{"id":262,"date":"2004-09-18T15:50:28","date_gmt":"2004-09-18T22:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=103"},"modified":"2019-02-05T19:51:56","modified_gmt":"2019-02-06T03:51:56","slug":"baume-pflanzen-am-archie-creek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/baume-pflanzen-am-archie-creek\/","title":{"rendered":"B\u00e4ume pflanzen am Archie Creek"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung am 18. September 2004<\/em><\/p>\n<p><em>Photos: Christopher Grabowski<\/em><\/p>\n<p>Nur nicht aufwachen und erkennen, dass der Alptraum wieder beginnt.<\/p>\n<p>Die Hitze. Die Blutsauger. Die entz\u00fcndeten Gelenke. Schmerzen \u00fcberall. Zehn Stunden M\u00fchsal, Monotonie, Misere. Zehn Stunden Kampf mit sich selber. Bis zur Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Nur nicht aufwachen und wissen, dass der Schlaf nicht ausreicht, den gemarterten K\u00f6rper zu bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-104\" title=\"F001\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F001.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"206\"><\/p>\n<p>Halb f\u00fcnf Uhr morgens im Zeltlager am Archie Creek, einem Fl\u00fcsschen im Norden der kanadischen Provinz British Columbia. Noch ist alles ruhig. So still, dass man den Specht klopfen h\u00f6rt. Daneben das leise Rauschen des Wassers unter der Br\u00fccke. Noch schlafen die jungen Leute, die an diesem dr\u00fcckend heissen Sommertag Zehntausende von B\u00e4umen in Kanadas Wildnis pflanzen werden. Ihre bunten Zelte schimmern wie gigantische Blumen im Geb\u00fcsch. Zerbeulte Wohnwagen s\u00e4umen die stillgelegte Forststrasse. Im Schotterdreck das Strandgut des Vorabends: Gummistiefel, Bierflaschen, ein blauer Pullover.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich setzt der Generator ein, dr\u00f6hnt umbarmherzig. Aus dem K\u00fcchenzelt dringt Klappern und Musik. Nun erscheinen von \u00fcberall her vermummte Gestalten in zerfetzten Gew\u00e4ndern, Rucksack an der Schulter und Wasserkanister in der Hand. Eine junge blonde Frau schleppt sich verschlafen zum Wasserschlauch. &#8220;Ich h\u00f6re auf&#8221;, verk\u00fcndet sie. Niemand h\u00f6rt hin, es ist der meistgeh\u00f6rte Satz am Archie Creek.<\/p>\n<p>&#8220;Ich habe genug&#8221;, wiederholt Natalie Mathis st\u00f6rrisch. Ihre Schweizer Vorfahren stammen aus K\u00fcblis.<\/p>\n<p>Sie hat genug vom Aufstehen um f\u00fcnf Uhr, vom Baumpflanzen im Akkord. Jeden Tag dieselbe Schinderei. Sie k\u00f6nnte in einer Autostunde in der Holzf\u00e4llerstadt Prince George sein, dort den \u00dcberlandbus nach Hause nehmen, nach Canmore in den Rocky Mountains. 26-j\u00e4hrig ist Natalie, etwas \u00e4lter als die meisten Pflanzer im Lager. Nur die ganz Jungen halten die Plackerei im Busch durch, und die meisten auch nur drei, vier Monate im Jahr. Im Winter arbeitet sie als Kellnerin in einem Skiort. Aber als Baumpflanzerin verdient sie mehr. Viel mehr.<\/p>\n<p>Natalie geht ins K\u00fcchenzelt, wo sich siebzig Leute Tonnen von Kalorien zuf\u00fchren: Schinken, Eier, K\u00e4se, Pfannkuchen, geschmortes Gem\u00fcse, Fr\u00fcchte, M\u00fcesli. Die Zeit eilt. Den Tages-Proviant einpacken, noch eine Zigarette rauchen, seinen Hund suchen, sich im Laufen die Z\u00e4hne putzen, ins Geb\u00fcsch pinkeln, herausfinden, in welchem Gel\u00e4ndefahrzeug man Platz hat. Spaten werden auf den Truck geworfen, dann die S\u00e4cke f\u00fcr die Setzlinge, die Gummistiefel mit den Spikes.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-105\" title=\"F002\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F002.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"207\"><\/p>\n<p>Andy MacArthur treibt die Ewigsp\u00e4ten an. Er ist der Verantwortliche f\u00fcr die Pflanzer am Archie Creek. Fr\u00fcher war er auch einer von ihnen, jetzt hebt er sich ab: Er hat geduscht und tr\u00e4gt Kleider ohne L\u00f6cher. MacArthur ist Manager bei Celtic Reforestation in Prince George, einer der \u00fcber 200 Firmen in Kanada, die abgeholzte W\u00e4lder wieder aufforsten. Sie stehen im Dienste der gro\u00dfen Holzkonzerne, die ihnen die Auftr\u00e4ge geben.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher haben die Unternehmen kolossale Fl\u00e4chen wegrasiert, ohne f\u00fcr den Nach-Wuchs zu sorgen. Aber seit 1987 m\u00fcssen die Holzkonzerne in British Columbia auf eigene Rechnung wieder aufforsten. Forstexperten der Provinzregierung bestimmen, welche Arten von Nadelb\u00e4umen in welchen Gebieten angepflanzt werden, damit es \u00f6kologisch sinnvoll ist. Die Arbeit machen die Baumpflanzer, ein Heer von jungen Leuten, die Jahr f\u00fcr Jahr unter brutalen Bedingungen die Setzlinge in den Boden stampfen. Im Sommer schuften Hunderte von ihnen in der Wildnis um Prince George. In dieser Region ist der Wald der wichtigste Rohstoff: In einem Umkreis von 300 Kilometern um die Stadt wird mehr als ein F\u00fcnftel von Kanadas Bauholz-Produktion erzielt.<\/p>\n<p>6 Uhr 15. Die Motoren der Gel\u00e4nde-wagen fauchen. Die dreckverspritzten Vehikel hasten ruckend \u00fcber Waldstrassen aus steiniger Erde. Jedesmal, wenn die Reifen auf ein Schlagloch treffen, h\u00fcpft die CD von Pink Floyd aus dem Takt. Natalies Gesicht hellt sich auf. Im Wageninnern legt sich ein Gruppengef\u00fchl wie weiche Daunen \u00fcber die rebellierenden Seelen. Jessica Fox sitzt neben ihr, im meergr\u00fcnen \u00e4rmellosen T-Shirt, hauteng und kurz, ein meergr\u00fcner Schal im blonden Haar, ein Lachen wie ein Wasserfall, braune starke Arme. Jessica l\u00e4sst sich auf Vancouver Island zur Krankenschwester ausbilden. Die beiden sind zwei Tage zuvor im Zeltlager angekommen. Das Camp ist ein Reservoir an gutaussehenden athletischen jungen M\u00e4nnern. Zwei Drittel der Baumpflanzer sind Studenten, der Rest vor allem Extremsportler, K\u00fcnstler, Freiheitsliebende, Musiker, Abenteurer. &#8220;Ein Haufen Unangepasste&#8221;, sagt Natalie. Das gef\u00e4llt ihr.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-106\" title=\"F003\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F003.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Die Baumpflanzer vom Archie Creek sind f\u00fcr den kanadischen Canfor-Konzern aus Vancouver unterwegs. Canfor Corp. dominiert die W\u00e4lder um Prince George: Der Konzern beutet dort ein Forstgebiet von der Gr\u00f6sse der Schweiz aus, das ihm aber nicht geh\u00f6rt. In British Columbia sind rund 95 Prozent der W\u00e4lder in Staatsbesitz. Die Holzproduzenten erhalten von der Regierung gegen Geb\u00fchren die Lizenz zum Abholzen. Das missf\u00e4llt den Amerikanern, deren W\u00e4lder mehrheitlich Privateigentum sind. Die US-Regierung behauptet, die Forstwirtschaft Kanadas sei subventioniert, was sie bislang aber nicht hat beweisen k\u00f6nnen. Sie bestraft die Kanadier trotzdem mit massiven Schutzz\u00f6llen auf kanadischen Holzexporten in die USA.<\/p>\n<p>Die Wagenkolonne kommt nach einer Stunde zum Stehen. Einige Pflanzer sind wieder im Schlummer versunken &#8211; trotz Pink Floyd in Konzertlautst\u00e4rke. Ein Helikopter landet mitten auf der Schotterstrasse. Andy MacArthur gibt die Sicherheitsbestimmungen f\u00fcr den Flug durch. Die Pflanzer ducken sich unter den Rotoren.<\/p>\n<p>Oben am Berg werden sie auf dem kahlgeschlagenen Gel\u00e4nde ausgesetzt, springen von einer behelfsm\u00e4ssigen Plattform aus Baumst\u00e4mmen herunter, den Rotorenfl\u00fcgeln ausweichend. Die Rucks\u00e4cke werden ihnen nachgeworfen. Vier Frauen und drei M\u00e4nner sind in der Gruppe des Aufsehers Dan Ouellette. Sie schauen sich das Terrain an und ahnen schon Schlimmes. &#8220;Ignoriert die Hemlock-Tannen&#8221;, erkl\u00e4rt Dan im Pflanzerjargon, &#8220;messt aber Balsam ein, wenn er sch\u00f6n ist wie ein Christbaum. Taucht ein B\u00e4r auf, lasst es die anderen wissen.&#8221;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-107\" title=\"F004\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F004.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Die Aussicht von hier oben ist eine Million Dollar wert: m\u00e4chtige Schneeberge am Horizont, unten windet sich der Strom Fraser durch eine endlose bewaldete Ebene. Weite, Freiheit, Entr\u00fccktheit. Aber die Pflanzer brauchen nur den steilen Hang hoch zu kriechen, um zu verstehen: Dieser Grund ist wie ein Boden mit tausend Fallt\u00fcren. Vor rund zehn Jahren wurde das Gebiet kahlgeschlagen. Die Tr\u00fcmmer, gigantische Wurzelst\u00f6cke, unbrauchbare Holzst\u00e4mme, ausgehobene Str\u00e4ucher und abgebrochene \u00c4ste, hat man einfach zur\u00fcckgelassen. Jetzt ist alles \u00fcberwachsen, mit Blumen, B\u00fcschen, wuchernden Pflanzen, b\u00f6sartigen Gew\u00e4chsen. Devil`s Club zum Beispiel, der Teufelskn\u00fcppel, dessen Stacheln sich durch die Kleider tief ins Fleisch eingraben und Qualen bereiten.<\/p>\n<p>Brian St.Germain schaut um sich. Entsetzen steht in seinem Kindergesicht. Glitschige Baumst\u00e4mme am Boden. Ger\u00f6ll und Dornen, Fangschlingen, verr\u00e4terische Untiefen. Der 20-j\u00e4hrige Kanadier ist einer der &#8220;Rookies&#8221;, ein Anf\u00e4nger. Die h\u00e4ufigen Besuche im Fitness-Club in Prince George haben ihn nicht auf diese Tortur vorbereitet.<\/p>\n<p>Brian hat zwar gelernt zu &#8220;spacen&#8221;, die Setzlinge im richtigen Abstand im Erdboden zu versenken. Er kann in einem Kreis mit einem vorgegebenen Radius von vier Metern acht B\u00e4ume pflanzen, sodass alle gleich weit voneinander entfernt sind. Zwar nicht so schnell wie die anderen in der Gruppe, wie Jessica zum Beispiel, die in der Minute mehrere B\u00e4ume pflanzt. Sie rammt den Spaten in die Erde, weitet mit einer schnellen Bewegung das Loch, w\u00e4hrend sie bereits mit der andern Hand einen Setzling aus dem Sack hinten an ihrer H\u00fcfte holt. B\u00fccken, Wurzel sachte hineinh\u00e4ngen, Erde festklopfen. Und beim Aufrichten des K\u00f6rpers schon die n\u00e4chsten zwei, drei Standorte f\u00fcr die T\u00e4nnchen ausmachen. So verliert man keine kostbare Zeit.<\/p>\n<p>&#8220;30 Cents&#8221;, sagt Dan Ouellette mit seinem franz\u00f6sischen Akzent aus Montreal. Dreissig Cents erhalten die Arbeiter f\u00fcr jeden gepflanzten Baum. Das ist ein Zuschlag f\u00fcr das m\u00f6rderische Terrain. Am Vortag haben die Pflanzer in einem anderen Gel\u00e4nde 21 Cents verdient. Heute ist alles schwieriger: Das Gebiet, 1,5 Kilometer lang mit einem H\u00f6henunterschied von 250 Metern, ist vor sieben Jahren schon einmal aufgeforstet worden. Aber viele Jungtannen haben die langen Winter nicht \u00fcberlebt. Jetzt muss nachgeforstet werden. Erst wenn die Nadelb\u00e4ume unabh\u00e4ngig gedeihen k\u00f6nnen, geht das Gebiet von der Verantwortung des Holzkonzerns wieder in die Obhut der Provinzregierung \u00fcber.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-108\" title=\"F005\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F005.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Brian St.Germain sch\u00fcttelt den Kopf. Er muss jetzt nicht nur pflanzen, sondern auch noch die vor sieben Jahren platzierten Setzlinge unter all dem Gestr\u00fcpp finden, um zu wissen, wo er seine B\u00e4ume anbringen kann. &#8220;Es ist verr\u00fcckt&#8221;, klagt er. Heute wird er nicht viel Geld machen. Brillieren w\u00fcrden hier aber nicht einmal die &#8220;Highballers&#8221;, die Stars unter den Pflanzern, die an manchen Tagen bis zu 2800 B\u00e4ume in den Boden ballern.<\/p>\n<p>Die S\u00e4cke, gef\u00fcllt mit fussgrossen Fichten, h\u00e4ngen um Brians H\u00fcfte. Schulterriemen halten das Gewicht. Etwa 25 Kilogramm schleppt er nun den Hang hoch. Macht ein paar Schritte und f\u00e4llt schon ins Bodenlose.<\/p>\n<p>Dan Ouellette, klein und drahtig, mit schwarzem Lockenkopf und Stirnband, steigt unerm\u00fcdlich durchs Gel\u00e4nde. Ein Pflanzer soll, so heisst es, im Schnitt 16 Kilometer pro Tag zur\u00fccklegen. Ein Aufseher macht wahrscheinlich 24. Dan ist unzufrieden, weil seine Leute die Fl\u00e4che zu dicht bepflanzen. Sie \u00fcbersehen manche der fr\u00fcheren Setzlinge. Mit ge\u00fcbtem Auge entdeckt Dan falsche Abst\u00e4nde zwischen Jungtannen, Setzlinge, deren Wurzeln gebogen statt gerade im Erdloch stecken, ideale Standorte, die von den Pflanzern ignoriert wurden.<\/p>\n<p>Jetzt zeigt er auf einen Baumstrunk. Der speichert W\u00e4rme, eine Heizung f\u00fcr zarte Pfl\u00e4nzchen. &#8220;Vergesst nicht, Leute, das w\u00e4re eine gute Stelle gewesen&#8221;, br\u00fcllt er. &#8220;Amen, Bruder&#8221;, ruft Natalie zur\u00fcck. Wer pfuscht, bereut es schnell. Dann muss man alles herausrupfen, alles neu pflanzen. Verlorene Zeit, verlorenes Geld. Das trifft auch Dan, denn er verdient 15 Prozent dessen, was seine Gruppe erarbeitet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-109\" title=\"F006\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F006.jpg\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Alle sind hier der Geldes wegen. Niemand verhehlt das. Geld, um reisen zu k\u00f6nnen. F\u00fcrs Studium. Um Musik, Kunst zu machen. Um im Rest des Jahres Arbeitslosenunterst\u00fctzung zu beziehen. Daf\u00fcr schuften sie jetzt wie Pferde: Vier Tage Akkord, ein Tag frei, vier Tage Akkord, ein Tag frei.<\/p>\n<p>Die Sonne gl\u00fcht. Dabei hatten die Pflanzer geglaubt, nach dem sintflutartigen Regen in der Woche zuvor das Schlimmste hinter sich zu haben. Schlottern. Klamme Finger. Durchdringende N\u00e4sse. Waten im Morast.<\/p>\n<p>Und jetzt diese unertr\u00e4gliche Hitze.<\/p>\n<p>Jessica Fox torkelt den Berg herunter. Schweiss l\u00e4uft ihr in die Augen, mit ihm der giftige M\u00fcckenspray. Jessica setzt den Wasserkanister an die Lippen, l\u00e4sst sich vollaufen. Die Wasserflasche wartet immer unten, dort, wo die Setzlinge aus Kartonbeh\u00e4ltern in die S\u00e4cke eingef\u00fcllt werden. Noch mehr Gewicht will niemand buckeln. Sobald Jessica stillsteht, wird sie von M\u00fcckenschw\u00e4rmen attackiert. Bremsen, Mosquitos &#8211; und die schlimmsten: &#8220;No-see-ums&#8221;, so winzig, dass man sie nicht sieht, aber sie reissen die Haut auf und das Blut rinnt herunter.<\/p>\n<p>Die K\u00f6rper der Pflanzer sind voller entz\u00fcndeter Schw\u00e4ren, schwarzer Flecken, roter Wunden, Ausschl\u00e4ge und Blasen. &#8220;Ich zeige mich im Badeanzug nur andern Pflanzern&#8221;, gesteht Natalie, die sich zu ihrer Freundin gesellt. Jessica streckt ihren R\u00fccken durch. &#8220;Nach meinem ersten Jahr dachte ich, vergiss es.&#8221; Aber nun ist sie schon f\u00fcnf Jahre dabei, wird immer besser. In einem Kraftakt sattelt sie ihre vollbepackten S\u00e4cke, ein menschliches Maultier, das sich selber antreibt. Beginnt den beschwerlichen Tanz durchs Dickicht. Beim Pflanzen taucht ihr R\u00fccken auf und ab wie eine Walflosse aus dem Ozean.<\/p>\n<p>Michael Ross, ein 25-j\u00e4hriger Student aus der Provinz Quebec, hat nur eine Hand. Ein Geburtsfehler. Er ist trotzdem schneller als viele andere, nach vier Pflanzjahren. &#8220;Das H\u00e4rteste ist, nicht innezuhalten, immer weiterzumachen&#8221;, sagt er.<\/p>\n<p>Nicht aufgeben. Sto\u00dfen, Loch \u00f6ffnen, Setzling greifen, b\u00fccken, festklopfen.<\/p>\n<p>Schritt-Schritt. Stossen. Greifen. B\u00fccken. Klopfen. Schritt-Schritt.<\/p>\n<p>Tausend mal am Tag. Nervt\u00f6tend. Geistt\u00f6tend. Das Handgelenk schmerzt. Der Arm. Die F\u00fc\u00dfe. Das Kreuz. Hitze. M\u00fccken im Ohr, im Mund, in den Augen. 30 Cents. Wie viele B\u00e4ume noch? Dreihundert? Vierhundert? Den Grund lesen. Die Geographie des Bodens. Der n\u00e4chste, b\u00fccken, Schritt-Schritt. Nicht aufgeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-110\" title=\"F007\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F007.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\"><\/p>\n<p>Zwei Pflanzerinnen z\u00fcnden sich w\u00e4hrend einer kurzen Rast ein Haschischpfeifchen an. Die Firma Celtic verbietet es. Aber viele Pflanzer rauchen heimlich &#8220;Pot&#8221;, zwischen den Aufstiegen, am Abend im Lager. Die Pfeifchen verschwinden, als der Aufseher erscheint. Dan Ouellette sieht sich die Umgebung an. &#8220;Das gerodete Waldst\u00fcck hier ist riesig&#8221;, sagt er. &#8220;196 Hektaren. Das ist noch die alte Schule.&#8221; Heute m\u00fcssen die Holzkonzerne dazwischen gro\u00dfe Gebiete f\u00fcr die wilden Tiere unber\u00fchrt lassen. In Kanada wird jedes Jahr rund eine Million Hektar Wald kahlgeschlagen. Hier im Norden, wo der Winter sieben Monate dauert, brauchen die Nadelb\u00e4ume zum Nachwachsen rund 150 Jahre. Im milderen Klima an der S\u00fcdwestk\u00fcste 60 Jahre.<\/p>\n<p>Die Holzindustrie ist ungeduldig. Im Forstlabor der Universit\u00e4t von Prince George wird danach geforscht, was Tannen schneller wachsen l\u00e4sst. Gegr\u00fcndet und finanziert hat das Labor der ehemalige Konzernleiter des Holzproduzenten Slocan. Die Baumpflanzer tragen dazu bei, dass die Industrie eines Tages wieder ernten kann. Mit den T\u00e4nnchen lassen sie einen Teil von sich selber in der Natur zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dan Ouellette erh\u00e4lt einen Ruf \u00fcber Funk: ein Unfall in der anderen Gruppe, die weiter vorne arbeitet. Ein Pflanzer ist auf einem liegenden Baumstamm ausgerutscht, ein abgebrochener Ast hat sich in seine Seite gebohrt.<\/p>\n<p>17 Uhr. Endlich. &#8220;Lasst eure S\u00e4cke und Spaten hier oben&#8221; , ordnet Dan vor dem R\u00fcckflug an. Natalie Mathis will ihre Werkzeuge mitnehmen. Dan wird misstrauisch. &#8220;Gibst du auf?&#8221; Natalie verneint. Ein scharfer Wortwechsel folgt. &#8220;Wenn du aufh\u00f6ren willst, dann sag es gleich&#8221;, fordert der Aufseher. Natalie streitet sich mit ihm, dann gibt sie nach, unwillig.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-111\" title=\"F008\" src=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/F008.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\"><\/p>\n<p>Der Helikopter bringt die ersch\u00f6pften Pflanzer ins Tal. Vor der Abfahrt tr\u00e4gt Andy MacArthur die Tagesergebnisse in eine Liste ein. Jessica hat 700 B\u00e4ume gepflanzt. Das sind rund 200 Franken. Natalie kommt auf 530 St\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Frauen seien oft besser als die M\u00e4nner, sagt Andy MacArthur. Manchmal kommen Machos an, deren Maul noch gr\u00f6\u00dfer ist als die Muskeln, und nach einer Woche machen sie schlapp. F\u00fcr das Pflanzen braucht es auch Geschmeidigkeit. Und vor allem mentale St\u00e4rke.<\/p>\n<p>&#8220;Du kannst ruhig deinen Kopf auf meine Schulter legen&#8221;, sagt Michael Ross im Gel\u00e4ndewagen zur m\u00fcden Frau neben ihm. Minuten sp\u00e4ter schl\u00e4ft er tief.<\/p>\n<p>18.30 Uhr. Zur\u00fcck im Zeltlager gibt es nur einen rohen Trieb: Essen. Kara Ferguson, die seit neun Jahren f\u00fcr Celtic kocht, bemisst dreifache Portionen f\u00fcr alle: Suppe, Braten, Peperoni, Rosenkohl, Randen, Kartoffelp\u00fcree, Salate, Erdbeertorte. Mit t\u00e4towierten Armen schwingt sie schwere Pfannen und Platten vom Herd zur Anrichte. Der Ring in ihrem Bauchnabel zittert.<\/p>\n<p>Kara ist nichts fremd. Sie r\u00e4t Neuank\u00f6mmlingen, im Geb\u00fcsch zu scheissen, die Freiluftklos seien zu garstig. Und warnt: &#8220;Passt auf B\u00e4ren auf, einer war gestern in der N\u00e4he.&#8221; Zu Kara gehen die jungen M\u00e4nner, wenn sie sich die Geschlechtsteile an den um die H\u00fcfte gebundenen Pflanzens\u00e4cken wundgescheuert haben. Sie gibt ihnen feines Maismehl &#8211; zum K\u00fchlen.<\/p>\n<p>Akkord-Pflanzen sei eine sehr emotionale Sache, sagt Kara: &#8220;Es intensiviert alles.&#8221; Das Schwere und das Gute. Romantische Beziehungen entstehen schnell, Sex ist Trost. &#8220;Sie sind wie Karnickel, Mann&#8221;, gluckst Kara. Sie lacht auch, wenn sie nerv\u00f6s ist. Zum \u00dcberspielen. Wie damals, vor zwei Jahren, als Nicole Hoar beim Autostoppen westlich von Prince George spurlos verschwand. Die 25-j\u00e4hrige Studentin hatte bei Celtic als Pflanzerin gearbeitet. Ihre Kameraden waren fassungslos. Kara gestikuliert. &#8220;Ich musste eine Mutter f\u00fcr alle sein.&#8221;<\/p>\n<p>Ein Bild der Vermissten h\u00e4ngt in den R\u00e4umen des Hauptsitzes von Celtic Reforestation in Prince George. Der Inhaber Dave Wilson war fr\u00fcher selber Baumpflanzer, seine Frau ebenso. Es sei ein freies Leben ausserhalb der Institutionen, sagt Dave, 48j\u00e4hrig, ein B\u00e4r von einem Mann. Die Freiheit hat ihren Preis: &#8220;Man kann dieses Arbeitsumfeld nur schwer kontrollieren. Deshalb k\u00f6nnen Ausbeutung und Missbrauch der Pflanzer vorkommen.&#8221; Seine Firma genie\u00dft einen guten Ruf, hat 21 Jahre in einer Branche \u00fcberlebt, in der immer h\u00e4rter um die Auftr\u00e4ge der Holzkonzerne gek\u00e4mpft wird. Manche Konkurrenten erledigen die Arbeit zu Dumpingpreisen &#8211; zulasten der L\u00f6hne der Pflanzer. Firmen wie Celtic und ihre 400 Mitarbeiter h\u00e4ngen von den Forstgiganten ab. &#8220;Wir sind ganz unten am Totempfahl&#8221;, erkl\u00e4rt Dave Wilson.<\/p>\n<p>Aber selbst dort unten ist das Leben manchmal gut. Am Archie Creek st\u00fcrmen die Pflanzer ein paar Autos f\u00fcr eine Spritzfahrt zum nahen See. Die Hitze ertrinkt im kalten Wasser. Das Sch\u00f6ne ist besser als je zuvor. Dieses unbeschreibliche Gef\u00fchl von Sauberkeit nach der Haarw\u00e4sche. Mit andern Pflanzern vor dem K\u00fcchenzelt sitzen, Tequila trinken, Musik h\u00f6ren. Eine Verbundenheit sp\u00fcren, wie es sie nur unter extremen Bedingungen gibt. Stolz sein auf das Geleistete, auf die eigene St\u00e4rke. Vor M\u00fcdigkeit lachen, lachen, lachen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sitzen die Pflanzer niedergeschlagen auf dem Br\u00fcckengel\u00e4nder. Sie k\u00f6nnen nicht losfahren. Der Lastwagen mit den gek\u00fchlten Setzlingen, die von einer Baumschule in Vancouver stammen, ist noch nicht eingetroffen. \u00dcber 200000 T\u00e4nnchen, drei Tage Arbeit. &#8220;Wie kann man uns das nur antun?&#8221; st\u00f6hnt einer.<\/p>\n<p>Stundenlanges Warten. Verlorenes Geld.<br \/>\nNatalie f\u00fcllt ihren Kaffeebecher im K\u00fcchenzelt. &#8220;Nat\u00fcrlich bin ich wieder dabei&#8221;, sagt sie. &#8220;Die brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich bringe den Mist zu Ende&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung am 18. September 2004 Photos: Christopher Grabowski Nur nicht aufwachen und erkennen, dass der Alptraum wieder beginnt. Die Hitze. Die Blutsauger. Die entz\u00fcndeten Gelenke. Schmerzen \u00fcberall. Zehn Stunden M\u00fchsal, Monotonie, Misere. Zehn Stunden Kampf mit sich selber. Bis zur Ersch\u00f6pfung. Nur nicht aufwachen und <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/baume-pflanzen-am-archie-creek\/\">   Lesen Sie weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-publikationen"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=262"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1917,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions\/1917"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}