{"id":258,"date":"2008-06-11T12:44:13","date_gmt":"2008-06-11T19:44:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=66"},"modified":"2019-02-05T19:19:49","modified_gmt":"2019-02-06T03:19:49","slug":"kanadas-spate-entschuldigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/kanadas-spate-entschuldigung\/","title":{"rendered":"Kanadas sp\u00e4te Entschuldigung"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen im Standard am 11. Juni 2008<\/em><\/p>\n<p>Vancouver &#8211; Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen von Kanadas Indianern eingehen. An diesem Tag entschuldigt sich Premierminister Stephen Harper im Parlament in Ottawa f\u00fcr die Umerziehungsinternate, in denen indianische Kinder fr\u00fcher emotionalem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Diese sogenannten &#8220;Residential Schools&#8221;, die w\u00e4hrend vielen Generationen von mehreren Kirchen gef\u00fchrt und vom Staat bezahlt wurden, sind eines der schlimmsten Kapitel in Kanadas j\u00fcngerer Geschichte.<\/p>\n<p>&#8220;Kanada bew\u00e4ltigt jetzt seine dunkle Vergangenheit, die lange vor den eigenen B\u00fcrgern vertuscht und versteckt wurde&#8221;, erkl\u00e4rte Phil Fontaine, der Vorsitzende der kanadischen H\u00e4uptlinge. Fontaine hatte selbst mutig bekannt, dass er einst in einer der Umerziehungsinternate sexuell missbraucht worden war. In diesen Schulen wollte man Indianerkinder, fern von Heimatdorf und Eltern, zu &#8220;n\u00fctzlichen&#8221; Mitgliedern der von christlichen, wei\u00dfen Siedlern dominierten Gesellschaft Kanadas machen.<\/p>\n<p>Der 71-j\u00e4hrige Alvin Dixon, Angeh\u00f6riger des Heiltsuk-Indianerstammes, reist eigens nach Ottawa, um im Parlament dabeizusein, wenn sich die kanadische Regierung entschuldigt. Dixon war zehn Jahre alt, als man ihn seinen Eltern wegnahm und f\u00fcr acht Jahre in solches Internat brachte. Dort wurde er geschlagen, sexuell bel\u00e4stigt und durfte nie seine Muttersprache sprechen. &#8220;Ich weinte viele Tage lang&#8221;, erz\u00e4hlt er. Dann versiegten seine Tr\u00e4nen f\u00fcr immer. &#8220;Meine Gef\u00fchle wurden abget\u00f6tet, seither kann ich nicht mehr weinen.&#8221; Dixon war eines der rund 125000 indianischen Kinder, von denen viele f\u00fcr ihr ganzes Leben traumatisiert wurden.<\/p>\n<p>Noch immer wissen viele Kanadier nicht, was in diesen Umerziehungsschulen wirklich geschah. Die Internate wurden ab 1874 eingef\u00fchrt. Im Jahr 1931 gab es rund 80 in Kanada &#8211; die letzte Schule wurde erst 1995 geschlossen.<\/p>\n<p>Ein Schiff brachte den kleinen Alvin Dixon 1947 nach Port Alberni auf Vancouver Island, damals vier Reisetage von seinem Heimatdorf Bella Bella im Norden von British Columbia entfernt. Kaum angekommen, erhielt er seine ersten Pr\u00fcgel, weil er in der Sprache seines Stammes redete, die einzige Sprache, die er kannte. Den Kindern war nur erlaubt, Englisch zu sprechen. Morgens mussten sie harte Arbeit leisten, nachmittags gingen sie zur Schule. Alvin Dixon melkte K\u00fche, &#8220;aber wir erhielten nie frische Milch und auch kein Fleisch.&#8221;<\/p>\n<p>Er durfte im Sommer seine Eltern besuchen, aber viele Kinder mussten Jahr f\u00fcr Jahr in der Schule bleiben, ohne Kontakt zu ihren Familien. In diesen \u00fcberv\u00f6lkerten und schlecht ausger\u00fcsteten Institutionen brachen oft t\u00f6dliche Seuchen aus. Experten sch\u00e4tzen die Sterblichkeitsrate unter den indianischen Sch\u00fclern Anfang des 20. Jahrhunderts auf bis zu 50 Prozent. Sexueller Missbrauch war in den von Nonnen und Priestern gef\u00fchrten Schulen an der Tagesordnung. Im Internat von Port Alberni verbreitete ein sp\u00e4ter verurteilter Sexualt\u00e4ter namens Arthur Henry Plint als Aufseher Angst und Schrecken in den Schlafr\u00e4umen. Plint wollte auch ihn zu oralem Sex zwingen, erz\u00e4hlt Dixon, &#8220;aber ich war damals bereits zw\u00f6lf Jahre alt und wehrte mich.&#8221; Kleinere Kinder &#8211; manche wurden schon im Alter von vier Jahren den Eltern weggenommen &#8211; konnten sich vor solchen Kriminellen nicht sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Erst vor wenigen Jahren wagten Mitglieder der First Nations &#8211; wie die Indianer in Kanada genannt werden -, die Schulen und ihre Betreiber einzuklagen. Elf Sexualt\u00e4ter wurden bislang \u00fcberf\u00fchrt. Schlie\u00dflich einigten sich die kanadische Regierung, die Kirchen und die First Nations im Jahr 2006 auf eine Abfindung von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro an rund 90000 ehemalige Sch\u00fcler. Teil dieses Abkommens ist auch die Einsetzung einer Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission nach dem Vorbild S\u00fcdafrikas. Sie wird w\u00e4hrend f\u00fcnf Jahren den Opfern und allen Betroffenen ein Forum bieten, damit sie ihre Leidensgeschichten erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8220;Die kanadische \u00d6ffentlichkeit muss wissen, was ihre Vorfahren uns angetan haben&#8221;, sagt Alvin Dixon, der sein Leben lang unter den Folgen der Zwangsumerziehung gelitten hat: &#8220;Ich dachte, meine Eltern h\u00e4tten mich verlassen und wollten mich nicht mehr.&#8221; Beruflich war er zwar erfolgreich, studierte an der Universit\u00e4t und wurde Lehrer. Er konnte aber keine Liebe weitergeben, f\u00fchlte nur Wut. &#8220;Ich war ein emotionaler Terrorist gegen\u00fcber Frau und Kindern&#8221;, sagt der zweimal Geschiedene.<\/p>\n<p>Viele Probleme der Indianer stammen laut Experten aus diesem Trauma: Sucht, Kriminalit\u00e4t, Verwahrlosung, Depression, Angst, Selbstmordgefahr und psychische Krankheiten. Alvin Dixon hofft, dass die Entschuldigung der Regierung der erste Schritt ist, vergangenes Unrecht gutzumachen. &#8220;Sie wird best\u00e4tigen, dass die Schulen falsch waren und nicht meine Eltern&#8221;, sagt er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im Standard am 11. Juni 2008 Vancouver &#8211; Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen von Kanadas Indianern eingehen. 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