{"id":259,"date":"2008-02-19T12:47:47","date_gmt":"2008-02-19T19:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=69"},"modified":"2019-02-05T19:29:40","modified_gmt":"2019-02-06T03:29:40","slug":"frau-karetaks-sehnsucht-nach-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/frau-karetaks-sehnsucht-nach-ruhe\/","title":{"rendered":"Frau Karetaks Sehnsucht nach Ruhe"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen in der S\u00fcddeutschen Zeitung am 19. Februar 2008<\/em><\/p>\n<p><em>Photos: Karetak<\/em><\/p>\n<p>Die kanadische Abgeordnete Nancy Karetak-Lindell kann nicht mehr. Sie ist vom vielen Reisen v\u00f6llig ausgelaugt. Neben ihrem anstrengenden Flugprogramm sehen die Auslandsbesuche von Regierungschefs wie Schulausfl\u00fcge aus. Frau Karetaks arktischer Wahlkreis Nunavut ist mehr als f\u00fcnf Mal so gro\u00df wie Deutschland. Er umfasst drei Zeitzonen und 1,9 Millionen Quadratkilometer, das ist ein F\u00fcnftel der Landfl\u00e4che Kanadas. Nur 26000 Menschen leben im Territorium Nunavut, der Heimat der Eskimos, und sie sind weit verstreut.<\/p>\n<p>&#8220;Es gibt keine Verbindungsstra\u00dfen zwischen den Gemeinden&#8221;, sagt die Abgeordnete, &#8220;ich muss immer fliegen.&#8221;<\/p>\n<p>Nancy Karetak ist Nunavuts erste und einzige Abgeordnete im nationalen Parlament in Ottawa. Als sie vor rund zehn Jahren gew\u00e4hlt wurde, hatte sie keine Ahnung, worauf sie sich da einlie\u00df. Nunavut, das 1999 ein selbst\u00e4ndiges Territorium wurde, ist der gr\u00f6\u00dfte geographische Wahlkreis auf dem amerikanischen Kontinent. Karetak brauchte drei Jahre, um jede ihrer 25 Gemeinden zu besuchen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-70\" title=\"Karetak\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Karetak.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\"><\/p>\n<p>In dieser arktischen Gegend k\u00f6nnen bis zu f\u00fcnfzig Minusgrade herrschen, und in den Wintermonaten verschwindet das Tageslicht ganz. Nancy Karetaks Terminkalender k\u00f6nnte den st\u00e4rksten Menschen zu Fall bringen: W\u00e4hrend der Woche arbeitet sie bis sp\u00e4t abends im Parlament und in Sitzungen. Dann reist die liberale Politikerin aus Arviat, deren Eltern noch im Iglu aufwuchsen, w\u00e4hrend zwei von drei Wochenenden in Nunavut herum. Der Hauptort Iqualuit ist drei Flugstunden von Ottawa entfernt. Von dort geht es weiter mit Kleinflugzeugen &#8211; falls das Wetter mitspielt. Manchmal muss Frau Karetak wegen eines Schneesturms oder Nebels unverrichteter Dinge zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Nur jedes dritte Wochenende ruht sich die 50-j\u00e4hrige Politikerin aus. &#8220;Jetzt bin ich total ersch\u00f6pft&#8221;, sagt sie.<\/p>\n<p>Ihr Mann starb kurz nach ihrer Wahl an einem Herzinfarkt. Sie musste ihre vier S\u00f6hne allein aufziehen. In Ottawa sch\u00fcchterten sie anf\u00e4nglich all die Anw\u00e4lte und \u00c4rzte im Parlament ein, aber sie war die einzige Frau im Eishockey-Team der Abgeordneten. Als neuer Politikerin war es ihr zuerst darum gegangen, den Inuit &#8211; so hei\u00dfen die Eskimos in Kanada &#8211; ihre T\u00e4tigkeit in Ottawa zu erkl\u00e4ren. In einem Territorium, in dem viele Leute weder Bankkonto noch Pass besitzen, war das nicht einfach. Die Inuit sind zum Gl\u00fcck freundliche W\u00e4hler. &#8220;Sie beschweren sich nicht so schnell&#8221;, sagt Karetak.<\/p>\n<p>Aber als es um die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kanada ging, sp\u00fcrte sie den Widerstand der Inuit, in deren Leben die Religion eine gro\u00dfe Rolle spielt. Nancy Karetak stimmte trotzdem f\u00fcr das neue Gesetz: &#8220;Ich habe Diskriminierung am eigenen Leib erlebt&#8221;, sagt sie, &#8220;ich wollte nicht andere Menschen diskriminieren.&#8221; Sie will ihren W\u00e4hlern vor allem eines klarmachen: dass sie dieselben Rechte wie alle Kanadier besitzen. Vor wenigen Jahren h\u00e4tten stets andere Leute \u00fcber die Inuit entschieden. &#8220;Heute haben wir unsere eigenen Polizisten und Lehrer, Manager und Krankenschwestern. Niemand hatte geglaubt, dass wir diese Stellen selber besetzen k\u00f6nnten&#8221;, sagt sie. Ihre Eltern, ein Polizist und eine Pfarrerin, wuchsen noch ohne Geldw\u00e4hrung in Nunavut auf. Die Inuit tauschten damals Fuchspelze und Robbenfelle auf dem Handelsposten der Hudson`s Bay Company gegen Zucker oder Mehl.<\/p>\n<p>Es war auch die Zeit, als Inuit-Familien durch staatliche Eingriffe auseinander gerissen wurden. Nancy Karetak wurde in eine staatliche Internatsschule gebracht. Sie sah ihre Familie nur w\u00e4hrend der zwei Sommermonate. Ihr Bruder starb vor drei\u00dfig Jahren an Krebs in einem Krankenhaus der Stadt Winnipeg, aber niemand benachrichtigte die Familie. Erst k\u00fcrzlich fand Nancy Karetak sein Grab in der Fremde, 1600 Kilometer vom Heimatdorf entfernt. &#8220;Jede Familie hat solche schrecklichen Geschichten&#8221;, sagt die Politikerin. Aber sie ist beeindruckt, wieviel die Inuit \u00fcberlebt haben, &#8220;was f\u00fcr hilfsbereite, gro\u00dfz\u00fcgige, starke Menschen das sind.&#8221; Die n\u00e4chste Wahl findet dennoch ohne Nancy Karetak-Lindell statt. Denn sie will nur noch eines: Ausruhen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in der S\u00fcddeutschen Zeitung am 19. Februar 2008 Photos: Karetak Die kanadische Abgeordnete Nancy Karetak-Lindell kann nicht mehr. Sie ist vom vielen Reisen v\u00f6llig ausgelaugt. Neben ihrem anstrengenden Flugprogramm sehen die Auslandsbesuche von Regierungschefs wie Schulausfl\u00fcge aus. 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