00ab, fragt sie ihn manchmal.<br>Er sch\u00fcttelt nur den Kopf.<br>Hebt die Augenbrauen, sieht zum Fenster hinaus, pr\u00fcft den Himmel \u00fcber den Wohnt\u00fcrmen in der Nachbarschaft. Dann will er spazieren gehen, bevor der Regen einsetzt. Der Spaziergang f\u00fchrt immer an den Ozean. Nicht an seinen Ozean, an das andere Meer im Westen, den Pazifik. Wasser, das zu seinem Erstaunen im Winter nicht gefriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit sie in Vancouver sind, hat sie ihn nie mehr fotografiert. Als l\u00e4ge ein Fluch darauf. Als w\u00fcrden die Bilder etwas enth\u00fcllen, worauf sie nicht gefasst w\u00e4re.<br>Wie er jetzt am Tisch sitzt, die Seiten umbl\u00e4ttert, die Stirn konzentriert in Falten gerollt, den R\u00fccken gebogen wie eine Br\u00fccke \u00fcber dem Strom, den Mund zusammengepresst, das braucht sie nicht mit der Kamera festzuhalten. Das ist in ihr eingebrannt.<br>Genau wie das Geheimnis, das sie nie preisgeben darf.<br>Ob ihn auch immer wieder Bilder einholen wie sie jetzt? Sie wei\u00df es nicht. Sie hat Angst, ihn zu fragen. Er schweigt dar\u00fcber.<br>Aber vor ihren Augen tauchen sie immer wieder auf, oft wie aus dem Nichts, und es sind nicht immer die schrecklichsten Bilder.<br>Zum Beispiel dieser Wandteppich in einer fremden Wohnstube. Eine Gruppe Karibus vor einem Sonnenuntergang. Schwarzbraune Konturen vor kitschigen Neonfarben. Die Karibus sind wie festgefroren, geblendet von all dem grellen Orange und Gelb und Rot.<br>Ein Wild, gefangen im Scheinwerferlicht. Ein angstvolles Z\u00f6gern zwischen Sicherheit und Verderben.<\/p>\n\n\n\n<p>Copyright @ Amazon Publishing<br>All rights reserved.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieBuchtDesSchweigens-1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1465\" width=\"414\" height=\"621\" srcset=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieBuchtDesSchweigens-1000.jpg 666w, https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/DieBuchtDesSchweigens-1000-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autorin: Bernadette CalonegoCopyright @ Amazon PublishingAll rights reserved. Prolog Beim Fr\u00fchst\u00fcck spricht er kaum. 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