{"id":263,"date":"2004-11-27T15:58:19","date_gmt":"2004-11-27T22:58:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=114"},"modified":"2019-02-05T19:45:54","modified_gmt":"2019-02-06T03:45:54","slug":"traum-aus-wasser-und-viel-luft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/traum-aus-wasser-und-viel-luft\/","title":{"rendered":"Traum aus Wasser und viel Luft"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen Nr. 47\/ 2004 in B\u00f6rse Online<\/em><\/p>\n<p>Ein erhabener Moment: Kanadische Politiker trinken das Wasser, das ein mit Brennstoffzellen angetriebener Stadtbus ausscheidet &#8211; als einzigen &#8220;Schadstoff&#8221;. Fernsehkameras laufen, die Politiker l\u00e4cheln, und die Firma Ballard Power Systems Inc. im westkanadischen Vancouver hat einmal mehr demonstriert: So rein ist unser Antriebssystem f\u00fcr das Auto der Zukunft.<\/p>\n<p>Das war in den neunziger Jahren. Seither sind die erhabenen Momente f\u00fcr den Brennstoffzellen-Hersteller immer seltener geworden. Der Aktienkurs von Ballard, der im M\u00e4rz 2000 noch in Toronto bei \u00fcber 180 kanadischen Dollar notiert hatte, ist heute noch etwa 9,75 kanDollar wert. Bislang hat die Firma kumulative Verluste von 525 Millionen kanDollar angeh\u00e4uft. Trotzdem geh\u00f6rten die Ballard-Manager zu den bestbezahlten des Landes.<\/p>\n<p>Der Brennstoffzellen-Strom, der den herk\u00f6mmlichen Verbrennungsmotor ersetzen soll, treibt aber derzeit immer noch weniger als 100 Prototypen an. Die Zeit von Ballards unhaltbaren Prognosen ist vorbei: Vorstandschef Dennis Campbell sagt nicht mehr &#8211; wie sein vollmundiger Vorg\u00e4nger Firoz Rasul -, in welchem Jahr er erstmals mit einem Gewinn rechnet. Oder in welchem Zeitraum ein mit Ballards Brennstoffzellen angetriebenes Auto in die Massenproduktion gehen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Die Anleger sind ohnehin misstrauisch geworden: Ende 2002 erkl\u00e4rten die Ballard-Manager, man habe gen\u00fcgend Barmittel bis 2007. Aber was geschah? Zwei Tage sp\u00e4ter gab Ballard \u00fcber sieben Millionen neue Aktien aus &#8211; und verw\u00e4sserte die Titel der alten Eigner. Das emp\u00f6rte nicht nur die Finanzgemeinde. Die Euphorie f\u00fcr Brennstoffzellen-Autos hat sich elf Jahre nach dem B\u00f6rsengang von Ballard deutlich abgek\u00fchlt. Tiefe Skepsis macht sich bei Wissenschaftern, Umweltsch\u00fctzern und Finanzanalysten breit.<\/p>\n<p>Dabei sah es vor einigen Jahren noch so vielversprechend aus &#8211; in der Theorie. Die Brennstoffzellen hatte ein britischer Physiker vor 160 Jahren erfunden: Brennstoffzellen wandeln die Energie einer elektro-chemischen Reaktion zwischen Wasserstoff und Sauerstoff direkt in Elektrizit\u00e4t und Hitze um &#8211; mit dem einzigen Nebenprodukt Wasser. Die Raumfahrt entdeckte die Technologie in den sechziger Jahren wieder. Der Ingenieur Geoffrey Ballard entwickelte die Technologie in den achtziger Jahren weiter. Der Kanadier entwickelte eine Art Mini-Kraftwerk, das ein elektrisches Auto antreiben k\u00f6nnte. Ein Stadtbus wurde der erste Prototyp mit Brennstoffzellen-Antrieb.<\/p>\n<p>Autokonzerne sprangen auf den Ballard-Bus auf: Sie waren durch Regierungsnormen f\u00fcr abgasfreie Autos in Kalifornien unter Druck geraten (der heute aber ziemlich abgenommen hat). 1997 beteiligten sich DaimlerChrysler AG und Ford Motor Co. an Ballard. Ein Daimler-Manager k\u00fcndigte an, im Jahr 2005 w\u00fcrden 100000 Brennstoffzellen-Autos vom Band rollen.<\/p>\n<p>Von wegen: Ein kommerziell realisierbares (sprich konkurrenzf\u00e4higes) Produkt gibt es bis heute nicht. Finanzanalyst Brian Piccioni von BMO Nesbitt Burns in Toronto behauptet, dass es sehr wahrscheinlich gar nie soweit kommen werde. Denn die Sache hat mehrere Haken: Wasserstoff ist n\u00e4mlich keine Energie an sich, sondern nur ein Energietr\u00e4ger. Wasserstoff wird heute vor allem aus Naturgas hergestellt, andere Methoden wie Elektrolyse sind ebenfalls m\u00f6glich. Auf jeden Fall braucht der Herstellungsprozess enorm viel Energie. Das ist teuer und l\u00f6st weder Energieknappheit noch Umweltprobleme. Alternative Energien wie Solarstrom, Windm\u00fchlen oder Erdw\u00e4rme w\u00fcrden niemals f\u00fcr die globale Wasserstofferzeugung ausreichen.<\/p>\n<p>Teuer und knapp ist auch Platin, das im Innern der Brennstoffzellen gebraucht wird. Zudem ist es schwierig und kostspielig, Wasserstoff zu lagern, zu komprimieren oder zu verfl\u00fcssigen und zu transportieren. Felix Pilorusso aus Toronto sch\u00e4tzt, dass allein die Herstellung von Wasserstoff bis zu zehnmal teurer sei als von Benzin &#8211; von den anderen Kosten ganz zu schweigen. &#8220;Bis es nicht g\u00fcnstigere Wege gibt, Wasserstoff zu produzieren, sind Brennstoffzellenautos nicht attraktiv&#8221;, sagt Pilorusso, ein Berater der Autoindustrie. Er glaubt, zum Durchbruch werde es noch einige Jahrzehnte dauern.<\/p>\n<p>Nicht nur das: Benzin-Tankstellen m\u00fcssten durch eine Wasserstoff-Infrastruktur ersetzt werden. Doch wer bezahlt die gesch\u00e4tzten 500 Milliarden US-Dollar daf\u00fcr? Neben Daimler\/Chrysler und Ford investieren zwar Autohersteller wie General Motors, Toyota, Honda und Nissan weiterhin in den Brennstoffzellen-Antrieb.<\/p>\n<p>Aber vorerst und in naher Zukunft wird auf den erstaunlich erfolgreichen Hybridantrieb gesetzt, Autos, die mit Benzin und Strom fahren k\u00f6nnen, wie &#8220;Prius&#8221; von Toyota oder &#8220;Civic&#8221; von Honda. In den kommenden Jahren d\u00fcrften aber auch die Verbrennungsmotoren punkto Benzinverbrauch und Abgase stark verbessert werden.<\/p>\n<p>Doch das ist nicht die einzige Konkurrenz f\u00fcr Ballard: Heute arbeiten mindestens 50 weitere Firmen in Nordamerika, Japan und Europa an Brennstoffzell-Systemen und Auto-Komponenten.<\/p>\n<p>Sollte ein Wettbewerber eine bessere Technologie anbieten, k\u00f6nnen Daimler\/Chrysler und Ford laut Abkommen aus ihrem Vertrag mit Ballard aussteigen. Im Juli haben die beiden Autohersteller die deutsche Brennstoffzellen-Division (Ballard AG), die die Kanadier vor drei Jahren erworben hatten, von Ballard Power Systems zur\u00fcckgekauft Mit dieser Division wollten die Kanadier eine ganze Reihe neuer Anwendungen f\u00fcr Brennstoffzellen im Autobereich (etwa f\u00fcr K\u00fchlung oder Regulierung des Energieverbrauchs) entwickeln, was der Firma in der Zukunft weitere potentielle Einkommensquellen erm\u00f6glicht h\u00e4tte. Schon fr\u00fch warnten aber Marktbeobachter in Nordamerika, dass dadurch die verf\u00fcgbaren Barmittel viel rascher verbrannt w\u00fcrden und dass die Kanadier nicht Produkte entwickeln sollten, deren Experten sie nicht sind. Ballard kann sich nun auf die Verbesserung der Brennstoffzellen konzentrieren, was sicher Herausforderung genug ist. Aber drei Jahre Arbeit und gro\u00dfe Geldbetr\u00e4ge sind vertan.<\/p>\n<p>Finanzanalyst Robert Stabile von CIBC World Markets in Toronto betont: &#8220;Brennstoffzellen sind eine Realit\u00e4t.&#8221; Aber auch er glaubt, dass es &#8220;viele Generationen&#8221; dauern werde, bis die Probleme gel\u00f6st seien. Er sieht den Aktienkurs in 12 Monaten bei 11,50 kanDollar. Gleichzeitig r\u00e4umt Stabile ein, dass eine Analyse von Ballard lediglich auf vielen Vermutungen basiere. Und warnt: &#8220;Das ist eine langfristige Investition. Man wird nicht \u00fcber Nacht einen Gewinn sehen.&#8221;<\/p>\n<p>Andere Finanzanalysten halten die Firma schlicht f\u00fcr unanalysierbar. &#8220;Wegen des extrem weiten Zeithorizontes ist es schwierig, einen Grund zu finden, warum jemand in Ballard investieren soll&#8221;, sagt MacMurrey Whale von National Bank Financial in Toronto. Whale w\u00fcrde keine Wette darauf abschlie\u00dfen, dass Ballard in zehn Jahren noch existiert. Kleine Anleger sollten im besten Fall nur einen Bruchteil ihres Geldes in Ballard investieren, r\u00e4t er. Sinnvoller w\u00e4re es, die Titel verkaufen und die Verluste durch bessere Anlagen wettzumachen.<\/p>\n<p>Es ist zwar denkbar, dass sich eines Tages Ballard-Produkte in Nischenm\u00e4rkten durchsetzen k\u00f6nnten, wo die Kosten nicht so eine gro\u00dfe Rolle spielen: etwa Brennstoffzellen als Batterie-Ersatz f\u00fcr Gabelstapler, Rasenm\u00e4her, Fernsehkameras, Handys, abgasfreie Fahrzeuge in Bergwerken. Oder f\u00fcr Stadtbusse. Aber das w\u00fcrde nicht die heutige Marktkapitalisierung von 1,16 Milliarden kanDollar rechtfertigen.<\/p>\n<p>Es ist auch gut m\u00f6glich, dass der Aktienkurs aufgrund kurzfristiger Spekulation vor\u00fcbergehend wieder steigt. Dennoch: mit Ballard-Aktien kauft man sich einen Traum &#8211; eine schlechte Basis f\u00fcr Investitionen.<\/p>\n<p><strong>Interview mit Dennis Campbell, Vorstandschef und Pr\u00e4sident von Ballard Power Systems Inc.:<\/strong><\/p>\n<p><em>Frage: K\u00f6nnen Sie den Anlegern garantieren, dass es je eine Massenherstellung von Brennstoffzellenautos geben wird?<\/em><\/p>\n<p><em>Campbell: Es ist schwierig, ein Produkt zu garantieren, das noch nicht auf dem Markt ist. Ich glaube allerdings, dass Brennstoffzellen der Antrieb f\u00fcr Autos des 21. Jahrhunderts sind. Es wird viel schneller passieren, als die meisten Leute denken.<\/em><\/p>\n<p><em>Frage: Weshalb kommt man mit der kommerziellen Fertigung von Brennstoffzellenautos nicht voran?<\/em><\/p>\n<p><em>Campbell: Die Technologie wird beherrscht und ihr Potential ist erwiesen. Aber es gibt Herausforderungen, vor allem mit den Kosten und der Lebensdauer von Brennstoffzellen. Ballard stellt sich diesen Herausforderungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Frage: Immer mehr Experten sagen, dass die Wasserstoffherstellung noch lange, lange Zeit &#8211; und vielleicht immer &#8211; viel zu teuer f\u00fcr eine Massenfertigung von Brennstoffzellenautos sein wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Campbell: Es gibt andere Experten, die glauben, dass die Kosten von Wasserstoff auf der Basis Energie-pro-gefahrenen-Kilometer tiefer als jene von Benzin sein k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst wird Wasserstoff vor allem mit Hilfe von Erdgas hergestellt werden. Aber Erdgas ist eine begrenzte Ressource wie Erd\u00f6l. Das allgemeine Ziel sind erneuerbare Energiequellen wie Erdw\u00e4rme, Sonnenenergie, Wind oder Wasserkraft. Aber ich glaube, wenn einst die nat\u00fcrlichen Ressourcen ersch\u00f6pft sind, dann wird Wasserstoff durch Atomenergie produziert werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Frage: Viele Anleger sind entt\u00e4uscht und verwirrt. Fundamentale Zweifel an der Machbarkeit einer Massenfertigung von Brennstoffzellenautos nehmen zu. \u00dcberrascht Sie das?<\/em><\/p>\n<p><em>Campbell: Die harte Arbeit, um brillante neue Ideen in praktische, konkurrenzf\u00e4hige, kommerzielle Produkte zu verwandeln, scheint oft l\u00e4nger zu dauern, als wir uns das w\u00fcnschen. Wir bauen die Autos nicht. Wir sind eine Entwicklungsfirma. Wir wollen realistisch sein. Die Autohersteller und die Kunden werden entscheiden, wann die ersten Brennstoffzellenautos auf den Markt kommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Frage: Sie geben sich weiter optimistisch. Worauf basieren Sie Ihre Zuversicht?<\/em><br \/>\n<em> Campbell: Jede Nation sucht nach erd\u00f6lunabh\u00e4ngigen Energien. Dieser Trend wird zunehmen. China hat den am st\u00e4rksten wachsenden Automarkt der Welt und gleichzeitig gro\u00dfe Probleme mit der Luftverschmutzung. Derzeit besitzen nur acht von 1000 Chinesen ein Auto, in den USA sind es mehr als 800 von 1000. Indien ist ganz \u00e4hnlich wie China. Brennstoffzellen sind die perfekte L\u00f6sung. Warum nicht direkt eine Wasserstoff-Infrastruktur einf\u00fchren? <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen Nr. 47\/ 2004 in B\u00f6rse Online Ein erhabener Moment: Kanadische Politiker trinken das Wasser, das ein mit Brennstoffzellen angetriebener Stadtbus ausscheidet &#8211; als einzigen &#8220;Schadstoff&#8221;. 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