{"id":261,"date":"2006-09-30T15:22:49","date_gmt":"2006-09-30T22:22:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=77"},"modified":"2019-02-05T19:40:12","modified_gmt":"2019-02-06T03:40:12","slug":"beaver-cracks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/beaver-cracks\/","title":{"rendered":"Beaver-Cracks"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen in der NZZ Zeitbilder am 30. September 2006<\/em><\/p>\n<p><em>Fotos Elaine Briere, Vancouver<\/em> , <a href=\"http:\/\/www.elainebriere.ca\/\" target=\"_blank\">www.elainebriere.ca<\/a><\/p>\n<p>Vom Alltag der Busch-Piloten an der K\u00fcste von British Columbia.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-261\" title=\"Port Simpson 13 b\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Port-Simpson-13-b-300x197.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"197\"><\/p>\n<p>Sieht nach einem ruhigen Tag aus, sagt Chefpilot Carl Benson. Da kommt der Anruf. Das Wasserflugzeug wird schnell vollgetankt. Wenig sp\u00e4ter betreten zwei unauff\u00e4llige M\u00e4nner das B\u00fcro der Inland Air in Prince Rupert. Es sind Undercover-Agenten des kanadischen Fischereiministeriums. Beamte in geheimer Mission. Sie machen Jagd auf illegale Fischer an der Nordwestk\u00fcste Kanadas, auf Wilderer, die gesch\u00fctzte Abalone-Seeschnecken aus dem Pazifik holen und das Pfund auf dem Schwarzmarkt f\u00fcr 80 Dollar verkaufen. Von der Luft aus, sagt einer der M\u00e4nner, sehen die verd\u00e4chtigen Boote aus &#8220;wie Giraffen in New York&#8221;. Aber das Wasserflugzeug darf nicht auffallen, darf kein Misstrauen erregen. Daf\u00fcr braucht es einen erfahrenen Buschpiloten. Minuten sp\u00e4ter tuckert Carl Benson mit der DHC-2-Beaver aus der Bucht von Seal Cove hinaus und hebt r\u00f6hrend ab.<\/p>\n<p>Bruce MacDonald, Eigent\u00fcmer der Inland Air, braungebrannt und drahtig, pr\u00fcft die Flugpl\u00e4ne. Alle Piloten, Dave, Garry, Carl, sind jetzt mit Wasserflugzeugen in der Luft. Erfahrene Leute, Bruce kennt sie gut, er kann nur hervorragende Piloten brauchen. Denn da drau\u00dfen, an der n\u00f6rdlichen K\u00fcste British Columbias, ist alles m\u00f6glich. Da kann das Wetter \u00e4ndern in drei Wimpernschl\u00e4gen. Wer nicht blitzschnell das Richtige tut, wenn pl\u00f6tzlich Nebelw\u00e4nde auftauchen, die blind machen, wenn Winde ihre St\u00e4rke im Nu verdoppeln und die Maschine tanzen lassen, wer da nicht rechtzeitig einen Fluchtweg findet, der sitzt in der Todesfalle. Das unberechenbare Wetter macht diese Gegend, sagt Bruce, f\u00fcr einen Buschpiloten zu einer der schwierigsten \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Aber die Menschen hier k\u00f6nnen ohne Wasserflugzeug nicht leben, die Bewohner isolierter D\u00f6rfer auf Inseln weit draussen im Ozean, die Wasserbiologen, Gesundheitsbeamten, Kraftwerkingenieure, Strassenarbeiter, Holzf\u00e4ller und Sportfischer, Sch\u00fcler auf dem Weg in die Stadt, Gro\u00dfm\u00fctter mit ihren Enkeln, Patienten auf Arztbesuch. Und so fliegen sie alle im blinden Vertrauen auf das K\u00f6nnen der Piloten. &#8220;Wir d\u00fcrfen uns keinen einzigen Unfall leisten&#8221;, sagt Bruce.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-259\" title=\"Bruce.b-1\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Bruce.b-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\"><\/p>\n<p>Er st\u00f6sst mit dem Finger auf die Landkarte an der Wand, st\u00f6sst in das Gewirr von Fjorden und Inseln, immer wieder. Da und da und da. An diesen f\u00fcnf Stellen st\u00fcrzten Freunde von ihm ab. Alle tot. Auf dem Wasser ertrinken die Opfer meistens im umgekippten Wrack, sagt Bruce. Sind desorientiert vom Aufprall, finden den Ausgang nicht. Inland Air gibt es seit 26 Jahren, und noch nie ist jemand umgekommen.<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;Buschpiloten sind Primadonnen. Wir haben grosse Egos. Wir wissen, dass wir gut sind, aber wir prahlen nicht.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Bruce MacDonald (54), fliegt seit 35 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Der Pilot Dave Norman blickt \u00fcber den Wasserflughafen von Seal Cove. Weisskopfadler kreisen. Daves Blick erstarrt. Er hat etwas auf dem Landesteg ersp\u00e4ht, neben den vert\u00e4uten Flugzeugen. Er st\u00fcrmt ins Geb\u00e4ude der Inland Air, kehrt mit einem Feldstecher wieder, \u00e4ugt angestrengt durch die Gl\u00e4ser. Er beobachtet weder gef\u00e4hrliche Wirbel im Wasser. Auch keine aufziehende Wetterfront. Dave mustert einen Piloten der Konkurrenzfirma North Pacific Seaplanes   &#8211; im offiziellen Fliegeranzug. Inland Air und North Pacific operieren von derselben Bucht aus. Dave l\u00e4sst den Feldstecher sinken. &#8220;Es ist nicht zu fassen&#8221;, sagt er. &#8220;Dale tr\u00e4gt einen Smoking.&#8221;<\/p>\n<p>Was ein echter Buschpilot ist, kost\u00fcmiert sich nicht. In Blue Jeans, breiten Hosentr\u00e4gern und gestreiftem T-Shirt stapft Dave zum Wasser hinunter. Manchmal, sagt er, laufen die Passagiere an ihm vorbei, wenn er vor seinem Wasserflugzeug steht, und suchen den Piloten, &#8220;sicher einen gro\u00dfen, blonden, sch\u00f6nen Mann in Uniform&#8221;. Aber wenn Dave mit der DHC-2-Beaver dr\u00f6hnend in den Himmel steigt, l\u00e4sst er alle sehen, wer der K\u00f6nig der L\u00fcfte ist. Wie heute, an einem sonnigen, klaren, f\u00fcr Prince Rupert h\u00f6chst untypischen Flugtag. Dave ist trotzdem auf der Hut. Man kann in Sekunden von der Sonne in den Nebel verschwinden. Das w\u00e4re das Ende, denn die Piloten fliegen nach VFR &#8211; nach den Sichtflugregeln: Der Pilot hat nur seine Augen und das, was er sieht. Dave zieht Hebel hoch, dreht Kn\u00f6pfe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-264\" title=\"Bush pilot series. Pilot Dave Norman, Prince Rupert\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Dave-Norman-1-copy-300x198.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"198\"><\/p>\n<p>&#8220;Hier ist das Fliegen wie eine mathematische Gleichung mit f\u00fcnfzehn Unbekannten&#8221;, sagt er. Alles muss er st\u00e4ndig im Kopf haben, Geschwindigkeit, Wetter, Druckverh\u00e4ltnisse, Treibstoffreserven, Temperaturen, Sicht, andere Flugzeuge, Luftstr\u00f6mungen, die eigene Verfassung, Ebbe und Flut &#8211; eine Stimme im Kopfh\u00f6rer unterbricht ihn. Er grinst. &#8220;Die sagen mir, aus welcher Richtung der Wind kommt. Als ob ich das nicht sehen k\u00f6nnte, ich brauche ja nur auf die Wellen zu schauen.&#8221;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-79\" title=\"Aerial04\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Aerial04.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\"><\/p>\n<p>Von jetzt an ist er allein. Kein Radar, kein Kontrollturm. Nur ein kleiner Bildschirm vor ihm: das GPS, das ihm die Position der Maschine anzeigt. Aber, sagt Dave, nichts ersetzt das Urteilsverm\u00f6gen des Piloten. Daves Arbeitgeber, die kleine Charter-Fluggesellschaft Inland Air, w\u00fcrde keinen einstellen, der nicht mindestens 2000 Flugstunden mit Wasserflugzeugen auf dem Buckel hat &#8211; noch besser, er h\u00e4tte 6000 Flugstunden. Aber solche Profis gibt es immer weniger. Die Piloten der Inland Air sind alle \u00e4lter als 50. Junge Leute k\u00f6nnen nicht gen\u00fcgend Erfahrung vorweisen. Sie schliessen ihre Ausbildung mit rund 200 Flugstunden ab, zu wenig f\u00fcr einen Job an der Westk\u00fcste. Aber ohne Stelle k\u00f6nnen sie sich keine Erfahrung zulegen &#8211; ein Teufelskreis. Weil sie keine Zukunft in der Branche sehen, weichen junge Leute auf andere Berufe aus. Die Konsequenz, sagt Dave: &#8220;Diese \u00c4ra der Fliegerei geht dem Ende zu.&#8221;<\/p>\n<p>In seiner Beaver sind nur drei der sieben Sitzpl\u00e4tze besetzt, Passagiere, die Grizzlyb\u00e4ren im gesch\u00fctzten Khutzeymateen-Tal beobachten wollen. Das kaum belastete Flugzeug segelt wie auf Adlerschwingen durch die L\u00fcfte.<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;In zehn Minuten kannst du dich verirren, denn die Berge schauen alle gleich aus, nichts, woran man sich orientieren kann, keine Strassen, keine H\u00e4user, keine Menschen.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ken Cote (56) fliegt seit 35 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Dave h\u00e4lt auf das schneebedeckte K\u00fcstengebirge zu. Gleitet schroff abfallenden Granitw\u00e4nden entlang. Kleine Bergseen funkeln in der Sonne, die Reste von Gletschern schimmern bl\u00e4ulich. Dave schaut nach hinten: Er sieht es auf den Gesichtern der Passagiere, das Staunen \u00fcber die gewaltige Sch\u00f6nheit, die Ergriffenheit &#8211; und das nerv\u00f6se Zucken. Eine winzige Flugmaschine in der Unendlichkeit. Nichts als Luft zwischen einem bisschen Aluminium und der Tiefe. Dave l\u00e4sst die Beaver vom Wind an der Felswand hochtragen. Einen Moment lang sieht es so aus, als w\u00fcrde sie die Bergflanken schrammen. Aber der Aufwind hebt den Flieger elegant \u00fcber den Grat, dann dreht der Pilot die Metallnase nach unten. Er br\u00fcllt &#8220;Wir kippen jetzt r\u00fcber&#8221;, und die Beaver taucht in den Abgrund.<\/p>\n<p>Der h\u00fcpfende Magen hat kaum Zeit, sich zu beruhigen, da zeigt Dave auf weisse Bergziegen auf den Felsen. &#8220;Hier bin ich fr\u00fcher auf die Jagd gegangen, ich dachte, ich h\u00e4tte alle ausgerottet.&#8221;<\/p>\n<p>Zehn Minuten sp\u00e4ter setzt er zum Sinkflug auf den Meeresarm im Khutzeymateen-Tal an. Er konzentriert sich. Schwatzt nicht mehr. Die Wasserung ist der heikelste Moment des Fluges. T\u00f6dliche Gefahren lauern. Ein unter der Oberfl\u00e4che schwimmender Baumstamm. Schlimmer noch: ein Wal, der pl\u00f6tzlich in der Landeschneise auftaucht. Ein Adler, der auf die Windschutzscheibe knallt. Eine Untiefe im Wasser. Eine Sandbank darunter, ein unsichtbarer Fels. Die Wellen zu hoch. Oder eine glatte Oberfl\u00e4che, glasig wie ein schwarzer Spiegel, eine Fata Morgana, auf die man prallt, weil sich die Distanz nicht absch\u00e4tzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-80\" title=\"Aerial02\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Aerial02.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"198\"><\/p>\n<p>Dave zieht eine Erkundungsschlaufe, sucht die Oberfl\u00e4che genau ab. Dann setzt er die Schwimmer so sachte aufs Wasser wie ein Konditor Schlagrahm auf die Torte. Die Maschine gleitet an eine behelfsm\u00e4ssige Plattform heran, wo bereits Garry MacAuley seine Beaver angebunden hat.<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;Buschpiloten sind nicht mehr die Cowboys von einst. Fr\u00fcher ging man gr\u00f6ssere Risiken ein. Heute kehren wir \u00f6fters um, wenn das Wetter nicht sicher ist.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Carl Benson (57) fliegt seit 38 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Garrys Flugg\u00e4ste strahlen, sie haben sechs Grizzlys gez\u00e4hlt, auch Garry strahlt, aber er beobachtet unentwegt die Windst\u00e4rke. 15 Knoten, das ist f\u00fcr den Start im Khutzeymateen immer noch machbar. Bei 25 Knoten m\u00fcsste er mit der Beaver weiter aus dem Meeresarm hinaustuckern &#8211; taxi out nennen es die Piloten -, wo der Wind schw\u00e4cher ist.<\/p>\n<p>&#8220;Es war ein bisschen wirblig&#8221;, berichtet er Carl Benson sp\u00e4ter im B\u00fcro der Inland Air. Carl, der an diesem Tag die Flugpl\u00e4ne \u00fcberwacht, informiert ihn \u00fcber den n\u00e4chsten Auftrag: Ein Flug \u00fcber die f\u00fcr ihre St\u00fcrme ber\u00fcchtigte Hecate-Meeresstrasse nach New Masset auf den Queen-Charlotte-Inseln. Distanz rund 130 Kilometer oder 45 Minuten. Sechs Hobbyfischer warten dort mit vakuumverpackten Lachsen. Die Angler ahnen nicht, dass sie von einem ehemaligen evangelischen Pastor zur\u00fcckgeflogen werden. Garry liebt die N\u00e4he zum Himmel. Fr\u00fcher flog er auf den Fidji-Inseln Prominente wie den Ex-Beatle Ringo Starr. Er lebte auch in Neuseeland, Japan, Mexiko und Argentinien, aber die Gegend um Prince Rupert, sagt er, \u00fcbertrifft alles. Winde von 100 Stundenkilometern im Winter. J\u00e4he Wetterumschl\u00e4ge. Peitschender Regen, der auf die Maschine h\u00e4mmert. Das Husten des gequ\u00e4lten Motors, wenn die Beaver im Sturm auf und ab h\u00fcpft. Nebel, wenn das kalte Gletscherwasser aus dem Portland Inlet auf die w\u00e4rmere Luft vom Pazifik trifft. Nebel, dick wie Isolierwatte. Immer bereit sein f\u00fcr b\u00f6se \u00dcberraschungen. Adrenalin im Blut.<\/p>\n<p>Er l\u00e4uft zum Landungssteg hinunter, um den Motor der Beaver aufzuw\u00e4rmen. Ein Leben in Bewegung. &#8220;Ein ziemlich einsames Leben ist das&#8221;, sagt er. Garry ist Junggeselle, &#8220;ein Einzelg\u00e4nger&#8221;.<\/p>\n<p>Vor dem Inland-Air-Geb\u00e4ude f\u00e4hrt ein schwarzer Wagen vor, eilig entsteigt ein Mann in roter Jacke. Ein Arzt. Auf einem der Kreuzfahrtschiffe, das von Seattle nach Alaska unterwegs ist, gab es einen Notfall. Der Arzt musste den Patienten ins n\u00e4chste Krankenhaus begleiten, nach Prince Rupert. Jetzt will er den Luxuskreuzer in Ketchikan, Alaska, wieder einholen. Schnell bereiten die Leute von Inland Air die Dokumente f\u00fcr den Flug in die USA vor.<\/p>\n<p>Papierkram. Papierkram. Papierkram.<\/p>\n<p>Bruce MacDonald tigert zwischen B\u00fcro und Empfang hin und her. Er sucht Versicherungsdokumente. Seit Bruce im Mai Inland Air als Eigent\u00fcmer \u00fcbernommen hat, lastet die Verantwortung auf seinen Schultern. &#8220;Ich habe gerade eine Rechnung der Versicherung f\u00fcr drei Monate erhalten&#8221;, sagt er: &#8220;28000 Dollar.&#8221; Dazu 10000 Dollar Steuern f\u00fcr die Firmengeb\u00e4ude. Wie soll da eine kleine Fluggesellschaft \u00fcberleben&#8221;<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;In K\u00fcstengebieten sind Buschpiloten eine gef\u00e4hrdete Spezies.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Dale Leekie (58), fliegt seit 38 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Bruce tritt ins Freie, z\u00fcndet eine Zigarette an, st\u00f6\u00dft den Rauch in die Luft. Reflektiert, wie sich die Branche in den vergangenen Jahren dramatisch ver\u00e4ndert hat. Wie die Piloten fr\u00fcher eine Todesspur hinterliessen. Dave sitzt vor dem Eingang und f\u00fcttert sich und einen Hund mit Krabbenfleisch. &#8220;Es ging doch nur darum, es den andern Piloten zu zeigen&#8221;, sagt er und knackt den roten Panzer mit blossen H\u00e4nden. &#8220;Man wollte st\u00e4ndig die Konkurrenz \u00fcbertreffen.&#8221;<\/p>\n<p>Als junger Mann flog Bruce in der Arktis, lernte das Handwerk von der alten Garde der Pioniere, die Stiefel, Daunenjacke und ein Messer an der H\u00fcfte trugen. Damals f\u00fchrte er auf seinen Fl\u00fcgen stets einen Schlafsack, eine Flasche Whisky und ein Gewehr mit &#8211; f\u00fcr alle F\u00e4lle. Einmal zwang ihn ein Motorschaden zur Landung mitten in der arktischen Tundra, den Barren Lands. Vier Tage blieb er da gestrandet, bis ein Air-Canada-Pilot, der \u00fcber den Nordpol Richtung London flog, sein Notsignal abfing. Viele Piloten kamen nicht so glimpflich davon. Als sich die Abst\u00fcrze von Buschflugzeugen h\u00e4uften, griff die kanadische Regierung ein: In den fr\u00fchen achtziger Jahren traten neue Sicherheitsvorschriften in Kraft. Mit der berauschenden, aber gef\u00e4hrlichen Freiheit der Flugpioniere war es vorbei.<\/p>\n<p>Bruce sucht den Hangar auf, wo der Ingenieur Joe Hidber, dessen Vater aus dem schweizerischen Mels nach Kanada einwanderte, eine Beaver \u00fcberpr\u00fcft. Alle hundert Flugstunden werden die Maschinen aus dem Wasser geholt und auf Sch\u00e4den untersucht. Die Beaver ist ein Mythos in Kanadas Geschichte &#8211; und ein Fossil. Sie wird seit 1967 nicht mehr hergestellt. Von 1692 einst produzierten Beaver werden heute aber immer noch an die 1000 Maschinen geflogen. Es gibt keinen Ersatz f\u00fcr sie. Die Piloten lieben die Beaver heiss. Aber die Lebenszeit dieser Maschine neigt sich dem Ende zu. Vielleicht bleiben ihr noch zehn, f\u00fcnfzehn Jahre. Letzthin, sagt Joe Hidber, reparierte er eine Beaver des Jahrgangs 1948, genau so alt wie er.<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;Ein Pilot muss dem\u00fctig sein. Wenn du denkst, dass du mit allem davonkommst, geh\u00f6rst du nicht in ein Wasserflugzeug.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Dave Norman (55), fliegt seit 28 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Dale Leekie ist f\u00fcr North Pacific nach Hartley Bay unterwegs. Er will mit seiner Beaver an H\u00f6he gewinnen. &#8220;Wir haben eine Inversion&#8221;, sagt er. Die felsigen Berge, die er gerade \u00fcberfliegt, strahlen nach mehreren Sonnentagen W\u00e4rme ab. Die warme Luft steigt nach oben, das kann zu Turbulenzen f\u00fchren. Die Krankenschwester Faith Turner schiebt sich den Kopfh\u00f6rer \u00fcbers ergraute Haar. &#8220;Wenn ich einen Patienten mit Lungenproblemen h\u00e4tte, der keinen Druck vertr\u00e4gt&#8221;, fragt sie Dale, &#8220;k\u00f6nnten Sie dann auch tiefer fliegen?&#8221;<\/p>\n<p>Faith hat sich schon oft diesen kleinen Flugzeugen anvertraut, als Kind in der Arktis, wo ihr Vater, ein Engl\u00e4nder, Missionar war, und sp\u00e4ter als Krankenschwester in den entlegensten Gegenden Kanadas. Wenn sie eine schwangere Frau ins Krankenhaus begleitete, musste sie den Piloten bitten, m\u00f6glichst immer auf derselben H\u00f6he zu fliegen, denn ein st\u00e4ndiges Auf und Ab beschleunigt die Wehen. Faith arbeitet als Urlaubsvertretung auf der Krankenstation von Hartley Bay: 167 Einwohner, 45 Flugminuten von Prince Rupert entfernt, ein Dorf der Tsimshian-Indianer, die diese Gegend schon seit 5000 Jahren bewohnen. Hier gibt es keine Stra\u00dfe, keinen Arzt, keine L\u00e4den. &#8220;Und hoffentlich keinen entz\u00fcndeten Blinddarm&#8221;, sagt Faith und schaut auf den glitzernden Ozean unter ihr.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-81\" title=\"Aerial01\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Aerial01.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"197\"><\/p>\n<p>Sie bringt Lebensmittel f\u00fcr zwei Wochen mit. Und die Warnung einer anderen Krankenschwester, die ihr erz\u00e4hlte, der Flug nach Hartley Bay sei ihr schlimmster gewesen: eine aufgew\u00fchlte See und f\u00fcrchterliche Turbulenzen.<\/p>\n<p>Dale nickt. Hohe Wogen rollen oft in die Bucht hinein und machten die Landung schwierig. Vor dem Flug hat er sich am Computer das Wetter in Hartley Bay angeschaut, das ihm eine im Schulhaus installierte Internetkamera \u00fcbermittelte. Die Sicht war gut.<\/p>\n<p>Dale ist kein Draufg\u00e4nger. Sein Vater, ein Hobbypilot, war bei einem Absturz umgekommen, als Dale noch ein Teenager war. &#8220;Ich mag es, wenn der Flug so ruhig ist, dass sich die Leute nachher nichts zu erz\u00e4hlen haben&#8221;, sagt er. Sein Wunsch geht nicht ganz in Erf\u00fcllung: Nach einer sanften Landung f\u00e4llt einer Passagierin beim Aussteigen das Handy ins Wasser.<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;Ich habe nur ganz wenige weibliche Buschpiloten getroffen. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass sich Frauen um die Familie k\u00fcmmern m\u00fcssen.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Virginia McRae, arbeitet seit 20 Jahren als Telefonistin im Geb\u00e4ude der Inland Air<\/em><\/p>\n<p>Port Simpson. Es ist die Stille, die sofort auff\u00e4llt. Eine Stille, die reibt. Kein Kindergeschrei, kein H\u00e4mmern aus einem Handwerksbetrieb, nur die spitzen Schreie von Adlern, die sich von den Hausd\u00e4chern absto\u00dfen und \u00fcber dem Ozean entschwinden. Schon l\u00e4ngst steht das alte Fort der m\u00e4chtigen Handelsgesellschaft Hudson`s Bay Company nicht mehr in der Bucht, die \u00dcberreste brannten 1915 ab. Stillgelegt ist die Fischfabrik am Ufer, menschenleer die staubige Strasse, die nirgendwohin f\u00fchrt. Lax Kw`alaams, &#8220;Roseninsel&#8221;, nennen die Indianer ihr Dorf.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-262\" title=\"Port Simpson 2 copy\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/Port-Simpson-2-copy-300x202.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\"><\/p>\n<p>Draussen auf dem Pazifik erkennt man kleine Punkte &#8211; Boote von Fischern, die ihre Netze auswerfen, weil die Regierung die Fischerei gerade f\u00fcr ein paar Stunden freigegeben hat. Zu wenig, um davon zu leben. Pl\u00f6tzlich ein Brummen. North-Pacific-Flug 101. Die Verbindung zur Aussenwelt. Eine 15 Minuten lange Nabelschnur. Dreimal t\u00e4glich landen Wasserflugzeuge in Port Simpson &#8211; f\u00fcr gerade 1000 Einwohner. Manchmal bleiben die Fl\u00fcge aus, wie die Woche zuvor, als sich der Nebel wie ein Sargdeckel \u00fcber den Pazifik gelegt hatte. Gillie Sankey klettert vorsichtig aus der DHC-3 Turbo-Otter. Trotz ihres hohen Alters kauft die Indianerin zweimal monatlich in Prince Rupert ein, denn der Laden von Port Simpson ist viel zu klein. &#8220;Wir haben B\u00e4ren im Dorf, deshalb sieht man keine Leute auf der Strasse&#8221;, sagt sie, w\u00e4hrend der Pilot die Fracht ausl\u00e4dt. Bob Bernhardt, ein Fachmann f\u00fcr Ungezieferbek\u00e4mpfung, l\u00e4sst sich davon nicht abschrecken, denn er kommt jeden Monat hierher. Heute muss er die H\u00e4user der weissen Lehrer sprayen. Mit zwei eingeflogenen Elektrikern l\u00e4uft er zum B\u00fcro des \u00f6rtlichen Stammes hoch.<\/p>\n<p>In Seal Cove blickt Gene Story, Besitzer von North Pacific Seaplanes, aus dem Fenster. Er m\u00f6chte optimistisch sein, aber die Zukunft macht ihm Sorgen. &#8220;Die jungen Indianer ziehen in die St\u00e4dte, Familien bleiben weg. Die Bev\u00f6lkerung im Norden von British Columbia nimmt immer mehr ab.&#8221; Vor zehn Jahren lagen in Seal Cove zwei Dutzend Wasserflugzeuge vert\u00e4ut, jetzt sind es noch zehn. Damals buchten die Fischerei- und Holzunternehmen st\u00e4ndig Fl\u00fcge, heute geht es ihnen schlecht. Dazu, sagt Story, werden Strassen zu entlegenen D\u00f6rfern gebaut. Und Helikopter nehmen den Wasserflugzeugen immer mehr das Gesch\u00e4ft weg.<\/p>\n<p>Auf der andern Seite der Bucht startet eine Beaver. Bruce MacDonald fliegt zu einem einsamen Bergsee hoch. An solche Orte will er k\u00fcnftig Abenteuer-Touristen hinf\u00fchren. Man muss sich etwas einfallen lassen, sagt er. Lieber ein paar zufriedene Urlauber hinfliegen als schlechtgelaunte Holzf\u00e4ller.<\/p>\n<p>Dave Norman sitzt in der K\u00fcche der Inland Air vor dem Bildschirm. Er studiert die Wetterkarte. Ein Flug nach New Masset steht an. &#8220;Alles zu. Starker Nebel. Ich weiss nicht, ob ich da rausfliegen will&#8221;, sagt er. Dann dehnt er seinen breiten R\u00fccken. &#8220;Es scheint, dass immer ich gerufen werde, wenn es um einen schwierigen Job geht.&#8221; Genugtuung trieft aus seiner Stimme. So etwas kriegt kein grosser sch\u00f6ner Blonder in Uniform hin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in der NZZ Zeitbilder am 30. September 2006 Fotos Elaine Briere, Vancouver , www.elainebriere.ca Vom Alltag der Busch-Piloten an der K\u00fcste von British Columbia. Sieht nach einem ruhigen Tag aus, sagt Chefpilot Carl Benson. Da kommt der Anruf. Das Wasserflugzeug wird schnell vollgetankt. Wenig sp\u00e4ter betreten zwei unauff\u00e4llige M\u00e4nner <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/beaver-cracks\/\">   Lesen Sie weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-publikationen"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=261"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1911,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/261\/revisions\/1911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}