{"id":97,"date":"2003-11-01T15:44:39","date_gmt":"2003-11-01T22:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernadettecalonego.com\/deutsch\/?p=97"},"modified":"2019-02-08T08:12:13","modified_gmt":"2019-02-08T16:12:13","slug":"auf-pilzjagd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernadettecalonego.com\/de\/auf-pilzjagd\/","title":{"rendered":"Auf Pilzjagd"},"content":{"rendered":"<p><em>Erschienen im November 2003 in &#8220;natur + kosmos&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Es ist sechs Uhr morgens. Noch liegt die Nacht pechschwarz \u00fcber das Nass Valley, verh\u00fcllt die m\u00e4chtigen Gipfel und die Seen. Ein alter Lastwagen rumpelt klappernd \u00fcber die Schotterstrasse, ungeachtet der Schlagl\u00f6cher. Seine Scheinwerfer erfassen schwach die R\u00e4nder der riesigen W\u00e4lder, die sich auf beiden Seiten der Forststrasse ausdehnen. Dichte Nebelschwaden verk\u00fcrzen die Sicht auf wenige Meter. Doch Doug Mighton, der Fahrer, drosselt sein Tempo nicht.<\/p>\n<p>Der Kanadier will keine Zeit verlieren, denn er ist auf der Jagd nach dem &#8220;wei\u00dfen Gold&#8221;. Jedermann im Gebirgstal des Flusses Nass wei\u00df, was damit gemeint ist: ein elfenbeinfarbener, kostbarer Pilz. In den Herbstmonaten str\u00f6men Gl\u00fccksritter, Abenteurer und Waldl\u00e4ufer aller Art in diese abgelegene Region im Nordwesten der kanadischen Provinz British Columbia. Die meisten sind bei der Kleinstadt Terrace auf den Nisga\u00b4a Highway eingebogen. Ihr Ziel sind die alten Nadelw\u00e4lder, die in ihrem Boden einen wertvollen Schatz bergen: den &#8220;Matsutake&#8221;, auch &#8220;Pine Mushroom&#8221; (zu Deutsch: Kiefernpilz) genannt. Dieser w\u00fcrzige Esspilz wird fast ausschlie\u00dflich nach Japan exportiert, wo er als traditionelle Delikatesse f\u00fcr viel Geld gehandelt wird. Die Japaner lieben den Matsutake nicht nur wegen seines delikaten Geschmacks, sie sprechen ihm auch medizinische Wirkungen zu. In Kanada l\u00f6st der Pilz eher eine Art Rausch aus, dem jedes Jahr Tausende von Sammlern erliegen. Sie folgen dem Lockruf von Geschichten, wonach Pfl\u00fccker in wenigen Wochen ein Verm\u00f6gen verdienten, nachdem sie ertragreiche Matsutake-Felder gefunden hatten.<\/p>\n<p>Dieses Jagdfieber treibt Doug Mighton trotz seiner 76 Jahre immer noch in die Wildnis. Es ist st\u00e4rker als die Angst vor B\u00e4ren, Pumas und Kojoten. Es treibt ihn durch Dornengestr\u00fcpp, Schluchten und S\u00fcmpfe, l\u00e4sst ihn N\u00e4sse und K\u00e4lte ertragen.<\/p>\n<p>An diesem Morgen ist Doug nicht allein. Vor ihm bahnt sich Norm Kenyon mit seinem Transporter den Weg durch die Dunkelheit. Norm, ein erfahrener Sammler und Pilzh\u00e4ndler, will Doug ein Waldst\u00fcck zeigen, das in fr\u00fcheren Jahren eine Goldgrube war.<\/p>\n<p>Die beiden biegen in einen Waldpfad ein, der von einem Biberdamm \u00fcberflutet ist. Sie lassen ihre Fahrzeuge in einer Lichtung stehen, packen Stock und Plastikt\u00fcten und laufen los. Noch f\u00e4llt nur sp\u00e4rlich Licht durch die Baumkronen. Doug und Norm suchen den Waldboden aufmerksam ab. Der Matsutake ist nicht leicht zu entdecken. Er versteckt sich unter dem luftigen Teppich aus Federmoos, in Wurzelh\u00f6hlen, unter Decken aus Tannennadeln, Bl\u00e4ttern oder morschen St\u00e4mmen auf dem Boden.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sieht Doug in all dem Gr\u00fcn und Braun etwas Wei\u00dfes aufblitzen, den ber\u00fchmten &#8220;white flash&#8221;, der unweigerlich bei jedem Sammler einen Adrenalinstoss ausl\u00f6st. Auf den Knien sch\u00e4lt Doug das Exemplar, von dem nur ein kleiner Streifen im Moos zu sehen war, vorsichtig aus seinem Erdbett. Dann h\u00e4lt er ihn stolz in die H\u00f6he: &#8220;Was f\u00fcr eine Sch\u00f6nheit!&#8221;, ruft er aus. Der Pilzkopf ist fest und rund, die d\u00fcnne Membrane zwischen Haube und Stamm intakt. Der Pilz hat keine W\u00fcrmer und ist auch nicht von Eichh\u00f6rnchen angefressen. Dougs Exemplar wiegt ein halbes Pfund und wird die h\u00f6chste Bewertung des H\u00e4ndlers erhalten: &#8220;Number One&#8221;.<\/p>\n<p>Soogleich tastet Doug mit seinen runzligen H\u00e4nden die Umgebung ab, und tats\u00e4chlich &#8211; unter dem Moos verbergen sich noch drei weitere Matsutake. Nach einigen Stunden ausgedehnter Suche sind die beiden M\u00e4nner allerdings entt\u00e4uscht: Die Ausbeute ist gering. Andere Pilzsucher waren vor ihnen da gewesen, wie dunkle L\u00f6cher im Moos und weggeworfene wurmstichige Pilze beweisen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag trifft Norm in Nass Camp ein, einer einsamen Siedlung mitten in der Wildnis. Zum ehemaligen Holzf\u00e4ller-Lager geh\u00f6ren ein Restaurant mit schummriger Bar, eine Tankstelle und ein Gemischtwarenladen. Ab vier Uhr nachmittags rumpeln alte Lastwagen, Jeeps, sch\u00e4bige Wohnbusse und rostige Autos durch die Pf\u00fctzen und \u00fcber die Bodenwellen des lehmigen Platzes. Ihr Ziel sind die H\u00fctten der Pilzh\u00e4ndler, die im Sp\u00e4tsommer und Herbst als mobile Kaufstationen am Rande von Nass Camp stehen.<\/p>\n<p>Rund ein Dutzend Matsutake-K\u00e4ufer wartet hier auf die Sammler, die begierig sind, den heutigen Preis zu erfahren. Am Vorabend zahlten die H\u00e4ndler f\u00fcr ein Pfund &#8220;Pines&#8221; elf kanadische Dollar. Deprimierend wenig, finden die Pfl\u00fccker. Sie schimpfen \u00fcber dieses &#8220;Halsabschneider-Gesch\u00e4ft&#8221;. Zu Anfang der Pilzsaison hatte der Preis noch bei 55 Dollar pro Pfund gelegen (ein kanadisches Pfund betr\u00e4gt 453 Gramm). Trotzdem schw\u00e4rmen die &#8220;Shroomers&#8221; (Kurzform f\u00fcr &#8220;mushroomers&#8221;) aus und hoffen, dass sich die Marktlage bis zum Abend ver\u00e4ndert. Die meisten haben schon erlebt, wie schnell sich ihr Gl\u00fcck zum Bessern wenden kann, und harren aus.<\/p>\n<p>Norm Kenyon hat den alten Ofen in seinem Bretterverschlag geheizt. Einige m\u00fcde M\u00e4nner fl\u00e4zen sich in abgewetzten Polstersesseln. Thermosflaschen mit hei\u00dfem Kaffee stehen auf einem Brett an der Wand. In manchen H\u00fctten verw\u00f6hnen die H\u00e4ndler ihre Kunden auch mit einem Marihuana-Joint, dessen s\u00fc\u00dfer Duft sich mit dem kr\u00e4ftigen Tannengeruch der Pilze mischt. Viele dieser Sammler wollen ihren Namen oder ihre Lebensumst\u00e4nde nicht preisgeben. Schlie\u00dflich bezahlt kaum ein Pfl\u00fccker Steuern f\u00fcr das Bargeld, das hier direkt \u00fcber den Tisch geht.<\/p>\n<p>Das Forstministerium von British Columbia sch\u00e4tzt, dass in dieser Provinz j\u00e4hrlich 250 bis 400 Tonnen Matsutake geerntet werden. Das Gesch\u00e4ft mit wilden Pilzen beziffern die Beh\u00f6rden auf 25 bis 45 Millionen kanadische Dollar. Doch sie haben vorl\u00e4ufig ihre Absicht aufgegeben, das Pilzesammeln zu regulieren und zu kontrollieren. Der Markt ist einfach zu un\u00fcbersichtlich.<\/p>\n<p>Dieses Gef\u00fchl von Freiheit und unkontrollierter Existenz zieht viele Pfl\u00fccker an. Auch Frauen. &#8220;Da kommt meine beste Sammlerin&#8221;, ruft Norm. Durch die T\u00fcr seiner H\u00fctte tritt eine Frau in den F\u00fcnzigern, mit blondem, kurzgeschnittenem Haar und sanftem Gesicht. Ann Whaley legt mehrere schwere Plastikt\u00fcten auf den Ladentisch. Lachend wehrt sie Norms Kompliment ab. &#8220;Ich bin nur ein Baby im Gesch\u00e4ft&#8221;, sagt sie und l\u00e4sst sich in einen Sessel fallen. &#8220;Ich mach das erst seit zwei Jahren.&#8221; Ann nimmt einen kr\u00e4ftigen Schluck Kaffee. Diese m\u00e4dchenhafte, schlanke Frau geht mit ihrem Hund immer allein in den Busch. Sie tr\u00e4gt ein GPS, ein Global Positioning System, um den Hals. Dieses Ger\u00e4t hilft ihr, zu ihrem Wohnmobil zur\u00fcckzufinden. &#8220;Ich f\u00fchle mich wohl im Busch&#8221;, sagt sie. &#8220;Doch wenn pl\u00f6tzlich ein Grizzly auftaucht und ich bin zwei Stunden von meinem Wagen entfernt, ist es schon unheimlich.&#8221; Gl\u00fccklicherweise hat sich der B\u00e4r nach bangen Minuten zur\u00fcck gezogen. Andere Pfl\u00fccker gehen lieber mit dem Gewehr in den Wald.<\/p>\n<p>Ann Whaley ist heute nicht zufrieden. Sie war bei einer Stelle, wo sie im vergangenen Jahr viele Pilze gefunden hatte. Doch das Waldst\u00fcck wurde inzwischen gerodet. &#8220;Es geht f\u00fcnfzig Jahre, bis dort wieder Pilze wachsen&#8221;, klagt sie.<\/p>\n<p>Was die Matsutake zum Gedeihen bringt, wei\u00df man nicht genau. Sie wachsen in der Regel in W\u00e4ldern mit 50 bis 200j\u00e4hrigen Nadelb\u00e4umen, von deren Wurzelsystem sie sich in einem symbiotischen Austausch ern\u00e4hren. Die Pilze bevorzugen durchl\u00e4ssige Erde. Viele Sammler halten vulkanischen Boden f\u00fcr besonders ertragreich, wie im Nass Valley, wo der Vulkan Wilksi Baxhl Mihl vor \u00fcber 250 Jahren einen gro\u00dfen Teil des Tales unter Lavastr\u00f6men begrub. Niemand schaffte es bislang, die &#8220;Pine Mushrooms&#8221; unter k\u00fcnstlichen Bedingungen zu kultivieren.<\/p>\n<p>Zu den gl\u00fccklichen Sammlern z\u00e4hlt an diesem Abend ein junger Indianer, der schwer beladen in die H\u00fctte stolpert. Gerald Clayton vom Stamm der Nisga`a-Indianer strahlt \u00fcbers ganze Gesicht. Er hat in f\u00fcnf Stunden 25 Pfund Pilze gepfl\u00fcckt. &#8220;Man muss halt jeden Baum pers\u00f6nlich kennen&#8221;, witzelt er und l\u00e4sst sich 383 Dollar bar auszahlen. Er will gleich wieder zu seiner Fundstelle zur\u00fcckgehen &#8211; mit einer Taschenlampe.<\/p>\n<p>Als die Nacht hereinbricht, schlie\u00dft Norm die T\u00fcr seines Verschlags und sortiert die Pilze in Plastikk\u00f6rbe. Um neun Uhr abends kommt ein Lastwagen, um die Ausbeute des Tages nach Terrace zu bringen. Von dort geht es im Flugzeug nach Vancouver, wo sie von Pilz-Firmen nochmals sortiert, gereinigt und verpackt werden. Nach 72 Stunden liegt die Delikatesse schon in den Auktionsh\u00e4usern in Tokio und Osaka.<\/p>\n<p>Der Matsutake ist Teil der japanischen Kultur. Bis ins 18. Jahrhundert war der Verzehr dieses Pilzes nur Adligen erlaubt. Heute symbolisiert er f\u00fcr viele Japaner Fruchtbarkeit und Gl\u00fcck. Kanada ist Japans viertgr\u00f6sster Matsutake-Lieferant, nach China, S\u00fcdkorea und Nordkorea. In Kanada selber wird der Matsutake praktisch nur in asiatischen Restaurants und L\u00e4den angeboten.<\/p>\n<p>Wohin die kostbaren Pilze verkauft werden, interessiert die Sammler im Weste Kanadas wenig. F\u00fcr sie z\u00e4hlt nur der Preis &#8211; und der Hauch von Freiheit und Abenteuer, den ihre Suche nach den Pine Mushrooms umgibt. Das gilt auch f\u00fcr J acques und Ayca, die aus der Provinz Quebec kommen. Das junge Paar &#8211; beide sind 26 Jahre alt &#8211; sitzt mit M\u00fctze und Schal in seinem kleinen Zelt. Aber die Freiheit der Pfl\u00fccker geht ihnen \u00fcber alles. &#8220;Wir gehen in den Busch, wann wir wollen und wir verkaufen die Pilze, an wen wir wollen&#8221;, sagt Jacques.<\/p>\n<p>Der junge Mann kennt aber auch den Preis dieser Freiheit. Nicht alle Pfl\u00fccker haben Gl\u00fcck. Manche finden so wenige Pilze, dass sie am Ende mit weniger Geld dastehen als bei ihre Anreise. Jacques kennt sogar M\u00e4nner, die ihr Auto verkaufen mussten, um wieder nach Hause zu kommen. Doch wer vom Virus des Matsutake befallen ist, kommt so schnell nicht wieder los. &#8220;Weil sie an einem guten Tag 300 Dollar verdienen k\u00f6nnen, kommen viele Pfl\u00fccker Jahr f\u00fcr Jahr zur\u00fcck&#8221;, sagt Jacques, &#8220;nur wegen dieses einen guten Tages.&#8221;<br \/>\nDenn die Hoffnung aufs grosse Geld verl\u00e4sst sie nie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im November 2003 in &#8220;natur + kosmos&#8221; Es ist sechs Uhr morgens. Noch liegt die Nacht pechschwarz \u00fcber das Nass Valley, verh\u00fcllt die m\u00e4chtigen Gipfel und die Seen. Ein alter Lastwagen rumpelt klappernd \u00fcber die Schotterstrasse, ungeachtet der Schlagl\u00f6cher. 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