Ernte

Wenn ich jeweils einen Krimi fertig geschrieben habe, befinde ich mich in einer guten Phase. Es ist vollbracht! Zwar stehen mir immer noch die Rückmeldungen meiner TestleserInnen bevor und später wird die Lektorin Gisa Marehn den Text gründlich bearbeiten und Änderungen vorschlagen. Aber grundsätzlich steht wieder ein Buch und ich kann aufatmen. Im November werde ich euch mehr über den neuen Krimi verraten (er kommt im Februar heraus).

Es fällt mir nie leicht, mein Manuskript, das während Monaten mir ganz allein gehörte, weiterzugeben. Gleichzeitig habe ich allerdings plötzlich wieder Zeit für alles Mögliche, während andere Leute sich mit dem Text befassen. Ich kann öfters Freunde treffen, im Café verweilen, nicht nur abends Bücher lesen, ich kann mein bürokratisches Leben organisieren, neue Rezepte ausprobieren, Online-Zeitungen ausführlicher lesen, zwei Spaziergänge an einem Tag machen, lange Telefongespräche führen, Socken stopfen, ungeöffnete Umzugsschachteln durchgehen, die Namen von Blumen und Vögeln nachschauen, Urlaubspläne fürs kommende Jahr machen. Das ist Luxus für mich!

“Du musst sehr diszipliniert sein”, sagen Leute immer wieder zu mir, “um zu Hause Bücher zu schreiben.” Das stimmt. Jeden Morgen, auch am Wochenende, setze ich mich hin und arbeite. Dennoch brauche ich auch das Faulsein, die frei schwebenden Gedanken, oder die Option, banale Dinge zu ungewohnten Zeiten tun, kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich die Arbeit verschiebe, um jemanden zu treffen, oder um an einer Zoom-Konferenz teilzunehmen oder einen Anlass zu besuchen. Was für ein Vergnügen, einen regnerischen Samstagmorgen einfach im Bett zu verbringen!

Meinem Lieblingsfischer geht es ganz ähnlich. Er fährt in der Fischereisaison fast täglich auf den Ozean hinaus, im Sommer geht es oft non-stop, ohne Pause, morgens um halb vier Uhr raus aus den Laken. Aber wenn er vom Wetter und vor allem vom Wind gezwungen wird, zu Hause zu bleiben, kann er es nicht wirklich genießen, weil er eine Ladung Fische und das damit verbundene Einkommen verliert. Und weil er trotz allem denkt: Vielleicht lässt der Wind nach, vielleicht können wir heute Abend die Netze setzen.

Wenn ich abends ausgehe und es dauert bis spät in die Nacht, bin ich zu aufgedreht, um sofort einzuschlafen. Wenn ich dann endlich entschlummere, erwache ich morgens aus Gewohnheit trotzdem früh. Leider kann ich nicht kreativ sein, wenn ich im Kopf müde bin. Deshalb bin ich froh, dass ich in einer entlegenen Gegend in Neufundland lebe, in der es wenig Versuchungen gibt, die halbe Nacht außer Haus zu verbringen. Das spare ich mir für meine Reisen auf.

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