{"id":220,"date":"2019-01-14T17:07:30","date_gmt":"2019-01-15T01:07:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/?page_id=220"},"modified":"2019-02-10T20:15:39","modified_gmt":"2019-02-11T04:15:39","slug":"auszug-nutze-deine-feinde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/bucher\/nutze-deine-feinde\/auszug-nutze-deine-feinde\/","title":{"rendered":"Auszug: Nutze deine Feinde"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auszug aus dem Buch \u201eNutze deine Feinde\u201c von Bernadette Calonego (Copyright Berlin Verlag Bloomsbury Berlin)<br>www.berlinverlage.de<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahn kam so abrupt zum Stehen, dass Josefa Rehmer zun\u00e4chst gegen die Stange des Sitzes vor ihr prallte, dann wieder zur\u00fcckfiel und auf die Seite kippte. Die Warnglocke der Stra\u00dfenbahn schrillte. W\u00e4hrend Josefa vergeblich versuchte, sich irgendwo festzuhalten, traf ihre linke Schl\u00e4fe auf etwas Hartes unter rauem Stoff. Sie lag nun seitlich gegen einen menschlichen K\u00f6rper gelehnt, der wie ein Turner anden Ringen hin und herbaumelte. In ihrer linken Schl\u00e4fe pochte ein stechender Schmerz. Der Turner, der sich an die Halteschlaufen geklammert hatte, richtete sich auf und zog den schwarzen Anzug zurecht, den er unter einem offenen Lammfellmantel trug. Josefa sp\u00fcrte seinen Blick auf sich ruhen. Doch als sie ihm ein entschuldigendes L\u00e4cheln zuwarf, schaute er rasch zur Seite. Dem jungen Mann war die ungewollte Tuchf\u00fchlung offensichtlich genauso peinlich wie ihr.<br>Der Leitwagen der Stra\u00dfenbahn stand quer auf Z\u00fcrichs Bahnhofstra\u00dfe. Er war gerade von der Haltestelle weggefahren und hatte an Tempo gewonnen, als ihn ein Hindernis unvermittelt zu einem scharfen Bremsman\u00f6ver zwang. Nun \u00f6ffneten sich die automatischen T\u00fcren, und die Passagiere dr\u00e4ngten benommen nach drau\u00dfen. Auch Josefa packte ihre heruntergefallene Aktentasche und trat auf den Gehsteig.<br>Die eisige Januarluft schnitt ihr ins Gesicht. Auf der anderen Stra\u00dfenseite hatten sich bereits etliche Schaulustige versammelt. In einer Phalanx kreisten sie ein rotes Mercedes-Coup\u00e9 ein, dessen Kotfl\u00fcgel zersplittert war wie ein eingedr\u00fccktes Osterei. Ein modisch gekleideter Mann stand daneben, die H\u00e4nde hilflos in die H\u00fcften gestemmt.<br>Doch Josefa hatte keine Zeit zu verlieren. Ungeduldig bahnte sie sich einen Weg durch den Menschenauflauf. Jetzt sp\u00fcrte sie auch in ihrem Brustbein ein Pochen. Das musste die Stange des Vordersitzes gewesen sein. Ihre Schl\u00e4fe f\u00fchlte sich feucht an. Sie fuhr pr\u00fcfend mit dem Finger dar\u00fcber: Ein roter Film blieb an ihm haften. Im Laufen holte sie einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche, klappte ihn auf, blieb kurz stehen und hielt ihn schr\u00e4g nach oben. Nichts. Sie musste das Blut gleich mit dem Finger weggetupft haben.<br>Aber da war etwas im Hintergrund. Vor einem Schaufenster, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, stand der Mann im Lammfellmantel. Sie sp\u00fcrte wieder den pochenden Schmerz. Der Typ musste etwas verdammt Hartes in seiner Brusttasche tragen. Josefa verstaute eilig den Spiegel und lief weiter.<br>Sie war unter Zeitdruck. Die Stra\u00dfenbahn war bereits zu sp\u00e4t eingefahren, v\u00f6llig un\u00fcblich f\u00fcr die legend\u00e4re Z\u00fcrcher P\u00fcnktlichkeit. Wenn sie sich beeilte, konnte es Josefa zum Paradeplatz in wenigen Minuten schaffen. Doch nach diesem Zwischenfall w\u00fcrde sie verschwitzt und aufgel\u00f6st ankommen \u2013 trotz der K\u00e4lte.<br>Die Bahnhofstra\u00dfe erschien ihr pl\u00f6tzlich unendlich lang, mit viel zu vielen Passanten vor den Toren der Bankpal\u00e4ste und den vornehmen Gesch\u00e4ften. Auf dem Paradeplatz hatte sich ein Alphornbl\u00e4ser aufgestellt, ein uriger Typ mit Vollbart und einem edelwei\u00dfbekr\u00e4nzten gr\u00fcnen Filzhut. Im Vorbeihasten konnte Josefa nur zwei W\u00f6rter der Botschaft entziffern, die er auf einen Karton gepinselt hatte: \u00bbStille\u00ab un\u00bbbesinnen\u00ab. Das Alphorn \u00fcbert\u00f6nte das Kreischen der Stra\u00dfenbahnenund den rauschenden Autoverkehr in den umliegendenStra\u00dfen. Ein Radfahrer, der die Schienen \u00fcberqueren wollte, rutschte aus und st\u00fcrzte. Was f\u00fcr ein verr\u00fcckter Tag! Josefa warf eilig einen Blick zur\u00fcck, um festzustellen, ob der Radler verletzt war. Da sah sie den Mann im Lammfellmantel hinter einem Pfeiler beim Eingang einer Privatbank verschwinden.<br>Endlich angekommen. Bevor sie das Hotel betrat, tupfte sie sich sicherheitshalber mit einem Taschentuch die Schl\u00e4fen ab. Blassrote Streifen verf\u00e4rbten das Papier. An der Mauer des Kaufladens gegen\u00fcber klebte ein Plakat, das alle Schweizer Soldaten zur j\u00e4hrlichen obligatorischen Schusswaffen\u00fcbung aufrief.<br>Josefa schob sich durch die Dreht\u00fcr in die elegante Hotelhalle, die mit blau-goldenen Teppichen ausgelegt war. Der Concierge telefonierte gerade und musterte sie beil\u00e4ufig. Josefa sah nerv\u00f6s auf ihre Uhr: Sie war bereits f\u00fcnf Minuten zu sp\u00e4t. Das war f\u00fcr ein erstes Treffen immer schlecht. Dann, endlich, kam eine junge Frau hinter den Tresen und wandte sich ihr zu. Sie besa\u00df den unterk\u00fchlten Charme deutscher Nachrichtensprecherinnen. \u00bbDie Firma Desag hat eine Nachricht f\u00fcr mich hinterlassen\u00ab, erkl\u00e4rte Josefa. DieDame vom Empfang hob fragend die Augenbrauen. \u00bbWelche Firma,<br>bitte?\u00ab<br>\u00bbDesag. D-E-S-A-G\u00ab, wiederholte Josefa. Das Treffen fand zum ersten Mal in diesem Hotel statt, weil das Baur-au- Lac wegen Bauarbeiten geschlossen war.<br>\u00bbDesag? Und eine Nachricht f\u00fcr wen, bitte?\u00ab<br>Josefa wurde nerv\u00f6s. War das Personal nicht informiert? Oder waren ihre Gespr\u00e4chspartner vielleicht im falschen Hotel?<br>Nun legte der Concierge den H\u00f6rer auf. \u00bbDesag\u00ab, sagte er. \u00bbJa, da haben wir eine Nachricht. Sie werden ins Zimmer 398 gebeten.\u00ab<br>Josefa z\u00f6gerte. \u00bbZimmer 398? Ist das ein Hotelzimmer?\u00ab<br>Die Treffen fanden grunds\u00e4tzlich nicht in Hotelzimmern statt. Josefa blickte den Mann peinlich ber\u00fchrt an. Ihr fielen pl\u00f6tzlich Geschichten von Edelprostituierten ein, die betuchte Kunden in Grand-Hotels aufsuchten. F\u00fcr einen kurzen Moment \u00fcberlegte sie, wen er wohl vor sich sah: eine schlanke Frau, Mitte drei\u00dfig, in einem hellblauen Mohair- Mantel, mit farblich passendem Seidenschal von Fabric Frontline und einer Aktentasche unterm Arm. Ihre grau melierten Locken (sie hatte schon im zarten Alter von zwanzig Jahren graue Str\u00e4hnen, ein Erbe ihrer Mutter) hatte sie hochgesteckt. Au\u00dfer einem blassen Lippenstift und einem hauchd\u00fcnnen Lidstrich war sie nicht geschminkt. (Zum Gl\u00fcck hatte sie von ihrer italienischen Mutter auch die dunklen Augen und die dichten Wimpern geerbt.) Ihre fein get\u00f6nte Gesichtshaut brauchte kein Make-up.<br>Josefa sog die Luft ein. \u00bbNach meinen Informationen wurde ein kleines Konferenzzimmer reserviert\u00ab, sagte sie mit fester Stimme. Der Concierge nickte entschuldigend. \u00bbLeider sind unsere Konferenzr\u00e4ume alle belegt. Aber das Zimmer 398 ist eine gro\u00dfe Suite. Und sie verf\u00fcgt \u00fcber die gesamte notwendige Infrastruktur, um als B\u00fcro genutzt zu werden, das kann ich Ihnen versichern.\u00ab Er nahm ein mehrseitiges Dokument und heftete es mit Schwung ab. In Josefas Ohren knallte es. Sie zuckte zusammen. Es war eine Waffe, die ihre Schl\u00e4fe gerammt hatte! Ein Revolver oder eine Pistole. Das musste es sein. Ihre Knie wurden weich. Wurde sie erneut verfolgt?<br>\u00bbW\u00fcnschen Sie noch etwas?\u00ab, fragte der Concierge.<br>\u00bbZum Aufzug, bitte\u00ab, sagte Josefa.<br>\u00bbGleich da dr\u00fcben links.\u00ab<br>Josefa wartete nerv\u00f6s vor dem Anzug. Neben ihr stand eine Gruppe Touristen, die in den T\u00fcten der teuren Designerl\u00e4den zwischen Paradeplatz und Storchenplatz ihre Ausbeute heimtrugen. Josefa, rei\u00df dich zusammen. Es ist alles in Ordnung. Wie schreckhaft sie doch war. Die vergangenen Ereignisse hatten ihre Nerven angegriffen. Wahrscheinlich lag es an dem Plakat. Mit dem Aufruf zur milit\u00e4rischen Schie\u00df\u00fcbung. Das musste ihre Phantasie befl\u00fcgelt haben. Es gibt noch eine normale Welt, versuchte sie sich zu beruhigen. Dieses Hotel etwa, oder die Touristen, die nun mit ihr im Aufzug noch oben glitten.<br>Der Flur auf der dritten Etage war leer. Neben Zimmer 398 leuchtete ein Schalter mit der Aufforderung \u00bbBitte dr\u00fccken\u00ab. Doch Josefa klopfte an, mehrfach und kr\u00e4ftig. Sie wartete. Eine Leuchtschrift erschien: \u00bbBitte eintreten.\u00ab Sie dr\u00fcckte auf die Klinke. Das Vorzimmer lag im Dunkeln, doch in der angrenzenden Suite brannte Licht. Die Vorh\u00e4nge waren zugezogen, das konnte sie von weitem erkennen. H\u00e4tte sie etwas warnen sollen? H\u00e4tte sie vorsichtiger sein sollen nach den vergangenen Monaten? Unschl\u00fcssig schob sie die Aktentasche von einer Hand in die andere, da erschien im T\u00fcrrahmen eine Gestalt.<br>Josefa erstarrte. \u00bbSie?\u00ab, stie\u00df sie hervor. Das war nicht die Person, die sie erwartet hatte. Diesem Mann, der nun die Hand leicht hob, h\u00e4tte sie nicht begegnen wollen. Nicht jetzt und nicht unvorbereitet.<br>\u00bbIch hatte schon lange den Wunsch, mich mit Ihnen zu unterhalten\u00ab, h\u00f6rte sie ihn mit schwerer, heiserer Stimme sagen. In diesem Augenblick lie\u00df ein Ger\u00e4usch sie herumfahren. Ein Mann hatte die Au\u00dfent\u00fcr aufgesto\u00dfen. Er trug einen Lammfellmantel \u00fcber einem schwarzen Anzug. Und unter dem Anzug einen eckigen Gegenstand aus Metall.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/NutzeDeineFeinde-1000.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1468\" width=\"336\" height=\"504\" srcset=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/NutzeDeineFeinde-1000.jpg 666w, https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/NutzeDeineFeinde-1000-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus dem Buch \u201eNutze deine Feinde\u201c von Bernadette Calonego (Copyright Berlin Verlag Bloomsbury Berlin)www.berlinverlage.de Prolog Die Stra\u00dfenbahn kam so abrupt zum Stehen, dass Josefa Rehmer zun\u00e4chst gegen die Stange des Sitzes vor ihr prallte, dann wieder zur\u00fcckfiel und auf die Seite kippte. 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